Dort durch den stillen , kühlen Laubgang wandelte es langsam und schweigend ; aber es war nicht jene todestraurige Frau mit dem schleppenden , weißen Gewande , die sich wie ein dräuender Schemen zwischen Lilli und ihre Liebe gestellt , er war es selbst . Er schritt , die Hände auf den Rücken gelegt , mit gesenktem Kopf näher und näher . … Wie hatte sie je hinter dieser lichtvollen Stirn Gedanken voll Unrecht und strafbarer , gewalttätiger Leidenschaft vermuten können ? Wie war es möglich geworden , daß sie seinen innigen , die tiefste Liebe atmenden Worten gegenüber die Erinnerung an alte , verblaßte Familientraditionen , an ihre eigenen frevelhaften Vorsätze hatte festhalten können ? Wie hatte sie je dem Gedanken Raum geben mögen , daß ihr Herz allmählich wieder in das Geleise seines ehemaligen Friedens zurückkehren werde nach dem tödtlichen Riß , den sie in unverantwortlicher Selbstüberschätzung zwei für einander bestimmten Seelen zugefügt hatte ? Er kam näher und näher , und sie wich nicht . Ihre feine , [ 487 ] in hellen Muslin gehüllte Gestalt stand unbeweglich , wie ein geduldig wartendes Kind , in der Wandöffnung ; mit der Rechten stützte sie sich auf einen Balken , und ihr Gesicht leuchtete fast in geisterhafter Blässe auf dem dunklen Hintergründe der Pavillonwände . … Ein Zweig streifte die Stirn des einsam Wandelnden ; er sah auf und in demselben Moment in Lilli ’ s Augen . Er blieb wie angewurzelt stehen . „ Lilli ! “ rief er mit unsagbarem Ausdrucke ; in diesem Tone stritten Wonne und Schmerzen , zitternde Furcht und Jauchzen . … Mit wenig Schritten stand er neben ihr . Er nahm ihre Hand , sie ließ es ruhig geschehen ; in atemloser Spannung bog er sich nieder , um in ihren Zügen zu lesen ; sie lächelte und ihr Blick wich nicht zurück vor seinen in fieberhafter Hast forschenden Augen . „ Lilli , “ begann er endlich mit vibrirender , aber vor Aufregung fast klangloser Stimme , „ Ihr Erscheinen hier wäre eine entsetzliche Grausamkeit , wenn nicht … “ er brach ab und ließ ihre Hand sinken . „ Ich wollte Sie nicht wiedersehen , “ hob er abermals an . „ Eben , weil Ihr Anblick mir zum Leben notwendig geworden war , wie das Atemholen , eben darum mußte ich nach Ihrer Erklärung meinen aufrührerischen Gefühlen den Damm des mir selbst gegebenen Wortes entgegenstellen , wenn ich nicht in den Fall kommen wollte , mich selbst verachten zu müssen . … Ich gehöre zu den Naturen , für welche das , was sie einmal lieben , in Erz gegraben ist ; ich werde Sie nie vergessen , Lilli , nie ! Aber ich bin auch weit davon entfernt , mir selbst in der Hingebung an einen nagenden Seelenschmerz zu gefallen . … Ich gehe , Lilli ! Es wird ein weiter Raum zwischen uns liegen , und vielleicht , vielleicht übt einst auch die Zeit ein wenig Heilkraft an mir . … Ich kann in diesem Augenblicke noch nicht sagen : ‚ Werden Sie glücklich ! ‘ Das hieße sich selbst an ’ s Kreuz schlagen , und zu einem Märtyrer fehlt mir die Duldsamkeit ; der Gedanke , daß Sie je einem Anderen gehören könnten , macht mir das Blut sieden , und jener Wunsch könnte leicht zu einer Verwünschung werden … “ Er hielt plötzlich inne , und sein durchdringender Blick richtete sich über Lilli hinweg fest auf einen Punkt . Das junge Mädchen wandte sich um . Dort in der Tür stand die Hofrätin ; noch lag jenes fahle Grau auf ihren Zügen , das die unselige Entdeckung hervorgerufen ; das Gesicht sah in diesem Augenblicke merkwürdig verfallen aus , aber ihre großen , hellen Augen ruhten mit einem seltsamen Glanz und unerklärlichen Ausdruck auf dem Paare . Lilli näherte sich ihr nicht . Sie trat vielmehr dicht an die Seite des neben ihr Stehenden , als sei dies einzig ihr Platz und kein anderer auf der Welt . „ Tante , Du kommst zu spät ! “ sagte sie fest und auf ihrem erst so bleichen Gesichte lag ein tiefes Rot . „ Wenn er mich nicht verstößt , weil ich ihn in törichter Ueberschätzung meiner Kraft tief verwundet habe , so bin ich sein ! … Du bist die Wohltäterin meiner Familie , Tante Bärbchen , Du hast mich , so lange ich denken kann , geliebt und gehegt wie Dein eigenes Kind ; bis noch vor kurzer Zeit standest Du neben meinen Eltern in meinem Herzen , und über Euch , meinte ich , sei kein Raum mehr . … Wie hat sich das geändert ! … Aber ich wollte es erzwingen , daß mein Dankgefühl für Dich die Oberhand behielte . Gott allein weiß es , wie ich in den letzten Tagen gerungen und gelitten habe ; aber verschließe Deine Augen vor dem Lichte , es ist ja doch da ; wehre der Lebenslust , daß sie Dich nicht umschließe , es würde ebenso erfolglos sein , als der Kampf mit der ewigen Liebe ! … Nenne mich undankbar , entziehe mir Deine Liebe , ich werde namenlos traurig sein , aber – ich gehe mit ihm ! “ Sie ruhte längst an seinem Herzen . Schon nach ihren ersten Worten hatte er die Arme fest um sie geschlungen , und es sah in der Tat jetzt aus , als wolle der glückliche Sterbliche seine so schwer errungene Nixe sofort hinüber in sein Haus tragen . Die hohe Gestalt dort und ihre muthmaßlichen Einwürfe existirten für ihn nicht mehr . Wie trunken hingen seine Augen an den Lippen des jungen Mädchens , das mit wenigen energischen Worten ihm das Recht auf ihren Besitz einräumte . Die Hofrätin war indessen näher getreten , und um ihren strenggeschnittenen Mund zuckte es wie ein krampfhaftes Weinen – für Lilli eine niegesehene Erscheinung . „ Kind , Du hast doch wohl keinen rechten Begriff