mitten darin . Wie sollte er sich nun zu dieser Tatsache stellen ? Von herzlicher Teilnahme konnte natürlich keine Rede sein ; o , weit weg davon ! Seine boshafte Feindin ! die Verräterin der Parusie ! die Vergifterin Imagos ! Anderseits konnte er wieder nicht umhin , sie aufrichtig zu bedauern ; denn sie war ja trotz allem in diesem Augenblick ein leidendes Geschöpf . Wo ist nun da die scharfe Trennungslinie ? und welches ist die genaue , richtige Mitte ? Eine schwierige Aufgabe für das Gefühl , und noch dazu eine gefährliche ; denn wenn er Pseuda nur ein wenig zuviel bedauerte , so sähe es ja danach aus , als ob sie seinem Herzen nicht gleichgültig wäre ; wenn er sie aber zu wenig bedauerte , so stand er da als ein gemütloser , hassenswürdiger Mensch . Diese Aufgabe war so schwierig , daß er sich bis Mitternacht den Kopf darüber erhitzte , und um Mitternacht war er nicht klüger als am Anfang , im Gegenteil . Und wehe ! eine schlimme Möglichkeit ! wenn es nun eine ernstliche Krankheit wäre ! wenn sie am Ende gar - ! Doch nein , das wäre ja geradezu eine teuflische Bosheit vom Schicksal , ihn durch solche niederträchtige Kunststücke zwingen zu wollen , dieser Verräterin herzlich gut zu sein . Und die andere Hälfte der Nacht verbrachte er in angstvollem Gebet an das Schicksal , daß sie gesund werden möge , damit er ihr nicht gut sein müsse . Durch diese heftige Gemütsarbeit war er dann am Morgen dermaßen verstört , daß er selber halb krank aus dem Bette stieg . Das Frühstück verschmähend , eilte er in die Münstergasse . » Statthalter , wie geht es Ihrer Frau ; hoffentlich nichts Schlimmes ? « rief er ihm schon vom Hausflur angstvoll entgegen . Der Statthalter erstaunte ; » Warum ? sie ist doch nicht krank ; höchstens ein wenig Zahnschmerzen . - Aber warum nennen Sie mich denn Statthalter ? « » Nichts , nichts « , jauchzte er und eilte erleichtert davon ; das Schicksal hatte also sein Gebet erhört . Allein Zahnschmerzen , ob es schon nichts Gefährlicheres ist , das tut weh . » Halt ! etwas Hübsches , sehr Hübsches ! Weißt du - , unbeschadet des Kriegszustandes , in welchem ich mich mit Pseuda befinde - , zum Dank dafür , daß sie mir nicht krank geworden ist , will ich ihr jetzt auch etwas Artiges erwidern ( man kann ja auch einen Krieg ritterlich führen ) . Also paß auf : während sie Schmerzen leidet - meinst du nicht ? - will ich ebenfalls Schmerzen leiden , und zwar genau an der nämlichen Stelle , also an den Zähnen . Gelt , das ist fein ? das ist hübsch ? das ist eine höfliche Kriegführung ? Ging hin und klingelte beim Zahnarzt Effringer , dessen Wohnung er leider schon kannte . Er solle ihm den und den Zahn ausziehen , begehrte er . » Der Zahn ist ja ganz gesund ! Sie meinen wahrscheinlich eher den faulen Stockzahn daneben ? Um den Kerl wäre es allerdings nicht schade . « Viktor kämpfte mit seinem Gewissen : Ist es auch anständig , mit dem Schmerz zugleich einen Nutzen zu verbinden ? Schließlich entschied er sich doch lieber für den bösen Stockzahn als für einen gesunden . Als dann der Effringer mit seinem Lachgas anrückte , meldete sich das Gewissen zum zweiten Mal : » Viktor , schäme dich ! warst gekommen , um Schmerzen mit ihr zu leiden ; und nun willst du Feiglings an den Schmerzen abmarkten . « Wohl schämte sich Viktor . Allein in Anbetracht der unheimlichen Zange fand er es doch für zuträglicher , das tröstliche Zeug , das er zwar nicht verlangt hatte , nicht abzulehnen , als es freiwillig ankam . Um indessen sein Gewissen einigermaßen zu versöhnen , ließ er sich gleich noch einen zweiten Stockzahn ziehen , ebenfalls einen wurmstichigen , und wieder mit Lachgas . Nachher auf dem Heimwege kam er nicht mit sich ins reine , ob er nun eigentlich etwas Ansehnliches geleistet habe oder nicht . Auf der einen Seite ist es doch nichts Alltägliches , sich zwei Zähne ziehen zu lassen , nur weil ein anderer Mensch Zahnschmerzen hat , andererseits sind zwei faule Zähne gerade kein so fleckenloses Opfer , und Schmerzen mit einem schmerzstillenden Mittel zu dulden , für dieses Martyrium hätte ihn schwerlich ein Papst heilig gesprochen . Allein er fühlte sich plötzlich ein wenig angegriffen und schwach ; so daß er sich gerne irgendwo hingesetzt hätte . Als Privatmensch aber , der niemals Wirtshäuser besuchte , verfiel er nicht auf diese nächstliegende Auskunft , sondern wußte im Augenblick keinen anderen Rat , als trotz der ungebräuchlichen Stunde ( - es war ein wenig mehr als neun Uhr ) die Gastlichkeit eines Bekannten in Anspruch zu nehmen . Frau Doktor Richard wohnte am Wege . Sie möchte gütigst entschuldigen , er fühle sich nicht ganz wohl . Eifrig besorgt machte sie sich um ihn zu schaffen ; nötigte ihn aufs Sofa , zwang ihm ein Gläslein Malaga auf , das ihm wirklich gut tat , und als er sich dankend entfernen wollte , überredete sie ihn zu bleiben . » Sie sind immer noch ein bißchen blaß ; ich versichere Ihnen , Sie stören mich nicht im mindesten . « - Als er ungefähr ein halbes Stündchen so dagesessen hatte , trat in Hut und Mantel ein lebhaftes , mutsprudelndes Fräulein herein . » Dieses hübsche Fräulein « , sagte Frau Richard , » muß Ihnen besonders sympathisch vorkommen - abgesehen davon , daß sie ohnehin jedermann sympathisch vorkommt - oder nicht ? - , ich meine besonders sympathisch , weil ihr Frau Direktor Wyß vor Zeiten einmal das Leben gerettet hat . « Darauf vorstellend : » Fräulein Marie Leona Planita , die beste Klavierspielerin unserer Stadt , und zugleich , wie Sie bemerken , das