Im ersten Morgenschimmer las die Herzogin den Brief Bembos zum andern und zum dritten Male . Dann erhob sie sich schleunig und lief im Schlafgewand auf nackten Sohlen über die kalten Steinplatten der Schloßgänge in die Kammer Don Alfonsos . Sein Lager war leer . Er war in noch früherer Stunde verreist , eine Zeile zurücklassend , er eile nach Bologna , um bei der Gefahr dieser Zeit an der Seite seines Lehnsherrn , mit dem nicht zu scherzen sei , der Heiligkeit Julius des Zweiten , in Treue gefunden zu werden . Er gebe seiner Gemahlin die Regentschaft und zum Berater den Kardinal Ippolito . Hilflos , schutzlos , weinend wie ein Kind kehrte Lucrezia in ihre Kammer zurück . Im hellen Tageslicht wichen die Gespenster , doch die Herzogin , deren der Bruder sich nach und nach wieder völlig bemächtigte , begann mit allen Kräften ihres Geistes für ihn zu wirken und jede Stunde ihres Lebens in seinem Dienste zu verwenden , indem sie sich einbildete , sie tue aus treuer Schwesterliebe , die das Natürlichste in der Welt sei , Erlaubtes und Unerlaubtes für einen großen und unglücklichen Fürsten , ihren geliebten Bruder . War er nicht noch ein Jüngling mit unendlicher Zukunft ? Von seiner Berechtigung aber , in seinen verlorenen Besitz zurückzukehren und in Italien die Herrscherrolle zu spielen , kraft seiner Geburt und seiner seltenen königlichen Begabung , war sie völlig überzeugt . Dem Großrichter hatte sie eine Zeile geschrieben , welche die geheime Botin , ihre Kammerzofe , ihr wieder zurückbringen mußte , und worin sie ihm sagte , sie habe gestern in der römischen Kammer in Freude und Bestürzung über den unerwartet befreiten Bruder Worte geredet , auf die sie sich nicht mehr besinne , und deren sich Strozzi auch nicht erinnere , worum sie ihn nicht einmal bitte , weil sich das bei einem Edelmanne von selbst verstehe . Der Anfang des neuen Jahres war eine Zeit der Angst und Gefahr für ganz Italien . Die Völker waren aufgeregt . Die Höfe lauschten in atemloser Spannung über die Meeresalpen und die Pyrenäen , während Cäsar anfangs wenig von sich hören ließ und sich , wie der Drache seiner Helmzier , aus seinen eigenen Ringen langsam emporhob . Welche Möglichkeiten ! Er konnte aus der herrenlosen Romagna als Condottiere der Venezianer den Papst verjagen . Er konnte , als Verwandter des Könige von Frankreich , durch irgendeine Wandlung der Dinge , von diesem an die Spitze eines seiner in Italien liegenden Heere gestellt werden . Man wußte , es war eine Tatsache , daß Cesare Borgia in Italien beliebt war . Der Instinkt des Volkes und die Begeisterung der Kriegsbeute feierten ihn als den Begünstiger der heimischen Waffen und den grausamen , aber nützlichen Vertilger der kleinen Stadttyrannen . In der Romagna , ja selbst im Ferraresischen , dem Eigentum der Este , vergötterte ihn die Volksmasse und krönte sein Andenken , wie einst das unterste Rom das Andenken Neros bekränzte , an dessen Untergang es auch niemals hatte glauben wollen . Es war ein unheimliches Frühjahr . In den Staatskanzleien wachten die Schreiber über der Feder und nächtlicherweile flogen auf den sturmgepeitschten Landstraßen die Pferde vermummter Boten . Die Herzogin erschien blaß und angegriffen ; denn auch sie legte die Feder nicht aus der Hand . Es galt , die befreundeten italienischen Höfe von den guten Absichten Cesare Borgias zu überzeugen . Sie versicherte sowohl mit den heiligsten Beteuerungen , als mit den feinsten und anmutigsten Wendungen , er komme mit edeln , friedlichen Gedanken und gerechten Absichten . Und dies tat sie aus eigener Klugheit noch vor der Ankunft des zweiten Boten ihres Bruders . Dieser , ein gewisser Federigo , kam mit einem Schreiben an die Herzogin von Ferrara und in einer Sendung an Papst Julius , den Eroberer von Bologna . Der Heilige Vater aber warf den Gesandten Cäsars in den Kerker und Lucrezia gab sich viele vergebliche Mühe , den Kanzler ihres Bruders , wie sie den Abenteurer betitelte , von der gestrengen Heiligkeit loszubitten . Auch den eigenen Gemahl bat sie dringend , ihr in dieser Sache beizustehen . Doch Don Alfonso riet dem Papste im Gegenteil , den zweideutigen Gesandten in der Stille erdrosseln zu lassen – ebenfalls vergeblich , denn der Bote entschlüpfte . Dergestalt hatte die Herzogin hundert Anliegen und Geschäfte zugunsten ihres Bruders . Alle mit der höchsten Klugheit eingeleitet , gefördert , oder aus Vorsicht geschickt wieder abgebrochen ! Durch wenige Zimmerbreiten von ihr getrennt , bemühte sich in demselben Schlosse bis tief in die Nacht der leidende Kardinal ihre Verbindungen mit Don Cesare aufs genaueste zu überwachen und alle ihre Pläne zu studieren , um sie bis auf einen gewissen Punkt reifen zu lassen und dann zu vereiteln . Vor seinem Zurücktritt aus dem ferraresischen Staatsdienst und der Entlassung seiner ausgesuchten und vorzüglich geschulten polizeilichen Werkzeuge reizte es ihn , sein diplomatisches Meisterstück zu liefern . So überblickte er das ganze Gewebe Lucrezias und bewunderte in der Stille seiner Arbeitsräume den Vorrat schärfsten Verstandes und unerschöpflicher Auskünfte , welchen die Herzogin in einer zum voraus verlorenen Sache anwendete . Denn er fing ihre Briefe auf , las sie , versiegelte sie wieder kunstvoll und schickte sie dann gewissenhaft an ihre Bestimmung mit sie begleitenden Schreiben entgegengesetzten Inhalts aus seinem Interessenkreise , welche die Wirkung der ihrigen vollständig zerstörten . Und das tat er , ohne daß Lucrezia eine Ahnung davon hatte . So hatte es der Herzog angeordnet , der die Gemahlin mehr als je liebte , und um jeden Preis schonen , in keiner Weise bloßstellen wollte ; denn er wußte , daß die kluge und reizende Lucrezia bei der Annäherung Cäsars ihrer selbst nicht mehr mächtig war , und wieder in den Bann ihres alten Wesens , ihrer früheren Natur gezogen , schuldvoll und schuldlos sündigte . Demselben Wohlwollen gegenüber dem verführerischen Weibe verfiel auch der Kardinal . Er bewunderte den schützenden Zauber des von ihr ausgehenden Liebreizes