wird . Alles in uns selbst erscheint uns so wichtig , so sehr der Entfaltung wert , dass wir den Gedanken unerträglich finden , irgend etwas unserer kostbaren Gaben könne unentwickelt , ungenutzt verkümmern und zugrunde gehen . - Samenstäubchen ? - ja , für die ist es unabänderliches Weltengesetz . Aber wir ? Doch es mehren sich täglich die Erfahrungen , sie wachsen zu langer Kette , und blicken wir zurück , so sehen wir , wie Vieles schon in uns gestorben , noch ehe es leben durfte , verkümmerte Talente , schaffensfreudiges Wollen , Sehnsucht zu lieben , Anlagen und Interessen - alles umsonst in uns gelegt , es sollte sich ja nie entfalten dürfen - war schon im voraus verdammt . Denn viele sind berufen , aber Wenige sind auserwählt . Mählich wächst dann die Erkenntnis , gegen die wir uns zuerst noch sträubten , von der wir im Innersten längst wissen , dass sie recht hat - auch wir gehören zu den Verschwendeten , zu den Millionen , deren Erscheinen ganz zwecklos war . Überproduktion . Schaum , der über den Rand des Bechers fliesst . Wer das vom eigenen Leben erkannt hat , den fröstelt es in Mark und Blut . Wozu überhaupt noch weiter ? An Stelle all des Gewollten tritt ein einzig grosses Sehnen , wie die welken Blätter müde niederzusinken und unter weissschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden , Nahrung werden für die ewig verschwendende Erde - dazu vielleicht taugen auch wir . Wie oft habe ich all das während der letzten Jahre gedacht und darum gekämpft , ruhig und still zu werden . Denn Bitterkeit und Empörung zu Wehmut und Mitleid wandeln - das ist des Lebens Aufgabe , die wir lösen müssen , wollen wir nicht in Verzweiflung enden . Nun stand ich an einem Grab . Auch ein armer , verschwendeter Mensch , der da unten ruht . Hat mir nichts Übles gewollt - liebte mich sogar einstmals auf seine Art - es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen . Hat mir nichts Übles gewollt - hat nur mein ganzes Leben vernichtet - hat dazu gerade lange genug leben müssen - in allem anderen auch nur ein armes , zweckloses Dasein . Niemand kann darauf Antwort geben : warum musste er sein und selbst so viel leiden und so viel Leiden verursachen ? Sicher hat auch er einst die grosse Empörung und Bitterkeit ; empfunden , als er zuerst des Unheils Nahen fühlte , nicht mehr denken konnte wie er wollte , seltsame Handlungen beging , deren Motive ihm nachher verschwunden waren . Sicherlich hat auch er sich aufgelehnt und gekämpft gegen das Unverständliche , Stärkere ; hat sich doch schliesslich auch in sein Schicksal fügen müssen , denn das Schicksal ist immer stärker als unser kleiner Verstand und Wille - auch wenn Schicksal Wahnsinn heisst . » Die entsetzlichen Tobsuchtanfälle , « erzählte uns sein Wärter , » hatten vor der Feuersbrunst , während seiner letzten Lebenszeiten , mehr und mehr abgenommen ; es war , als sinke er allmählich in völlige Stumpfheit ; wir erleben das an vielen Kranken ; es ist dann schliesslich ganz leicht , mit ihnen fertig zu werden . « Und ich dachte , ja , zuerst Auflehnung , dann stumpf und mürbe werden , das ist so Menschenlos . Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle , der andere draussen in der weiten Narrenwelt . » Gottlob , nun hat er ausgelitten , nun ruht der arme Herr , « sagte der Wärter . Ich schaute ihn erstaunt an . Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche Schicksale vor sich und kann noch Gott loben ! Vielleicht aber hatte er recht . Leiden ist das Übel , Tod nur Ende und Erlösung . Immer stiller ward es in mir . Ich war so völlig ruhig , dass es mich selbst erstaunte . Und konnte doch eigentlich nicht anders sein . Die Verzweiflung meines Lebens , die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurück in vergangenen Jahren . Als es niemand noch wusste , als ich für eine glückliche Frau galt - das war meine härteste Zeit . Damals lehnte ich mich innerlich auf . Unerträglich war das Gefühl eigener Zwecklosigkeit , unerträglich der Jammer um mein junges Leben , das mir noch so unabsehbar lang vorkam . Jetzt scheint mir das alles überwunden . In mir ist schon lange eine grosse Stille - ich gleiche einem jener ausgestorbenen Häuser , wie die Resignation sie gern bewohnt . Dies Grab ändert nichts mehr . Ohne neue Trauer stand ich daran . Dem Schicksal sei ' s gedankt , dass von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben kann , dem Schicksal sei es auch gedankt , dass in mir selbst die Bitterkeit längst schweigt . Wehmut und Mitleid allein sind geblieben . 28 Berlin . Mai 1900 . Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen . In einer Woche muss er nach New York zurück . Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist . Ich warte hier in Berlin auf ihn , und dann werden wir uns zusammen einschiffen denn natürlich gehe ich wieder mit ihm - wir gehören ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und sind uns gegenseitig ein Stück Heimat . Sie , lieber Freund , werden das gewiss verstehen . Hier sagen mir freilich viele Bekannte , ich solle doch nun in Berlin bleiben und mir ein Heim gründen - als ob dazu nur gehörte , eine Wohnung zu mieten und Dienstboten zu engagieren . Manch einer näselt dann auch wohl : » Wäre gerade , was in Berlin fehlt , Haus einer unabhängigen Frau , geistiges Milieu , neutraler Grund , könnte politisch von Bedeutung werden . « Welch einsames , kleines Heim würde das sein , und wie gleichgültig lässt mich das » geistige Milieu « ! Für wen ? Für wen ? - Mir ist es