ich weiß es besser ! « Jenny stand wie verlegen . » Ich möchte nun zu Artur hinunter , er wird sonst wieder nicht zur rechten Zeit fertig . Und dann ist ' s auch so weit , daß ich zum Empfang der Gäste heraufkomme . « 118 Wie ein dunkler Schatten rieselte die Schleppe ihres Kleides über den Teppich . Trudchen setzte sich still noch einmal in den Erker . In schimmernden Falten floß die weiße Seide um die schöne Gestalt , und aus dem duftigen Schleier tauchte das ernste junge Gesicht wie aus einer Wolke empor . Sie hatte die Hände gefaltet und sah des Vaters Bild an . » Dich nehme ich mit heute abend , Papa ! « Und ihre Gedanken flogen zu dem stillen Landhause ; sie kannte es noch nicht , nur wenn sie auf einer Landpartie durch das Dorf gefahren war , hatte sie ein spitziges Ziegeldach und graues Gemäuer aus den Bäumen auftauchen sehen . Wer ihr gesagt hätte , daß dies einst ihre Heimat sein würde ! Es war wohl herzlos , daß ihr der Abschied aus dem Vaterhause nicht schwerer wurde . Und von der Mutter ? – Ach , die Mama ! Papa hatte sie ja doch liebgehabt , sehr lieb einmal . Sollte sie fortgehen von hier ohne eine Mutterträne , ohne ein herzliches Wort ? Und Trudchen vergaß alles in dieser glückseligen Stunde , sie dachte nur noch an das Gute , an das Traute , an die Zeit , da sie ein glückliches Kind gewesen und die Mutter sie noch zärtlich geküßt hatte . – Sie wollte versöhnt scheiden . Sie erhob sich , raffte die lange Schleppe des Brautkleides zusammen und ging durch den halbdunklen Flur zum Schlafzimmer der Mutter hinüber . Leise pochte sie an und gleich darauf trat sie ein . 119 Frau Baumhagen stand vor dem großen Ankleidespiegel im schwarzen Moirékleide , schwarze Spitzen und Federn auf dem noch immer blonden Scheitel . Trudchen konnte das Antlitz im Spiegel sehen . Es war dick mit Puder bestreut , und eben wurde mit einer Hasenpfote das feine Reismehl in die Haut gerieben . Frau Baumhagen sah sich um und betrachtete ihre Tochter . Es war die holdeste , die lieblichste Braut , weit imposanter als Jenny – und das alles für diesen Linden ! Sie sagte nichts , sie seufzte nur laut und wandte sich wieder zum Spiegel . » Mama « , begann Trudchen , » ich möchte dich um etwas bitten . « » Gleich ! « Trudchen verharrte ruhig , bis der letzte Strich mit der Puderquaste über die Schläfe getan war , dann nahm Frau Baumhagen die langen schwarzen Handschuhe , setzte sich auf die Chaiselongue zu Füßen ihres großen , rotdekorierten Himmelbettes und begann den ersten überzustreifen . » Was willst du , Gertrud ? « » Mama , was ich will ? – Ich wollte Abschied nehmen von dir . « Sie setzte sich neben die Mutter und nahm ihre Hand . Frau Baumhagen nickte ihr zu . » Ja , wir werden uns längere Zeit nicht sehen . « » Mama , bist du mir noch böse ? « fragte das Mädchen stockend , und ihre Augen waren feucht . » 120 Vergib mir in dieser Stunde « , bat sie , » ich war manchmal heftig und trotzig , aber – « » O laß – laß doch ! « wehrte die Mutter . » Ich wünsche nur von Herzen , daß du glücklich werdest und diesen Trotz , diesen Eigensinn nie zu bereuen brauchst . « » Niemals ! « sagte Trudchen mit innigster Zuversicht . Frau Baumhagen knöpfte an den Handschuhen weiter . Es war im Zimmer ein so betäubender Geruch von Lavendelwasser und Patschuli , dazu krachte leise die schwere Seide , wie sie sich eifrig mühte , die Knöpfe zu schließen . Sie antwortete nicht . » Darf ich noch eine Bitte – Mama ? « » Gewiß ! « Das Mädchen faltete unwillkürlich die Hände im Schoß . » Mama , sei ein wenig freundlich zu Linden , habe ihn ein wenig lieb , mache ihm den heutigen Tag zu einem wirklichen Ehrentage ! Sieh , Mama « , fuhr sie nach einer Pause fort , » das Herz würde es mir zerschneiden mit tausend Messern , wird er heute gekränkt , liebe Mama – . « Ein paar schwere Tränen zitterten in den Wimpern . Sie mußte noch einmal fragen : » Ja , Mama ? « Frau Baumhagen war fertig . Sie streckte ihre beiden kleinen Hände vor , besah sie innen und außen und sagte , ohne aufzublicken : » Freundlich ? – natürlich ; liebhaben ? – das läßt sich 121 doch nicht erzwingen , mein Kind . Ich kenne ihn ja kaum . « » Um meinetwillen ! « wollte Trudchen rufen . Aber sie besann sich . Die Tage der Kindheit waren vorüber , und seitdem ? – Frau Baumhagen erhob sich . » Es ist bald fünf Uhr « , bemerkte sie , » geh hinüber in dein Zimmer , Linden wird gleich kommen . « Sie küßte Trudchen auf die Stirn , dann rasch auf den Mund . » Geh , mein Kind – ich lasse mich überhaupt nicht gern weich machen . Gott schenke dir alles Glück ! « Trudchen kam hinüber in ihr Zimmer , erkältet bis ins innerste Herz . Da trat aus dem Erker eine hohe Gestalt rasch auf sie zu , und ein fester Arm zog sie an sich . » Du ! « sagte sie aufatmend , und eine Rosenglut überflog ihr Antlitz . Drüben im Saale versammelte sich indes still die kleine Hochzeitsgesellschaft , die Mutter , Artur , Jenny , die Tante Stadträtin und Onkel Heinrich . Zwei junge Cousinen in weißen Tüllkleidern boten den einzigen lichten Anblick unter dem düsteren Schwarz . » Um Gottes willen , macht nicht so trostlose Gesichter «