Es schien ihm jetzt , als höre er sie leise schluchzen . Voll Mitleid blieb er stehen und dachte : sie hat wohl einen großen Schmerz oder gar eine große Schuld , die sie hier so trostlos im Gebet zu stillen oder zu sühnen sucht . Schon griff seine Hand in die Tasche , um Geld hervorzulangen und neben sie zu legen , wenn vielleicht Mangel sie bedrückte , doch sah er nun , daß sie nicht so gar ärmlich gekleidet war , wie er anfangs gemeint hatte , und so unterließ er es ; aber ohne zu überlegen , nahm er den Veilchenstrauß , den ihm Giulia gegeben hatte , legte ihn still auf das Betpult , auf dem der Kopf der Beterin , das Gesicht in die Hände vergraben , ruhte , und verließ die Kirche . Vittoria ging unruhig in ihrer Bottega hin und her , trat öfter auf die Straße hinaus und schaute aufmerksam in die Ferne , als erwarte sie jemand , und kehrte dann immer mit dem Ausdruck der Enttäuschung auf dem Gesicht in den Laden zurück , antwortete einigen frühen Käufern , die sich mit frischer Ware versehen wollten , ganz verkehrt , so daß diese sie auslachten , und war offenbar nicht in ihrer gewöhnlichen , ruhigen Stimmung . Endlich schien sie das Ersehnte zu erspähen , sie ging ein paar Schritte aus dem Laden der Nahenden entgegen und sagte : » Die heilige Jungfrau sei gelobt , da sind Sie . « » Ist die Amadei schon auf ? Sonst komm mit in mein Zimmer , daß ich dir alles sage , dir , meiner einzigen Vertrauten , « lispelte Rosa mit halberstickter Stimme , lehnte sich erschöpft an die Mauer und riß das bunte Kopftuch ab , das sie in der Kirche unerkannt gemacht hatte . Sie hielt einen Veilchenstrauß in der Hand und preßte ihn mit einer heftigen Bewegung ans Herz . Ihr Atem ging schnell und stoßweise und tödliche Blässe bedeckte ihr Gesicht . » Ach , liebe Signorina , Sie werden sich töten , und weshalb ? für wen ? Was können Sie tun ? Wenn die Herzogin ihn liebt und er sie , wie wollen Sie es hindern ? « fragte Vittoria , indem sie liebevoll mit einem Tuch die Schweißtropfen von Rosas Stirn trocknete . » Und haben Sie denn etwas gesehen und gehört ? « fragte sie weiter , als Rosa noch immer nicht reden konnte . » Wohl , wohl habe ich gesehen und gehört , « sagte Rosa endlich , » und mehr als je weiß ich , daß ich ihn für seine Ideale retten muß . Und wenn es nicht gelingt und ich dabei untergehe , so ist das gut , denn ich habe dann um einen edlen Preis gekämpft , ohne den das Leben wertlos ist . Aber komm , komm mit mir , daß ich dir alles sage . « Vittoria rief die Nachbarin , daß sie das Geschäft einen Augenblick besorge , und folgte Rosa in ihr Zimmer . Die Amadei schlief noch und ihr lautes Schnarchen verkündete , daß der Morgenschlaf noch tief sei . Rosa berichtete nun das Erlebte und sagte zum Schluß : » Sag selbst , wie soll das werden , wenn er mit ihr entflieht , wie trostlos werden die Seinen , wird sein Land sein , die in ihm einen idealen Herrscher erhofften ? - Sie sagte : Die Liebe ist das stärkste Gesetz , neben ihr ist alles wertlos , nichtig , gilt keine Pflicht - ich glaube es nicht ; ich glaube , das ist die egoistische Liebe , die nur an sich denkt ; es gibt aber auch eine andere Liebe , die edler ist , die sich opfern kann für den Geliebten , für ihn sterben kann , wenn es sein muß , ihm entsagen kann , um ihn seiner höchsten Bestimmung zu retten , und das ist die wahre Liebe . O , Vittoria , ich war ein unerfahrenes Kind bis hierher , jetzt bin ich gereift und das Leben ist mir klar geworden . Ich weiß es jetzt , es kommt für einen jeden die Stunde , wo er wählen muß zwischen dem Egoismus , der nur sich selbst als Endziel hat , und dem Ideal , das uns möglicherweise Entsagung und das Opfer unseres Selbst auferlegt . Und ich habe gewählt in dieser Morgenstunde ; während sie den Traum der egoistischen Liebe zusammen träumten , habe ich mein Herz zum Opfer dargebracht für ihn . « Vittoria verstand nur halb den ganzen Sinn der Rede , aber sie stand wieder in andächtiger Bewunderung und Ehrfurcht vor dem jungen Mädchen , das ihr abermals wie eine Heilige erschien , dem nur die Flügel fehlten , um sich von der Erde , die seiner nicht wert sei , zu erheben . Sie faltete unwillkürlich die Hände und Tränen der Rührung rannen über ihre Wangen , während sie das liebliche durchgeistigte Antlitz Rosas betrachtete . Als diese schwieg , schüttelte sie leise das Haupt und sagte wie für sich : » cara , cara ! « Und dann sich an Rosa wendend , fragte sie ganz zaghaft : » Aber was wollen Sie tun ? Wenn er - der Prinz - doch selbst einwilligt ? « » Ihn an seine Ideale mahnen , « sagte Rosa ; » auch er muß entsagen , muß opfern lernen , auch er muß wählen , und wenn er fern von ihr ist , wird er seinen Schutzgeist segnen , der über ihm wachte und ihn für seine höhere Aufgabe rettete . Ich könnte ja seine Freunde benachrichtigen und warnen , aber das sähe aus , als hätte ich spioniert , und er würde mich vielleicht verachten und an der Reinheit meiner Motive zweifeln , und dann wär es auch nicht seine freie Wahl , und er würde denen zürnen , die ihn zum Aufgeben zwangen , und mit Verlangen an das