ein leises , behutsames Ruhen des Mundes auf der Stelle , die er berührt hatte . — Ihr Staunen , von der längst erwarteten , gefürchteten , erhofften Gewalt berührt , ergriffen , eingehüllt und gefangen zu sein , wich mehr und mehr einer schelmischen Neugier auf alles , was nun folgen mußte . Und die Phantasie mit ihren trügerischen Spiegelungen ließ sie im Stich . Es gab für Agathe nur noch zwei Menschen auf der Welt . Sie mußten sich vereinigen , und das Geheimnis der Vereinigung mußte ihr enthüllt werden . Die Neugier wich auch von ihr . Sie war Entweihung . Das Mädchen stand mitten im Allerheiligsten des Gefühls — sie war bereit — wie Julia bereit war für den Geliebten . Während des Mittagsmahles streifte Frau von Woszenska ihren Gast zuweilen mit aufmerksamem Blick . Agathe aß kaum etwas . Auch am Abend nicht . Sie war sehr schweigsam . Doch ein erhöhtes Wohlgefühl vibrierte in ihr . Das Blut klopfte ihr mit stärkerem Pulsschlag in den Adern , es schimmerte rötlicher , gesunder durch die feine Haut der Wangen . Ihr Gang hatte etwas Freies , Leichtes , sie trug den Kopf stolzer und die braunen Haarlöckchen flatterten keck um die Schläfe — um die kleinen heißen Ohren . Wenn das Mädchen irgend eine gleichgültige Antwort geben sollte , lächelte sie den Fragenden mit einem schönen frohen Ausdruck an . Jugend und Leben sprachen beweglich aus ihren feuchtglänzenden Augen . . . . . Nein — das war ja nicht möglich . . . . Herr von Lutz konnte sich nicht in dunkler Nacht aus himmlischen Höhen zu ihr niedersenken , wie Amor die bebende Psyche fand . . . . . Auf der Treppe , die zu Woszenskis Wohnung führte , machte Agathe es sich mit inniger Heiterkeit klar , daß Lutz dieselben Stufen emporsteigen müsse , wenn er sie wiedersehen wolle . Dabei beschlich sie die erste bange Frage , ob das je geschehen würde . Das Gedächtnis für diese Zeit ihres Lebens war später fast in ihr erloschen . Sie hatte keine Erinnerung mehr , wann das trunkene Glück sich in Verwunderung , wann die Verwunderung sich zu Angst und die Angst zu dumpfem , quälendem Kummer sich wandelte . Es geschah alles nicht so , wie sie erwartet hatte . Er kam nicht . Doch sie mußten sich ja wiederfinden . Er wartete wohl auf eine Begegnung , die ihm der Zufall bringen sollte . Zweifel an dem Eindruck , den sie empfangen hatte , kamen Agathe nicht . Sie liebte ihn . Allmählich begann sie zu ahnen , daß Liebe für gewisse Naturen nicht Glück , sondern Leiden ist , und wenn sie nicht zum Höhepunkte gesunden Lebens führt , zur Krankheit wird , an der die Jugend zu Tode welkt . In einem Konzert sah Agathe ihn unerwartet dicht vor sich sitzen . Sie hatte ihn nicht einmal gleich erkannt ; darüber war sie sehr erschrocken . Er trug den Kopf ein wenig geneigt . Zuweilen wandte er ihn mit der Anmut , die gerade diese Bewegung bei ihm auszeichnete , zu der Dame an seiner Seite und sprach ein leises Wort . Agathe wartete in erstickender Spannung , ob er sich auf seinem Stuhl umdrehen und ob sein Blick dann auf sie fallen werde . Er that es nicht . Er schien sehr hingenommen von dem leisen , aber lebhaften Gespräch , das er in den Pausen mit seiner Nachbarin führte . Ein ungemein zierliches kleines Wesen war sie und trug ein schwarzes Kleid mit winzigen Perlen bestickt , die leicht glitzerten , sobald sie sich bewegte , Dazu ein braunes Hütchen mit weißem Krepp . In der Form ihres Kopfes lag eine gewisse Ähnlichkeit mit der des Malers , und auch in der Färbung ihrer Haut , die nichts von dem rosigen Anhauch eines Blondinen-Teints besaß , sondern an den matten Ton des Elfenbeins erinnerte . Aber Lutz hatte ein richtiges Märchenprinzenprofil — und sie zeigte am Ende des Konzertes Agathe ein drolliges Näschen und einen breiten Mund . Nun erkannte Agathe sie . Es war die Schauspielerin , die sie vor ein paar Tagen in einer Knabenrolle bewundert hatte . Ihre affektierte Grazie war die einer kleinen Rokokofigur auf einem Fächer , dessen Farben schon ein wenig verblaßt sind . Frau von Woszenska hatte keinen Platz neben Agathe bekommen und saß mehrere Reihen weiter nach vorn . Als Agathe beim Hinausgehen nur noch durch einige Personen von ihr getrennt war , sah sie , wie Lutz zu ihr trat , um sie zu begrüßen . Sein feines nervöses Gesicht nahm einen liebenswürdigen Ausdruck von Güte , ja von Ehrfurcht an . Während er der Schauspielerin folgte , bemerkte er auch Agathe und lüftete noch einmal leicht den Hut . Er lächelte , seine Augen waren träumerisch , die Erinnerung der Musik lag noch darin . “ Ist Fräulein Daniel mit Herrn von Lutz verwandt ? ” fragte Agathe Frau von Woszenska . “ Nein — ich weiß nichts davon — ich glaube durchaus nicht . . . . Warum ? ” “ Weil sie sich ähnlich sehen . ” “ Ja — Du hast recht ! Das ist doch närrisch ! Sie ist seine Freundin . Ein gescheites Frauenzimmer ! ” Woszenski zeichnete Agathe mehrere Male als Studie zu seiner Novize . Lutz habe ihn auf den Gedanken gebracht — sie habe so fromme Augen . . . Er seufzte viel bei der Arbeit , durchwühlte sein Haar und seinen wirren Bart , starrte über die Brille hinweg und unter ihr hervor . “ So ein weiches Köpfchen , wo noch nichts drin ist — das ist fein — aber schwer — schwer . ” Ihre helle rosige Farbe paßte ihm auch nicht in den Ton des Bildes . Dann ließ er es plötzlich ganz , ohne einen Grund dafür anzugeben . Holten die Damen ihn aus dem Atelier , so fanden sie ihn , versunken