Herzenskundige als man denkt – und so fiel die Antwort auf den Vorschlag der Mutter heftig ablehnend aus . Ob man ihr denn nicht noch die paar Wochen Freiheit gönnen wolle , fragte sie mit flackernden Augen , sie wünsche allein zu gehen , ganz allein , sogar ohne Tante Emilie ! Frau Rätin war sehr erschreckt ob dieses Ausbruches . „ Herrgott , ja ! “ sagte sie , „ sei doch nur ruhig ; an Kinder muß man sich erst gewöhnen ich weiß ja , aber was du gegen Tante Emilie jetzt hast , das ist mir unverständlich . “ „ Na , laß sie doch nur , Schwägerin “ beruhigte diese , „ wir beide wissen , wie wir dran sind miteinander – es wird auch wieder besser , gelt , mein Engelchen ? “ Das „ Engelchen “ antwortete aber nicht und ging allein spazieren im Schloßgarten , immer dieselben Wege , so ganz einsame und unbetretene , von denen sie wußte , daß sie niemand auf ihnen begegnen würde als höchstens einem der zahmen Rehe oder einem Arbeiter . Die todestraurige , spätherbstliche Natur , die so sehr ihrer Stimmung entsprach , schien sie zu beruhigen . Auch heute war sie draußen . Von Unruhe gequält , hatte sie die Näherei auf den Tisch geworfen , müde , ihren Namen dutzendweise in die Taschentücher zu sticken die sie zur Aussteuer bekommen hatte . Hut und Mantel angethan und war ihrer Wege gegangen . Es war so um drei Uhr nachmittags eines trüben Novembertages , die Wolken drohten mit Schnee bei völlig windstiller köstlicher Luft . Der Parkweg , auf dem Aenne dahin schritt , führte bergan zu einem nicht mehr benutzten schloßartigen Lustbau , in dessen Räumen nur noch Gartengerätschaften und das Futter für das zahme Wild aufbewahrt wurden . Man hatte von dort eine reizende Aussicht über den großen Teich und die Baumpartien des Gartens bis zum Schloß hinüber , das sich von dieser Seite besonders stattlich darstellte . Hier oben , auf dem kleinen Platz vor dem „ Luisenschlößchen “ , stand sie still und betrachtete das liebliche Bild . Auf dem Turme wehte die Flagge des regierenden Herzogs , er gedachte in diesem Herbst lange zu bleiben , man sprach sogar davon , daß er das Weihnachtsfest hier verleben wolle . Wenn er abreiste – dann – das hatte ihr gestern abend Günther gesagt – dann war ihre Hochzeit . „ Es wird ja doch nichts daraus “ , pflegte Tante Emilie zuweilen zu behaupten , und deshalb mied Aenne sie . Aus ähnlichem Grunde ging sie dem Fräulein Stübken aus dem Wege , die ihr immer mit einem so eigentümlich malitiös mitleidigen Lächeln entgegen trat , das sich zu mühsam beherrschtem Grinsen steigerte , wenn sie Aenne mit den Kindern zusammen sah , den Kindern , die der künftigen Mutter mit einer förmlich ostentativen Gleichgültigkeit begegneten und ebenso ostentativ jubelud in Fräulein Stübkens Arme flüchteten . Wieder stand sie da und grübelte . „ Einen Ausweg , nur einen Ausweg ! “ ohne die Lösung zu finden . Hinter ihr klangen jetzt Schritte , und als sich Aenne langsam umwandte , mit gerunzelter Stirn ob dieser Störung , erkannte sie in der eleganten Erscheinung , die auf sie zuschritt , die Diva des Breitenfelser Hoftheaters , Fräulein Jeannette Hochleitner eine schöne Blondine , sehr chic kostümiert und von jedermann im Städtchen gekannt , belobt und beklatscht . „ Gott sei Dank “ , sagte diese mit klingender Stimme in unverkennbar österreichischem Dialekt , „ endlich a menschlich ’ s Wesen ! In dem Park kann ma ’ s Gruseln lernen , an so a ’ m Tag ! I bitt ’ , gnädig ’ s Fräul ’ n , erlauben ’ s , in Ihrer Gesellschaft aus der Einsamkeit fortz ’ geh ’ n , denn i hab ’ wirkli a sehr große Angst . “ „ Sie fürchten sich ? “ fragte Aenne , halb ungläubig , halb verlegen . „ Aber hier ist ’ s völlig sicher und ich – ich habe meinen Spaziergang erst begonnen . “ „ Ui jegerl ! dös soll heiß ’ n – verschwind – i dank ’ für di ! “ lachte die Sängerin , „ aber na , dös will i net ! I bitt ’ Euer Gnad ’ n , lass ’ n S ’ mi hintendrein trotteln , i möcht ’ a gern no a bisserl geh ’ n , und in der Windstille kann ma ’ s ohne Gefahr für die Kehl , und unsereins plauscht halt a gern a mal mit jungen Madeln . In dem Spuknest von Breitenfels , wo d ’ Leut stumm z ’ sein scheinen , verlernt man ja schließli ’ s Reden ! “ Und ohne Aennes Zusage abzuwarten , nahm sie ihre mit Seide gefütterten Röcke zusammen , um sie vor der Feuchtigkeit des Bodens zu schützen und schritt neben ihr , während sie weiter sprach . „ Gelten ' s , Sie leben hier , gnä ’ Fräul ’ n , ja ? I ’ seh ’ S ’ halt immer in der Loge von dem Herren Hofbeamten , da , wo der junge Dackel , der Sternitzki , seinen Platz hat . Sie kennen ihn doch , den Sternitzki , den Vorleser von Hoheit ? I muß da immer naufschaun , denn , wissen S ’ , der Sternitzki sieht meinem Brüderl so ähnli , daß ’ s rein zum Staunen is – mein gut ’ s Brüderl ! “ „ Sie sprechen österreichischen Dialekt , Fräulein Hochleitner , sind Sie aus Wien ? “ fragte Aenne , um nicht ganz zu schweigen . Das schöne Mädchen lachte . „ Dös haben ’ S wirka raus g ’ fund ’ n ? Na , dös ist schon a Kunst – ja , i bin aus Oesterreich . O , mein liebs Innsbruck , dös is a Stadt , da müssen