mir nur die Fähigkeit , es so zu erleben , ich bleibe immer an der Schwelle stehen , ich bin kein Enthusiast , kein Schwärmer , kein Bacchant , ich bin nur Herr Dame . Man hat in ganz Wahnmoching und darüber hinaus tagelang nur von diesem Fest gesprochen - Laien und Eingeweihte - , es scheinen ungeheuerliche Gerüchte darüber umzugehen . So fragte mich heute der alte Hofrat , den ich an der Trambahnhaltestelle traf , ob ich denn wirklich an diesen Orgien teilnehme , bei denen arge und bedenkliche Dinge stattfinden sollten , zum Beispiel den Göttern zu Ehren rauchendes Blut aus Schalen getrunken würde . Mir ging dies verständnislose Geschwätz so auf die Nerven , daß ich trotz meiner guten Erziehung etwas ausfallend wurde . Ich belehrte ihn , daß Hofmanns eine angesehene Familie wären und man in ihrem Hause weder rauchendes Blut tränke noch sonst etwas Ungehöriges täte , wie überhaupt selbst die eifrigsten Vorkämpfer des Heidentums in diesem Vorort die gesellschaftlichen Formen immer zu beobachten wüßten ; in Spießerkreisen aber sei für das alles schwerlich das notwendige Verständnis zu finden , ja , auch gar nicht erwünscht , denn der Spießer sei von jeher molochitisch gewesen . Der unsympathische Greis kicherte höhnisch , schwang sein Spazierstöckchen und bemerkte : » Das klingt ja recht beruhigend , aber mit der Echtheit dieses Heidentums scheint es doch nicht weit her zu sein - die alten Heiden haben schwerlich auf korrektes Benehmen Wert gelegt . « » Wer weiß « , sagte ich erbost , » weder Sie noch ich haben sie näher kennengelernt . Außerdem stehen wir jetzt im zwanzigsten Jahrhundert , und die Sitten haben sich seit dazumal etwas abgeschliffen - man trinkt nicht mehr Blut ... « » Das verdanken wir nur der Kultur des Christentums « , gab er gereizt zurück . » Im Gegenteil ... « , ich wollte ihm das noch näher auseinandersetzen ; aber wozu , er hätte es doch nicht begriffen . So begleitete ich ihn schweigend an seine Trambahn , die eben herankam , und er sagte nur noch , ich solle ihn doch bald einmal besuchen , er interessiere sich lebhaft für meine weitere Entwicklung . Aus Nervosität begab ich mich ins Café , das ich schon längere Zeit hindurch vernachlässigt hatte , und diesmal tat mir selbst der Anblick der Kappadozischen und ihres jungen Dichters wohl . Ich fühlte beinah Sympathie für die beiden und schilderte ihnen meine Unterredung mit dem alten Herrn , in dem stolzen Gefühl , für die heidnische Bewegung eine Lanze gebrochen zu haben . Aber der Dichter mißbilligte es , daß ich mich darauf eingelassen . Wer an großen Dingen teilnehmen dürfe , der müsse auch darüber zu schweigen wissen . Doktor Gerhard , der ebenfalls zugegen war , verteidigte mich und meinte , man habe doch gerade zu diesem Fest alle möglichen Fernstehenden eingeladen , von denen keine innere Beteiligung zu erwarten wäre , und die dann vielleicht derartige Gerüchte verbreiteten . » Die Auswahl der Gäste bleibt wohl stets dem Gastgeber überlassen « , bemerkte der Jüngling ablehnend und zupfte an seiner kultlichen Krawatte . » Gewiß « , gab ich zu , » ich bitte mich nicht mißzuverstehen - ich halte es eben für korrekt , bei jeder Gelegenheit für das Haus meiner Gastgeber einzutreten . « Er zuckte die Achseln : » Es tut mir leid , Herr Dame , aber auf studentische Ehrenstandpunkte vermag ich leider nicht einzugehen . Diese gehören der Welt des Fortschritts an , mit der wir jede Beziehung ablehnen . « » Ich hoffe , die Herren werden sich über diese Frage nicht in die Haare geraten « , sagte Doktor Gerhard mit milder Ironie . Der Dichter lächelte herbe und hüllte sich dann in Schweigen . Die kappadozische Dame dagegen war sehr liebenswürdig , sie ästimiert mich anscheinend , seit ich die Panflöte geblasen habe , und fragte , wie ich darauf gekommen sei . Ich erzählte , daß Delius uns alle beraten und wie er sich dann verabschiedet habe , um kosmische Urschauer zu erleben . Dabei fühlte ich , wie ich immer mehr in ihrer Achtung stieg , auch der Dichter wurde wieder zugänglicher . » Delius hat uns neulich eine sehr bedeutungsvolle Begebenheit erzählt « , sagte er . » Er war vor einigen Jahren in Rom ... « » Ich denke , Herr Delius ist immer in Rom « , warf Gerhard ein . Der Dichter ignorierte ihn , und die Kappadozische suchte zu vermitteln : » Es ist hier wohl von dem wirklichen Rom die Rede . « » Gibt es ein wirkliches und ein unwirkliches Rom ? « fragte der junge Mann bitter . » Ich meinte allerdings jene italienische Stadt , die heute noch Rom genannt wird ; aber gerade was Delius dort erlebte , zeigt , daß immer wieder der leere Schein für Wirklichkeit gehalten wird und tiefstes Erleben für unwahrscheinlich gelten mag . - Ihm , Delius , mußte das moderne Treiben an dieser Stätte wohl vor allem verhaßt sein , und so beschloß er , seine Mahlzeiten nach altrömischem Brauch einzunehmen . Er kaufte daher Wein und Früchte und begab sich zur Mittagzeit , wo alles ruhte , in die Campagna . Dort breitete er seine Vorräte auf dem Boden aus , flehte den Segen der Götter auf sich und sein Mahl herab und wollte eben damit beginnen , als dicht hinter ihm ein entsetzliches Gebrüll ertönte und ein ungeheures ziegenbockähnliches Tier mit ellenlangem , bis auf die Erde herabhängendem Bart auf ihn zustürmte . Entsetzt ergriff er die Flucht , denn es schien ihm wohl möglich , daß ein böser Dämon sein Spiel mit ihm treiben wolle . Und als er nach einer Weile wieder zurückkehrte , fand er nur noch das zertrümmerte Weingefäß am Boden , alles andere , auch das Ungeheuer , war spurlos verschwunden . - Ihr Lächeln ist nicht am Platz , Doktor ... es wurde später