Wandtapete . Politik , Kunst , Wissenschaft , Staatsleben , Liebe , Freundschaft und Verwandtschaft ? » O Innocentia ! « seufzte er , und dann dachte er an seinen Wald im Frühling mit Pulmonaria officinalis , Hepatica nobilis , Anemone nemorosa , sowie und vor allen anderen Primula veris in Blüte und Sonnenschein . Nicht mit der Spitze des kleinen Fingers tippte er sich , sondern mit der Faust klopfte er sich vor die Stirn , während die zwei Spukgestalten des Tages aufeinander einzeterten . Er sah sich am Winterabend , während die Kartoffeln in der Asche des niedergesunkenen Kaminfeuers brieten , mit – Oppermann im traulichen Verkehr und – – griff nach seinem Hut und Stock . » Mit diesem Gesindel soll ich mich noch einmal herumschlagen ? « murmelte er . » Nicht um die Glorie aller drei schlesischen Kriege , nicht um den ganzen Ruhm des alten Fritz ! « schrie er und hieb dabei mit solchem Ingrimm auf den Tisch , daß des Barons Teegeschirr ( er trank Kamillentee ) hinunterhüpfte , daß der Baron selber sich statt auf das Sofa daneben auf den Teppich setzte und der Herr von Magerstedt seine Dokumentenmappe zur Erde fallen ließ . » Lassen Sie sich von dem da sagen , wer ich bin , Magerstedt ! Ob Sie mich dann auch zu Ihren Gläubigern zählen werden , ist mir ganz gleichgültig . Machen Sie Ihre Geschäfte ruhig weiter unter sich ab , zu den meinigen habe ich Sie nicht weiter nötig . Ich empfehle mich . « Er empfahl sich in der Tat durch diese Art Abschied zu nehmen mehr als durch irgend etwas anderes , was er im Verlaufe dieser Historia sagte oder tat . Aus der Wand hervor drang ein schwirrender , zirpender Ton ; aber der liebe Himmel bewahre jedermann vor einem derartigen Heimchen am häuslichen Herde . » O , werde du mir nur erst ganz zum Geist , Philibert ! « kicherte Rosa hinter der Tapete ; – ja , sie kicherte diesmal auch , jedoch auf eine ganz andere Weise als der holdselige Spuk im Walde . Der Einsiedler ging bereits die Treppe hinunter , als der Freund Magerstedt an den Onkel Püterich sehr verblüfft die Frage stellte : » Werde ich es vielleicht erfahren , wer dieser rohe Patron mit dieser so ungemein gesunden Lunge und plebejerhaften Faust war ? « Der Onkel nannte kaum vernehmbar den Namen , und der Herr von Magerstedt nahm Platz in dem Lehnstuhle seines Freundes , ohne fürs erste imstande zu sein , seine Schuldverschreibungen auf dem Fußboden zusammenzulesen . In dem Augenblicke jedoch , als der Vater Konstantius drüben jenseits der Gasse die Tür der Konditorei aufdrückte , hatte er sich bereits wieder gefaßt und sprach : » Kennst du das Trauerspiel Herzog Theodor von Gothland vom Auditeur Grabbe in Detmold , Püterich ? « Der Onkel mußte es verneinen . » Nun , du warst immer ein unliterarischer sensueller Bursche , Philibert ; während ich stets meine höchsten Genüsse in Ästheticis suchte und fand . Nun sieh , in jener anmutigen Tragödie schleppt der Herzog seinen Todfeind , den Mohren Berdoa , in eine düstere grausenvolle Höhle mit den aufmunternd traulichen Worten : – – – – – Von keinem Fuß Wird sie betreten , und ununterbrochen ist ' s In ihren Räumen stille wie ein Grab ! Dort Sind wir allein ! Dort will ich dich morden ! Püterich , hier in deiner Höhle sind wir jetzt auch allein , hier will ich dich morden . Die kleine Piepenschniederin kriege ich weder auf deinen noch meinen Kredit mehr . Zwanzig Jahre lang hast du auf meine Kosten gelebt , und heute befinden sich meine Finanzen in einer ebenso totalen Auflösung wie die deinigen . Die Sonne sinkt , An deinem ganzen Körper sehe ich Kein einziges Glied , das mich nicht schwer Beleidigt hätte ; schmeichle dir nicht , daß Du eher stirbst , als bis ein jegliches Die Schuld gebüßt hat ; – nimm Platz und laß uns abrechnen . Mensch , du kannst dich gar nicht setzen , ohne daß ich mir wütend sage , daß ich allein es bin , der die Fähigkeit dazu diese ganzen Jahre hindurch an dir weiter gefüttert hat ! He , he , und solch ein Zusammentreffen – stoßen wie da eben , soll einen wohl gar noch milde stimmen ? O ja , Der fehlte mir auch gerade noch zum heutigen Abend und – zum – Abend – unseres – Lebens – mein guter Püterich ! Sonst aber mag er sich doch ja nicht einbilden , daß er überhaupt noch für mich existiert ! « Zwölftes Kapitel . Die in ihrem süßen Fach doch an manche schöne Leistung gewöhnte junge Dame hinter dem Büfett hatte eine solche wie die des Assessors Hilarion innerhalb der halben Stunde seines Aufenthalts in ihrem Lokal nie erlebt . Selbst sie , die den großartigsten Kuchenesserinnen und Pasteten- und Likörkonsumisten der Stadt ruhig zu , sah , sagte sich mit immer steigendem Erstaunen : » Wenn dies aber gut geht , so will ich es loben ! « Nie hatte ein aufgeregter Verliebter in der Angst und Qual seiner Seele derartig in Süßigkeiten gewütet , wie jetzt unser junger Freund . Zucker , Schlagsahne und Obstsäfte flossen ihm um Lippen und Kinn ; alles , was ihm in die Hand fiel , schien ihm recht zu kommen . Eine Säule abgeleerter Kristallteller und Tellerchen türmte sich auf dem Seitentischchen neben seinem Ellbogen auf , und mit einer Atemnot ringend , setzte er einen Maraschino auf einen Rosoglio , und nicht bloß das , sondern im steten Wechsel gelangte er gänzlich unzurechnungsfähig von Plaisir des dames über Parfait amour zu Lait de vieillesse , als ob nie etwas Natürlicheres für ihn je einem Wiesen- oder Waldborn entsprudelt sei . Dabei behielt er natürlich stieren Blickes durch die Glastür des Konditors die hohe gewölbte Pforte des Püterichshofes drüben mit zwei