sie . Einhart war in solchem Falle recht wie ein Mann , der gar keine Acht hat , auf keine Forderung und Höflichkeit . Nur ganz voll Zutrauen . » Ach Gott - « sagte er , » allein - ja - allein - lebe ich - oder auch nicht allein . Wie man es nimmt . In Gesellschaft genug ! Ich komme eben aus dem Ausstellungstrubel , da war die ganze Stadt - « sagte er . » Wissen Sie , weswegen ich komme ? « fragte Fräulein Reseda . » Aber erst erlauben Sie mir zu sitzen , « sagte sie gleich darnach , » ich habe immerfort Wäsche gelegt . Sehen Sie ! Ich wollte Sie nur fragen , ob Sie mich nicht auch einmal besuchen wollen ? Sie leben so sehr unregelmäßig und gewiß nicht immer in der besten Gesellschaft ! « Einhart fand diese Rede wunderlich . » In der besten Gesellschaft ? « wiederholte er und ging zum ersten Male auf und ab , als wenn nun jemand gekommen wäre , der ihn zur Rede stellen und mit Mahnungen versehen wollte . Er mußte an die Nacht mit Dorothea zurückdenken . » Nein , Sie haben durchaus recht , « sagte Einhart dann zustimmend . » Begreifen Sie doch : man weiß eigentlich überhaupt nicht recht . Die Eltern schicken einen an so eine Akademie und sagen nur : Tue Gutes ! Nun müht man sich . Und greift ins Unbestimmte . Ich habe Sie doch nie gestört mit meinem Wohnen hier ? Oder doch ? Wollen Sie mir etwa deshalb die Leviten lesen ? « - sagte er verlegen lächelnd . » I Gott ! lieber Herr Selle ! Ich werde - - - nein nein - - - Glauben Sie doch das nicht ! Nichts dergleichen . Nur ganz allgemein : nämlich - ich wollte Ihnen immer sagen : ich glaube , die Künste hat der Teufel erfunden , « stieß Fräulein Reseda dann hervor . » Das ist nichts Gutes ! Da wird alles veräußerlicht . Und äußere Maße sind nicht immer die inneren ! O Gott ! « Beide waren eine Weile verlegen lächelnd still für sich . » Und nicht nur das , « sagte Fräulein Reseda hastig weiter , als Einhart dann lebendiger sie anzusehen angefangen . » Die jungen Künstler leben ein gottloses Leben . Sie taumeln herum , wie die Schmetterlinge auf allen Blumen , wo sie etwas Süßes finden . Und haben nicht Halt . « Und ehe sich Einhart besann , brachte sie vor , daß sie manchmal bei sich junge Leute hätte , Leute in Einharts Alter , gute , strebsame , fromme Jünglinge . Und wenn er sie besuchen und so manchmal auch bei ihr ein Mahl mit denen einnehmen wollte , möchte er kommen . » Nicht um meinetwillen komme ich , « sagte Fräulein Reseda am Ende ausdrücklich . » Ich dachte mir , daß ein Leben gewonnen wäre , wenn der Geist der Jünglinge nur rechtzeitig auf die wahren Güter und Halte gerichtet würde . « Fräulein Reseda sprach sanfte Ideen , daß Einhart sein Lächeln gar nicht wieder los wurde . Als er sein Hin- und Herwandeln einstellte , worin er jetzt ganz dem alten Herrn Selle glich , war er froh , daß eine Stimme aus einer ganz anderen Welt plötzlich zu rufen angefangen . » Gewiß werde ich kommen . Warum denn nicht ? « sagte er bestimmt . » Einmal schon , weil ein Künstler allerlei Menschen kennen lernen muß , und sich aus tausend Zügen etwas erlesen . Und dann , weil Sie mich gewiß nicht einladen , um mich drüben zu vergiften , « sagte er drollig , » weil ich Ihnen nicht mißtraue . « Fräulein Reseda lachte hell auf . Ihr Lachen war ein feiner , gefälliger Klang . Einhart mußte dabei unwillkürlich an etwas Schönes und Freies denken . Aus dem Lachen kam ein Hauch voller Hoffnung wie aus einer fernen Jugend . Wie dann Fräulein Reseda hinaus war , war Einhart noch immer erregt , wie wenn er etwas erlebt hätte . » Eine Wunderblume ist nicht darunter , « hatte er auf den Stufen vor der Ausstellung gesagt , als er am Morgen mit Grottfuß heraustrat . » Ob denn hier im heimlichen Bodengelaß etwas Wunderbares blüht ? « dachte er jetzt . Er hatte alle Dränge vergessen , hinauszuwandern , seine Mattigkeit und sein Widerstreben gegen sich selber , seine Begierde , die Gegenwart hinter sich zu lassen . Fräulein Reseda hatte gleichsam , wie eine Schale noch in lauter Hüllen , ihr seltsam gütiges Leben vor ihn getragen . Einhart begann neu erfaßt , aufzulachen . » Man muß solcher Menschenliebe mit Kropf und Buckel nachspüren , « sagte er vor sich hin . 10 Fräulein Reseda hatte ihre Wohnung im vierten Stockwerk , wie Einhart seine Giebelstube . Und Einhart war wirklich zum ersten Male im Leben entzückt , wie es in einer menschlichen Wohnung aussehen konnte . Einhart kannte jetzt manche Wohnstätte von Menschen . Nicht nur die Behausung , in der Herr Geheimrat Selle nebst Frau und den Töchtern saß . Man lebte darin noch immer so recht ein Leben der Gewohnheit . Und alle Möbelstücke und die Blume auf dem Teppich schienen eine steife Würde für sich zu tragen , so etwa , als wenn jedes für sich sagen wollte , gedungen und ausgenützt stehe ich und diene hier einem gleichmäßigen , eintönigen Leben . Das Sofa mit den großen Lehnen und der Tisch mit dem Silberteller voller Karten mit noblen Namen und Würden , ein jedes vergriffene Stück schien heimlich zu stöhnen und zu raunen , daß es sich wie verschlafen und steif fühle und wie hoffnungslos eingeschlossen , als ein freudeleeres Glied in dieser nichtgeachteten , verschlafenen Runde . Da gab es nur ein eintöniges , heimliches Widereinanderklingen wie in den Seelen . Und der Herr Geheimrat tat der blauen