lasterhafte Neugier plagte mich , zu erfahren , ob die söte Deern dem plumpen Gesellen wirklich ehr lütte Snut zum Abschiedskuß geboten habe . Na , ich habe alles erfahren , aber erst viel später . Damals fuhr er , verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln , neben mir in die Fremde , und während mir die Augen von den Abschiedstränen brannten , blieben die seinen trocken . Er starrte nur durch das Coupéfenster in die Heidelandschaft hinaus , und einmal , als er dachte , ich schliefe , zog er ein kleines unscheinbares Notizbuch aus der Tasche und nahm etwas heraus , das er eine ganze Weile hindurch liebevoll betrachtete , um es verstohlen an die Lippen zu drücken , wobei er stark errötete , und es dann wieder verbarg . Auch dieses Notizbuch und den kleinen Gegenstand habe ich später in Händen gehalten . Damals , als ich es zuerst erblickte , unterdrückte ich nur mit Mühe ein Lachen über die unbeholfene Art des Verliebten ; als ich es später , zuletzt , in der Hand hielt , bedurfte ich aller meiner Kraft , um nicht in lautes Weinen auszubrechen . – Nach beinahe zwölfstündiger Fahrt langten wir in Dresden an . Ja , nun könnte ich Ihnen da ein langes Lied vorsingen , meine Gnädige , von Künstlers Erdenwallen , von Entbehrungen , wie sie härter kaum ein paar junge Menschen , und doch auch vielleicht nie heiteren und besseren Mutes , getragen . Ich darf Ihnen ja nur unser erstes Logis beschreiben , um Ihnen einen Begriff zu geben von dem Komfort , der uns empfing , den wir uns gestatten konnten . Und dabei befand ich mich , dank meiner Stipendien , noch grad zweimal so gut wie Korl . Wir wohnten da bei einer Witwe , Frau Micheln , die in einer Vorstadtstraße zwei Stuben innehatte , eine für sich und ihre beiden kleinen Mädchen , die andere zum Vermieten . Die erstere Stube galt als Wohnraum , und dort wurde auch gespeist ; 114 die Lagerstätten waren tagsüber verschwunden , Gott weiß , wohin . In unserer Kammer standen drei Betten ; ein Schmiedegesell schlief da mit uns , den wir aber nie zu sehen bekamen , denn Abends , wenn wir uns zur Ruhe verfügten , schnarchte er bereits , und wenn er Morgens aufstand , schnarchten wir noch . Das Menü bestand unzweifelhaft aus auf verschiedene Art zubereitetem Pferdefleisch , denn Beefsteaks hätte uns Frau Micheln ja wohl für unsere Zahlung nicht liefern können . Nun , geschmeckt hat es uns ausgezeichnet , denn der beste Koch hatte es gewürzt , der Hunger . Unten im Hause war in der Woche ein paarmal Tanzmusik , die uns aber auch nicht störte im Schlaf und Behagen . Ein Tropfen Bier kam nie über unsere Lippen ; der einzige Leckerbissen , den wir uns , aber nur Sonntags , gönnten , war ein Stück Käsekuchen für fünf Pfennige . Ich leistete mir zuweilen zwei Stück , aber Korl verzehrte höchstens eins , und das nur selten . Wollte ich dann großmütig sein und ihm ein Stück spendieren , so nahm er es übel . Der große , robuste Mensch hungerte mit einer Seelengröße , die eines antiken Helden würdig gewesen wäre . Mager wurde er dabei ; aber das kleidete ihn gut , und ich dachte oft , Pine Dobbers würde sich freuen , wenn sie ihn so sähe , so gleichsam verfeinert und verschönert durch Hunger und Arbeit . – Ja , die Arbeit , unser Studeeren ! Herr Gott , wie wir geschuftet haben in der Unterklasse der Akademie , und was Korl Lorensen für Zeichen eines ungeahnten entschiedenen Talents von sich gab bei seinem Gipszeichnen ! Und dann die heimlichen Bummelgänge in der Umgegend mit den Skizzenbüchern , bei denen wir wahrlich nicht das Wenigste lernten , und das Schwärmen in der Galerie , das Seufzen : wie weit noch der Weg bis zum Können ! Wie weit und mühsam ! Und dann , wie wir beide plötzlich anbetend zu Ludwig Richters Füßen saßen ! – Damals lernte ich meinen späteren Schwager kennen , einen tüchtigen Maler , der sich meiner wohlwollend annahm und mich freundlich mit hinüberzog in den Kreis seiner Familie . Für mich war en büschen Gemütlichkeit Winterabends unter der Lampe am runden Tisch 115 geradezu ein Lebensbedürfnis , bin ich doch dabei aufgewachsen ; aber Korl Lorensen vermißte das nicht , er wies mich sogar schnöde und schroff ab , als ich ihm sagte , daß mein neugewonnener Freund auch ihn einführen wolle bei seiner Frau und seinen Schwiegereltern . Er saß bei der winzigen , schlecht brennenden Lampe und schrieb und zeichnete , wenn ich fortging , und saß noch ebenso da , wenn ich zurückkehrte , halb erfroren und jedenfalls nicht gesättigt , nur seine Augen , die strahlten immer . » Hest woll an Pine Dobbers schreeben ? « neckte ich ihn zuweilen , aber er schüttelte dann jedesmal ernsthaft den Kopf : » Worüm sall ick ehr schrieben ? Ick hew ehr nix to schrieben . « Als das zweite Weihnachtsfest näher kam , da packte mich eine große Sehnsucht nach der Heimat , nach mine ollen leewen Öllern , na mine Swestern , na uns ' Wahnstuv und na de Vaderstadt . Ich meinte , ich würde es nicht aushalten , wenn ich nicht hätt ' ein bißchen zum Dom gehen können nach H . . . , und Winachnabend Karpen essen und braune Kuchen mit den Meinen . » Verdoria , Korl , ick holt nit ut , ick fahr veerte Klaß , aber hen mutt ick un wenn min Oller düller ward as dull . « Korl sah nicht auf von seinem Blatte , an dem er zeichnete , und blieb stumm . » Kannst nich mitkommen , Korl ? « » Nee , Albert . « » Schad ! – Harrst bi uns wohnen un slaapen kunnt