vornehm breit auf den Rasenplatz herabstieg , stand eine Frau , eine feine , schlanke , fast mädchenhaft zierliche Erscheinung . Sie hatte einen Tisch neben sich stehen , auf welchem Bücher und Bilder aufgehäuft lagen , und war mit Abstäuben derselben beschäftigt . Befremdet sah sie auf die unsicher Näherkommende und ließ unwillkürlich das Bild sinken , das sie eben mit dem Staubtuche säuberte – es war Flora ’ s Photographie im Ovalrahmen . Das konnte doch unmöglich die Tante Diakonus sein ! Nach Flora ’ s eben gehörter , mit beißender Ironie getränkter Schilderung hatte sich Käthe ein kleines , gebücktes , wenn auch immer noch rasches Hausmütterchen mit küchengeschwärzten Händen gedacht , das , zwischen Pfannen und Töpfen und Einmachbüchsen grau geworden , nichts Lieberes that , als Pfannkuchen backen – das Bild war unvereinbar mit dieser Dame , deren kleines , allerdings ältliches Gesicht so zartbleich und edel , mit so milden , sprechenden Augen aus dem weißen Spitzentuche sah , welches sie über das noch sehr reiche , aschblonde Haar geknüpft hatte . Käthe wurde immer befangener und stammelte , an den Fuß der Treppe tretend , eine herkömmliche Entschuldigung . „ Ich habe als Kind hier gespielt , und bin vor einigen Tagen aus Dresden zurückgekehrt und – das ist meine Schwester , “ setzte sie , auf das Bild zeigend , hastig hinzu , und dann brach sie in ein frisches , helles Lachen aus und schüttelte den Kopf über sich selbst und die naive , ungeschickte Art der Einführung , zu der sie in ihrer Verlegenheit gegriffen . Und die Dame lachte auch . Sie legte das Bild auf den Tisch , und die Stufen herabsteigend , streckte sie dem jungen Mädchen beide Hände entgegen . „ Dann sind Sie Bruck ’ s jüngste Schwägerin . “ Ein leiser Schatten flog über ihr Gesicht . „ Ich habe nicht gewußt , daß Besuch in der Villa Baumgarten eingekehrt ist , “ fügte sie mit einem kaum hörbaren Anfluge von Bitterkeit hinzu . In diesem Augenblicke zog auch ein Wolkenschatten über Käthe ’ s Seele hin – war sie denn so ein gar Nichts , ein solch verschollenes , nicht mitgeltendes Glied der Familie Mangold , daß Doktor Bruck es nicht der Mühe werth gefunden hatte , seine Begegnung mit ihr zu erwähnen ? … Sie biß sich auf die Lippen und folgte schweigend der einladenden Handbewegung der Dame , welche ihr vorausging und eine Thür in dem weiten Hausflure öffnete . Die schlanke Frau war noch so graziös in jeder Bewegung . „ Das ist mein Stübchen , meine Heimath bis an ’ s Ende , “ sagte sie mit einer so herzensfreudigen , gleichsam aufatmenden Betonung , als sei sie bis zu diesem Ruheporte mit müden Füßen in der Irre gewandert . „ Ehe mein Mann als Diakonus in die Stadt versetzt wurde , lebten wir in einer kleinen Pfarre auf dem Lande . Es ging uns sehr knapp , und ich hatte mein ganzes haushälterisches Talent nöthig , um die Standeswürde nach außen hin zu wahren , aber es war doch die schönste Zeit meines Lebens . … Die staubige Luft und das Geräusch der Stadt haben meinem Nervenleben nicht gut gethan ; meine stille Sehnsucht nach grüner Einsamkeit wurde nahezu krankhaft . Ich habe das nie ausgesprochen , und doch hat der Doktor heimlich gesorgt und gespart , und vor einigen Tagen führte er mich hierher in das Haus , das er wenige Stunden zuvor für mich erstanden hatte . “ Bei den letzten Worten klang ihre Stimme verschleiert und tiefbewegt . Sie war also doch die Tante , und ihren Neffen nannte sie stolz „ den Doktor “ . Und jetzt lächelte sie anmutig . „ Ein wahres Schlößchen ist ’ s , nicht wahr ? “ fragte sie zutraulich . „ Sehen Sie doch die Flügelthüren und die prächtige Stuckarbeit an der Decke ! Und die alte Ledertapete da mit den geschwärzten Goldleisten ist jedenfalls sehr kostbar gewesen . Draußen im Garten finden sich auch noch Spuren von Taxushecken und Sandsteinfiguren . Ursprünglich ist das Haus der Witwensitz einer Dame aus dem Hause Baumgarten gewesen – ich weiß es aus einer Chronik . … Wir haben nun tüchtig gescheuert , gelüftet und einige Oefen geheizt , um die alten Wände zu durchwärmen ; sonst ist Nichts , nicht ein Nagel verändert worden ; dazu reichten die Mittel nicht – und es wäre auch sehr überflüssig gewesen . “ Käthe hatte längst mit stillem Behagen die ganze Einrichtung überflogen . Die dunkelgewordenen Mahagonimöbel paßten just zu der gelben Ledertapete . An der Mittelwand , nicht weit von dem weißglasierten , weitbauchigen , auf verschnörkelten Füßen ruhenden Ofen , stand das kattunbezogene Sopha , und darüber hing in der That das Portrait des seligen Diakonus , ein schlichtgemaltes Pastellbild , das den alten Herrn in seiner Amtstracht vorstellte . Ein köstlicher Schmuck aber waren die Pflanzengruppen an den zwei hohen und breiten Fenstern , die Azaleen- und Palmenarten , die prachtvollen Gummibäume , warm und kräftig vergoldet von dem die klaren Filetgardinen durchbrechenden Sonnenlicht . Die Goldfische in der Glasschale und der Singvogel im Messingkäfig , diese Pfleglinge einsamer Frauen , fehlten auch hier nicht ; auf den Fenstersimsen blühten Frühlingsblumen , buntfarbige Hyacinthen und die träumerisch gesenkten Häupter der weißen Narcisse – das Nähtischchen aber stand in einer förmlichen Nische von Lorbeerlaub . „ Meine Zöglinge – ich hab ’ sie fast vom Samenkorn an erzogen , “ sagte die Tante , dem bewundernden Blick des jungen Mädchens folgend . „ Die schönsten und liebsten habe ich selbstverständlich dem Doktor ins Zimmer gestellt . “ Sie schob die angelehnte Thür des Nebenzimmers zurück und führte Käthe hinüber . „ Selbstverständlich ! “ wie das klang ! So weiblich demüthig , so mütterlich liebend und – verziehend . … Sie hatte ihm „ selbstverständlich “ auch das schönste Zimmer im Hause ausgesucht , das Eckzimmer , an dessen östlich