. Es scheint mir , daß ein Künstler von erhabener Bescheidenheit sein muß . Ohne diese Bescheidenheit , scheint mir , ist er nichts als ein mehr oder weniger wunderbares Luder . « Daniel blickte rasch empor . Unter dem buschigen Schnurrbart Bendas waren die großen Zähne sichtbar . Er zog immer die Lippen auseinander , während er das eindringlichste Wort suchte . Benda fuhr fort : » Schändlich ist zumeist alles , was ihr Talent nennt . Talent ist ein Flederwisch . Was von den Fingern ausgeht , ist vom Übel . Wer ein Ziel hat und dafür leiden kann , den brauchen wir . Und sonst , wie schön ist es doch ! Droben ist der Himmel , unten ist die Erde , in der Mitte steht der unsterbliche Mensch . « Daniel stand auf und reichte Benda die Hand . Es gab nichts Bezwingenderes als Bendas Händedruck . Seine Hand wurde zum Schraubstock , in dem er die fremde Hand schüttelte , bis sie kraftlos wurde . Dabei strahlten seine grauen Augen ein freudiges Wohlwollen aus . Und sie tauschten das brüderliche Du . 8 Lenore brachte das Buch von Manon Lescaut zurück . Als Daniel fragte , wie es ihr gefallen habe , schwieg sie . Da er das Buch gern hatte , fing er an zu schelten . Sie sagte : » Ich kann keine Bücher lesen , in denen so viel von Liebe die Rede ist . « Er blickte vor sich nieder , um ihre Stimme verklingen zu lassen . Es war ein Geigenton in ihrer Stimme , dessen Zauber er sich nicht entziehen konnte . Als ihm zum Bewußtsein gekommen , was sie gesagt , lachte er kurz und meinte , das sei Ziererei . Sie schüttelte den Kopf . Da hänselte er sie wegen des Verkehrs mit dem jungen Auffenberg und fragte , ob ihr die Liebessachen auch in der Wirklichkeit so zuwider seien . Die Flammenbläue in ihren Augen zwang seinen Blick zur Erde . Die Erfahrung war ihm nicht angenehm , daß ihr Blick stärker war als der seine . Sie ging fort und ließ sich ein paar Tage nicht sehen . Als sie wieder kam , war er einfältig genug , seinen Spott zu erneuern . Da setzte sie sich in die Sofaecke und blickte ihm forschend ins Gesicht . » Wollen wir Freunde bleiben , Daniel ? « fragte sie . Er sah sie verwundert von der Seite an ; nicht etwa , weil er ihre Lieblichkeit und kraftvolle Anmut bemerkt hätte , sondern weil der Geigenton in ihrer Kehle noch tiefer und reiner klang . Aber ohne Lippenverziehen und ohne daß man die Hände in die Hosentasche steckte , war die Frage nicht zu bejahen . Sie sagte , sie wolle sich nicht so wichtig vor ihm machen , daß sie verlange , anders als andere Mädchen von ihm betrachtet zu werden . Aber in einem Punkt wolle sie ihn bitten , ihr ein Vorrecht einzuräumen , eben um der Freundschaft willen . Er möge nicht über Liebe mit ihr sprechen , im Scherz nicht und im Ernst nicht . Es sei dieses Wort seit langen , langen Tagen für sie gleich einem Gespenst . Warum es so sei , das könne sie ihm nicht sagen , jetzt nicht , vielleicht später einmal , viel später , wenn sie beide alt geworden . Suche sie sich zu erinnern , suche sie das Halbvergessene festzuhalten , so werde alles matt und kalt in ihr , obwohl der andere vielleicht , der es zu wissen bekäme , es nicht begreifen würde . Aber es läge ihr im Blut so , und man möge sie schonen . Ihr Gesicht drückte tiefen Ernst aus und glich einem alten Bild . Und in ihren Worten lag etwas von einem Traum . » Wenn es sonst nichts ist , das kann ich Ihnen ruhig versprechen , Lenore , « sagte Daniel , und gerade in der Gutmütigkeit , die er jetzt zeigte , war etwas Fühlloses , als sei das Geheimnis , auf das sie bewegt hingedeutet , weit weg von seiner egoistisch beschlossenen Welt . Draußen im Garten plätscherte die kleine Fontäne , und er horchte nach dem dominierenden Ton in dem Geplätscher . Lenore wandte sich ihm nun mit ganz neuer Offenheit zu . Alles war jetzt ein wenig näher bei ihm , ihr Blick , ihre Hand und ihre Worte . 9 Daniel hatte eine Arbeit vollendet , ein Orchesterwerk , Vineta betitelt , und er wünschte , daß Benda die Komposition kennen lerne . Eines Abends um sechs Uhr kam Benda zu Daniel . Alles war vorbereitet , Daniel setzte sich ans Klavier . Sein Gesicht war blaß , seine glatte Oberlippe zuckte . » Denk dir das Meer , denk einen Sturm , denk ein Boot mit Menschen , denk ein wunderbares Nordlicht am Himmel und eine versunkene Stadt , die emporsteigt , und das Meer wird ruhig , und im Licht ist eine Erscheinung , denk dir so etwas oder vielleicht was anderes , es ist ja doch falsch . Es ist Unzucht , sich was zu denken . Cis-moll . « Er wollte beginnen , als es an der Tür klopfte und Lenore eintrat . Sie huschte still in ihre Sofaecke . Das Stück fing mit einem rhythmisch ruhigen und klagenden Satz an , der sich plötzlich in ein tobendes Presto verwandelte , und die kaum zur Sammlung gediehene melodische Figur wurde zerfetzt wie eine Blumengirlande in einem Wassersturz . Dann flossen die nach allen Richtungen des Erdkreises auseinandergestobenen Elemente zögernd und reuevoll wieder in eine Kette , es schien , als habe sie der tolle Wirbel reicher , reiner und beseelter entlassen , und bei langsam abschwellendem , bis zu choralartig feierlicher Dehnung gemäßigtem Tempo verschmolzen sie wieder in das lieblich ernste Hauptthema , das dann mit einem arpeggierten Akkord in die Unendlichkeit hinüberströmte . Wo das Instrument versagte , half er mit seiner