„ Du bist barmherzig ! Ich habe auch das Gedächtnis noch . Sind die Herren da ? “ Der Richter erhob sich und trat an das Bett : „ Wir sind da , Herr von Hartwich , und erwarten Ihre Bestimmungen . “ „ Ich bin noch bei Verstande — gewiß ich bin ’ s ! “ beteuerte der Kranke mit kindischer Ängstlichkeit . „ Die Absicht , mit welcher Sie uns hierher gerufen , zeugt wenigstens nicht von dem Gegenteil , “ sagte der Richter ernst , während er dem Protokollführer ein Zeichen gab . Dieser schickte sich an , zu schreiben . „ Auch beteure ich , daß dieser letzte Entschluß ein ganz freier ist , “ fuhr Hartwich fort . „ Auch hiervon bin ich überzeugt , — ich war weit mehr geneigt , Ihr voriges Testament für ein erzwungenes zu halten , als dieses , “ erwiderte der Beamte . „ Beeinträchtigt es die Gültigkeit des Dokuments nicht , wenn ich keine Unterschrift beifügen kann ? Meine Hand versagt mir leider den Dienst ! “ „ Durchaus nicht ! “ sagte der Richter . „ Die beiden Herren , Geheimerat Heim und Chirurg Lederer werden die Güte haben , als Zeugen für Sie zu unterschreiben , dann ist die Urkunde rechtskräftig . Fühlen Sie sich stark genug , Ihren Willen zu Protokoll zu geben — so steht der Aufnahme nichts im Wege ! “ „ Ja wohl — ja wohl ! “ keuchte Hartwich und richtete sich an dem Geheimerat auf . „ Jede Minute ist mir kostbar . “ Der Protokollführer setzte die üblichen Präliminarien auf , der Geheimerat schloß auf Hartwichs Wunsch die Tür und dieser diktierte nun mit solcher Hast , daß ihn der Richter um langsameres Sprechen bat , weil der Schreiber kaum folgen konnte . — Einige Verworrenheiten in der Abfassung brachte der Richter mit edlem Eifer bald ins Klare und so ward denn das Testament vollendet , ehe die mühsam glimmende Lebensflamme des Testators erlosch . Die kleine Ernestine war Erbin eines Vermögens von neunzigtausend Talern . Das Protokoll wurde Hartwich vorgelesen . Der Geheimerat und Lederer unterzeichneten statt seiner . „ Nun kann ich sterben ! “ sagte der Kranke mit der Miene eines Erlösten , und als habe er die letzte Kraft an diese Tat gesetzt , brach er jetzt geistig und körperlich zusammen . „ Geheimerat ! “ stammelte er mit schwerer Zunge , und ein seltsames Lächeln verklärte sein Gesicht : „ Legen Sie das Dokument meinem Kinde aufs Bettchen , als den — letzten — Gruß — seines — Vaters ! — Ihnen danke — “ seine Augendeckel sanken herab , er begann zu lallen und verlor das Bewußtsein . Der Geheimerat nickte dem Richter zu und sprach ernst : „ Das war hohe Zeit ! “ Viertes Kapitel . Die trauernden Hinterbliebenen . Am andern Tage um dieselbe Zeit stand Frau Bertha in ihrer Küche und schlug mit gewaltigem Schwunge Schnee zu einem Kuchen , wobei ihre vollen Wangen von der heftigen Bewegung wackelten , wie Geldsäckchen , die geschüttelt werden . Sie hatte die Magd mit dem Kinde in den Garten geschickt und mußte nun selbst ihre Stelle vertreten . — Sie wischte sich mehrmals mit der Schürze die Stirn und drehte endlich prüfend den Teller um , ob der Schnee steif sei , es fiel kein Tropfen herab , — er war sehr steif ! Sie stellte ihn nun mit hoher Genugtuung auf den kalten Wassereimer und wandte sich dann nach einem großen Sacke unter dem Tische um , in dem es jämmerlich zappelte und piepte . Ein weißes Täubchen steckte den Kopf heraus , und Bertha schlug es darauf und band den Sack noch fester zu , in dem die armen Tiere schmachteten . — Ein Kochtopf lief zischend und prasselnd über , sie eilte herbei , strich die weiten Ärmel zurück und hob mit ihren fleischigen Armen den glühen ­ den schweren Kessel vom Feuer . Sie war schön an ­ zusehen , als die rote Flamme aus der frei gewor ­ denen Öffnung schlug und ihr zurückgebogenes Gesicht mit einem Glutschein übergoß , als sie so mächtig und geschäftig herumhantierte , dampfende Töpfe hin und her schob , das Herdtürchen aufriß , Holzklötze nach ­ legte , herausfallende Brände und Kohlen mit der bloßen Hand wieder hineinwarf oder hoch vom Rauchfang ­ gesimse eine eiserne Pfanne herabschwang . Es war , als sei Frau Venus , jene derbe plumpe Höllenvenus der deutschen Volksphantasie aus dem Hörselberge5 gekommen und habe sich in eine Küchenschürze gesteckt , um den blutlosen , kalten Doktor Gleißert in Gestalt einer Köchin zu verführen und ihm vorher höchsteigenhändig ein erwärmendes , begeisterndes Mahl zu be ­ reiten . — Jetzt nahm sie ein Netz voll Krebse und setzte sie in einem Topf mit kaltem Wasser zum Feuer , dann schürte sie tüchtig und schaute behaglich den Zuckungen der langsam sterbenden Tiere zu . Sie dachte nicht daran , daß so eben auch ein zähes Menschenleben in schwerem Kampfe mit dem Tode rang und als sie wenige Minuten später die Leiber der Krebse in einem Mörser zerstieß , ahnte sie nicht , daß das Dröhnen und Klingeln , welches sie hervorbrachte , ein Totengeläute sei . Sie stampfte wacker und wohlgemut die krachenden Schalen zu Brei zusammen und hörte es nicht , als plötzlich ihr Gemahl wie ein vom Bogen geschossener Pfeil die Treppe herauf und in die Küche flog . „ Weib ! “ rief er atemlos und hielt ihr den Arm fest . „ Weib , heute hast Du Dich zum letzten Male gequält ! “ — Frau Bertha sah ihn an — eine halb ängstliche , halb freudige Überraschung malte sich auf ihrem er ­ hitzten Gesicht : „ So vergnügt sah ich Dich , seit ich Dich kenne , nur einmal , — als Du jene sonderbaren Fische in Triest untersuchtest ; was ist denn geschehen ? “ „ Kannst Du ’