als sich selber – Ella fühlte jetzt erst das Unmögliche der Aufgabe , die man ihr zugewiesen . „ Ich weiß es , Du hast nie zu uns gehört , nie Jemand von uns lieb gehabt , “ sagte sie mit stiller Resignation . „ Gefühlt habe ich es wohl immer ; klar geworden ist es mir erst , seit ich Deine Frau bin , und da war es zu spät . Aber ich bin es doch nun einmal , und wenn Du mich und das Kind verlassen , aufgeben willst um einer Anderen willen – “ „ Wer sagt das ? “ fuhr Reinhold mit einer Entrüstung auf , die ihn freisprach von dem Verdachte , daß ein solcher Gedanke wirklich schon in seine Seele gekommen war . „ Verlassen ? Dich und das Kind aufgeben ? Niemals ! “ Die junge Frau richtete das Auge fragend auf ihn , als verstehe sie ihn nicht . „ Du sagtest doch soeben , Du liebtest Beatrice Biancona ? “ „ Ja , aber – “ [ 445 ] „ Aber ? So mußt Du auch wählen zwischen ihr und uns . “ „ Du entwickelst ja auf einmal eine ganz ungewöhnliche Bestimmtheit , “ rief Reinhold gereizt . „ Ich muß ? Und wenn ich es nun nicht thue ? Wenn ich diese ideale Künstlerliebe für vollkommen vereinbar halte mit meinen Pflichten , wenn – “ „ Wenn Du ihr nach Italien folgst , “ ergänzte Ella . „ Also auch das weißt Du schon ? “ fuhr der junge Mann heftig auf . „ Du scheinst ja so vortrefflich unterrichtet zu sein , daß mir nur noch übrig bleibt , die Nachrichten , die man Dir so freundlich zugetragen , zu bestätigen . Es ist allerdings meine Absicht , in Italien meine Studien fortzusetzen , und wenn ich dort Signora Biancona begegnen sollte , wenn ihre Nähe mir neue Begeisterung zum Schaffen giebt , ihre Hand mir die Künstlerwelt öffnet , so werde ich nicht der Thor sein , das Alles zurückzustoßen , blos weil ich nun einmal das Schicksal habe – eine Frau zu besitzen . “ Ella zuckte zusammen bei der schonungslosen Härte dieser letzten Worte . „ Schämst Du Dich dieser Frau so sehr ? “ fragte sie leise . „ Ella , ich bitte Dich – “ „ Schämst Du Dich meiner so sehr ? “ wiederholte die junge Frau scheinbar ruhig , aber es war ein seltsamer , nervendurchzitternder Klang in ihrer Stimme . Reinhold wendete sich ab . „ Sei nicht kindisch , Ella ! “ erwiderte er ungeduldig . „ Glaubst Du , daß es für einen Mann wohlthuend oder erhebend ist , wenn er von seinen ersten Erfolgen nach Hause kommt und findet hier Klagen , Vorwürfe , kurz , die ganze nüchterne Prosa der Häuslichkeit . Du hast mich bisher damit verschont und solltest das auch in Zukunft thun . Du könntest sonst die Erfahrung machen , daß ich nicht der geduldige Ehemann bin , der dergleichen Scenen widerstandslos über sich ergehen läßt . “ Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf die junge Frau , um die grenzenlose Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs zu erkennen . Sie stand da , nicht wie eine Anklägerin , sondern wie eine Verurtheilte , fühlte sie doch , daß in dieser Stunde das Urtheil ihrer Ehe und ihres Lebens gesprochen wurde . „ Ich weiß wohl , ich bin Dir nie etwas gewesen , “ sagte sie mit bebender Stimme , „ habe Dir nie etwas sein können , und wenn es sich jetzt nur um mich handelte , so ließe ich Dich gehen , ohne ein Wort , ohne eine Bitte weiter . Aber das Kind steht ja noch zwischen uns , und da “ – sie hielt einen Augenblick inne und athmete tief auf – „ da wirst Du es wohl begreifen , wenn die Mutter Dich noch einmal bittet – daß Du bei uns bleibst . “ Die Bitte kam scheu , zaghaft heraus ; man hörte ihr die Ueberwindung an , die es sie dem Manne gegenüber kostete , in dessen Herzen auch nicht mehr eine Stimme für sie sprach , und doch bebte in den letzten Worten ein so rührend angstvolles Flehen , daß es nicht ganz ungehört an dem Ohre ihres Gatten verhallte . Er wandte sich wieder zu ihr . „ Ich kann nicht bleiben , Ella , “ entgegnete er milder als vorhin , aber doch mit kühler Bestimmtheit . „ Es handelt sich um meine Zukunft . Du ahnst nicht , was in dem Worte für mich liegt . Begleiten kannst Du mich nicht mit dem Kinde . Abgesehen davon , daß dies bei einer Studienreise unmöglich ist , würdest Du Dich bald genug unglücklich fühlen in einem fremden Lande , dessen Sprache Du nicht verstehst , unter Verhältnissen und Umgebungen , denen Du auch nicht entfernt gewachsen bist . Du wirst Dich jetzt überhaupt gewöhnen müssen , mich und mein Leben mit einem andern Maßstabe zu messen , als mit dem des engherzigen Vorurtheils und der kleinbürgerlichen Beschränktheit . Du bleibst mit dem Kleinen hier im Schutze Deiner Eltern ; in spätestens einem Jahre kehre ich zurück . In diese Trennung mußt Du Dich fügen . “ Er sprach ruhig , freundlich sogar , aber jedes Wort war eine eisige Zurückweisung , ein ungeduldiges Abschütteln der ihm lästigen Bande . Hugo hatte Recht : er lag bereits zu tief im Banne der Leidenschaft , um noch auf irgend eine andere Stimme zu hören – es war zu spät . Ein kaltes , mitleidloses „ Du mußt Dich fügen “ war die einzige Antwort auf jene rührende Bitte . Ella richtete sich mit einer ihr sonst fremden Entschlossenheit empor , und es war auch ein fremder Klang in ihrer Stimme ; es lag etwas darin von dem Stolze des Weibes , der , jahrelang getreten und unterdrückt , sich endlich doch aufbäumte , als man ihm