nicht statt finden ; da der Richtungen an und für sich wenigere sind , so ist die ganze Erziehung einfacher , und die natürliche Folge davon ist , daß das Innere des Zöglings eine bestimmte Form annimmt , die sich zuletzt von selbst gegen alle Unform vertheidigt , und im Kampfe mit derselben zu einer höheren Entwickelung führt . Ganz unstreitig verdanke ich nicht nur den größten , sondern auch den besten Theil meines Wesens der Erziehung , die ich in dem Hause meines Pflegevaters erhielt . Die Gewöhnung zur Reinlichkeit mußte mir die Reinlichkeit zum Bedürfniß machen ; und indem der materielle Schmutz ein Gegenstand des innigsten Abscheues für mich wurde , konnte der immaterielle , vermöge des Zusammenhanges , worin das Physische mit dem Geistigen im Menschen steht , keinen Eingang bei mir finden . Mit der Liebe zur Reinlichkeit aber stand die Schamhaftigkeit in der vollkommensten Harmonie . Da das Wohnhaus geräumig genug war , so hatte jedes Mitglied der Familie sein eigenes Schlafzimmer ; dabei erforderte eine hergebrachte Sitte , nicht anders als vollkommen angekleidet aus demselben zu treten . Jene Einrichtung und diese Sitte brachten die Wirkung hervor , daß , wie ungezwungen der Umgang im Übrigen auch seyn mochte , doch Keiner von uns begriff , wie es möglich sey , sich in Gegenwart eines Andern aus- oder anzukleiden . Ich mochte ein Alter von zehn Jahren erreicht haben , als der Anblick eines achtjährigen Knaben , der sich in meiner Gegenwart die Strümpfe aufband , mich in eine solche Verlegenheit setzte , daß ich nicht im Zimmer bleiben konnte ; und der bloße Umstand , daß ich diese Scene niemals habe vergessen können , beweiset mehr , als alles , was ich darüber zu sagen vermag , wie sehr die Schamhaftigkeit in mein Wesen übergegangen war . Dies verhinderte indessen nicht , daß ich den Umgang mit Knaben , so oft dazu Gelegenheit war , nicht unendlich interessanter gefunden hätte , als den mit jungen Mädchen . Ein geheimer Zug that hier alles ; allein wie unwiderstehlich er immer seyn mochte , so folgte ich ihm doch , ich will nicht sagen , mit Vorsichtigkeit - denn diese war für mich gar nicht vorhanden - sondern mit Beibehaltung alles dessen , was mir einmal zur Gewohnheit geworden war , und worüber ich nicht weiter Herr werden konnte . Und so geschah es , daß ich selbst in einem Alter , dem die Herrschsucht ganz fremd ist , die widerstrebende Natur meiner Gespielen männlichen Geschlechts in den Strudel meiner Individualität zog , und diese rettete , ohne für sie zu kämpfen . Fremde Personen nannten mich nicht selten die gesetzte Mirabella ; meinen Pflegeeltern hingegen war eine solche Benennung eben so fremd , als mir ; unstreitig weil sie einsahen , daß mit dieser Gesetztheit keine Art des Zwanges oder des Calculs verbunden war . Ich bewegte mich minder lebhaft , weil die Freiheit mir habituell war , und ich folglich keine Aufforderung hatte , mich zu übernehmen . Mein Pflegevater lehrte mich Zeichnen , Rechnen , Lesen , Schreiben ; und nachdem ich ein Alter von zwölf Jahren erreicht hatte , kam der Unterricht in der Naturgeschichte und Geographie hinzu . Wie sehr er auch Geistlicher war , so befaßte er sich doch nicht mit der Unterweisung in der Religion ; unstreitig aus keinem anderen Grunde , als weil er noch kein bestimmtes Dogma in mich niederlegen wollte . Auch trug er mir nie eine förmliche Moral vor ; und deute ich sein Wesen recht , so hatte er dazu den sehr vernünftigen Grund , daß die Liebe keiner Regulative bedarf , und daß der Haß sie verachtet . Seine Urtheile über Menschen und menschliche Verhältnisse waren die eines gebildeten Mannes , der zwar an Unverstand , aber nicht an Bosheit glaubt , und sich daher immer zur Nachsicht und Schonung berufen fühlt . Nie hab ' ich ihn in Leidenschaft gesehen ; und wenn der Charakter eines Weisen in der Apathie enthalten ist , so war er mehr als tausend Andere ein Weiser . Von meiner Pflegemutter lernte ich Stricken , Nähen , Brodiren ; alles dieses in einem hohen Grade von Vollkommenheit . Wie sehr auch meine Lehrerin in ihren Wirthschaftsangelegenheiten versenkt schien , so fehlte es ihr doch durchaus nicht an Kunstsinn . Die Gewalt des Wahren war für sie eben so wenig vorhanden , als für irgend ein Weib ; aber die Gewalt des Schönen offenbarte sich in allen ihren Schöpfungen , in so fern sie alles verabscheuete , was den ewigen Gesetzen der Harmonie widersprach . Zwar sagt man : » Nur das Wahre sey schön « ; allein , so weit meine Beobachtung reicht , gilt dieser Ausspruch nur in Beziehung auf Männer ; für Weiber ist nur das Schöne wahr , das heißt , sie wollen immer und ewig nur das Schöne , unbekümmert um das Wahre . Vielleicht rührt dieser Unterschied der Geschlechter daher , daß bei den Männern sich die Phantasie dem Verstande , bei den Weibern hingegen der Verstand der Phantasie unterordnet . Wie dem aber auch seyn mag , noch immer soll das Weib geboren werden , bei welchem die Schönheit des Euclideischen Systems Sache der Empfindung oder Anschauung ist . Unbemerkt wuchs ich unter so wohlthätigen Einflüssen , als meine Pflegeeltern waren , heran . Meine Entwickelung ging um so glücklicher von statten , da nichts vorhanden war , was sie hätte stören oder verhindern können . In einem Alter von funfzehn Jahren war mein Wuchs vollendet , und meinem Umriß nach hätte man mich für ein junges Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren halten können . Über das Mittelmaaß hinaus groß und von einer anziehenden Fülle , vereinigte ich Brünettheit mit einer blendenden Weiße , und keiner von meinen Gesichtszügen widersprach der Weiblichkeit . Wer mich sah , verweilte mit Wohlgefallen bei meinem Anblick ; was man aber ganz laut bewunderte , war die Üppigkeit meines kastanienbraunen Haarwuchses ; ich