das junge Mädchen gehabt ; überdies ärgert sie es , daß Nelly so intim mit ihr verkehrt . Sie hält nun einmal streng am Standesgemäßen fest und hat darin im Grunde nicht Unrecht . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 45 , S. 737 – 743 Fortsetzungsroman – Teil 6 [ 737 ] Blanka schüttelte den Kopf . „ Weißt Du , Vetter , hier scheint noch ganz die alte Luft zu wehen , die sich draußen in der Welt immer mehr und mehr verflüchtigt . O – ein Brief ! “ unterbrach sie sich und nahm eilig das zierliche , quadratförmige Couvert von dem Teller , welchen der alte Heinrich ihr hinhielt , um sich dann ebenso leichten Schrittes wieder zu entfernen , wie er gekommen war . „ Von Leonie , “ sagte sie halblaut , indem sie das Papier auseinander riß . Eine dunkle Röthe überzog einen Augenblick ihr Gesicht , das gleich darauf wieder bleich wurde , so bleich wie das Gewand , welches sie trug ; das Papier flog bebend auf und ab in den kleinen zitternden Händen – dann lachte sie auf , gellend unheimlich , daß der junge Officier erschrak . „ Das ist lustig ! “ rief sie und ballte den Brief zusammen , „ da kommt eben noch ein Beweis für das , was ich Dir vorhin sagte ; siehst Du , Army , so exclusiv denkt die Welt nicht mehr wie Deine Frau Großmama , – da schreibt mir eben Leonie von Hammerstein , daß sich Graf Seebach verlobt habe mit einem Fräulein So und So , der Tochter eines Oberförsters , und das aus rasender Leidenschaft , aus Liebe , wie Leonie sich ausdrückt , – hörst Du , Army ? aus Liebe ! “ Sie lachte , und dabei sprühten die schwarzen Augen ein wildes Feuer und die kleinen Hände zerrissen das Papier in tausend Stückchen . „ Wie ? Graf Seebach , mit dem Du im vorigen Winter so oft getanzt hast ? “ fragte Army , „ der Dich mit Blumen förmlich überschüttete ? “ Er sprach es hastig und heftete den Blick forschend auf die erregten Züge seiner Cousine . „ Hat er mit mir getanzt ? Ich erinnere mich kaum noch , “ erwiderte sie leichthin und schaute in das üppige grüne Blättermeer der Bäume und Sträucher ; ihre feinen Nasensflügel bebten nervös . „ Ja , die Welt schreitet fort , – daß ein so stolzer Mann wie Seebach , ein Mann , der vor einiger Zeit erst von seinem fleckenlos bewahrten Stammbaume sprach , daß dieser aus Liebe – ha , ha , Army , nicht wahr , das ist lächerlich ? – aus Liebe ein bürgerliches Mädchen zu seiner Gemahlin erhebt ! “ Sie schüttelte heftig den Kopf , und wieder klang das unnatürliche , krampfhafte Lachen von ihren Lippen . Dann erhob sie sich plötzlich ; der zierliche Elfenbeinfächer an dem silbernen Kettchen flog klappend gegen den massiven Tisch – so eilig wandte sie sich um : „ Ich bin fabelhaft müde geworden , “ setzte sie hinzu und legte die schmale Hand über die Augen , als ob sie der grelle Sonnenschein blende , „ ich bin nicht gewohnt , so lange in freier Luft zu bleiben , und werde etwas ruhen müssen , damit ich zu Tische wieder frisch bin . Adio , Cousin ! “ Sie nickte ihm zu , indem sie seine Begleitung mit einer Handbewegung ablehnte , und schritt über den Platz . Es war , als schwebe die leichte Gestalt auf verborgenen Flügeln dahin , als müsse jeden Augenblick der goldene Schleier , der von dem kleinen Kopfe herabwehte , sich auseinander breiten und sie empor tragen : so leicht , so luftig war das ganze wundervolle Gebild . An der Pforte des Thurms wandte sie sich noch einmal um , und Army hörte ein silberhelles Lachen herüber schallen . Wie verschieden von jenem gereizten , krampfhaften Gelächter das klang , welches er eben gehört ! Sie war doch ein räthselhaftes Geschöpf . Wann würde er das Recht haben , dieses Räthsel zu lösen ? Zum Mittagstische erschien die junge Dame in strahlender Toilette . Der blaßgrüne Seidenstoff schimmerte zart durch das weiße Mullgewebe des Oberkleides ; das wundervolle Haar war mit einem Kamm aus Elfenbein am Hinterkopfe befestigt , und das feine Handgelenk umspannte ein breiter mattgoldener Reifen , aus dem ein prächtiger Smaragd funkelte . Das Gesicht zeigte keine Spur mehr von jener apathischen Ruhe , die es heute Morgen so kalt und gelangweilt erscheinen ließ ; Blanka hatte ein liebenswürdiges Lächeln für Alle , und die alte Baronin sandte einen zärtlichen Blick noch dem andern zu dem jungen Paare , das ihr gegenüber Platz genommen . Das kühle Speisezimmer hatte wohl seit langer Zeit kein so fröhliches Gläserklingen gehört , und Heinrich ebenso lange keinen jener festverwahrten Pfropfen aus den silberhalsigen Flaschen geöffnet , deren Inhalt die alte Baronin so sehr liebte . Heute moussirte er nun wieder , der perlende Wein , in den spitzen Kelchen , und Heinrich trug mit gewohnter Grandezza die verschiedenen Gänge und ließ sein kluges Auge über die kleine Tischgesellschaft schweifen und über das schöne Mädchen an der Seite seines jungen Herrn , von der ihm die fremde Kammerjungfer erzählt hatte , daß sie ganz gewiß und wahrhaftig einmal unmenschlich reich sein werde und daß sie so viele Freier habe , wie Finger an den Händen . Die alte Sanna aber strahlte vor Freude , denn ihre Herrin hatte ihr wiederholt zu verstehen gegeben , um was es sich handle , und sie sah nun für ihre Baronin wieder glänzende Tage kommen . Das fröhliche Lachen der jungen Dame mit dem goldig schimmernden Köpfchen dort tönte glückverheißend in dem hohen Gemache wider , und dem jungen Officier an ihrer Seite