des kleinen Diners beschränkte sich die Unterhaltung auf Reminiszenzen aus der Zeit , welche Hugos Abreise und Sylvias Heirat vorangegangen war . Man sprach von den Tennis-Partien in Brunnhof , von Pater Protus , von der Taufe des kleinen Fritz und ähnlichen Dingen . Von sich und seinen Arbeiten erzählte Hugo nichts , er wich sogar einigen darauf bezüglichen Fragen Delnitzkys aus . Wohl mochte er fühlen , daß er von dieser Seite kein Verständnis für sein Streben fände . Als man von Tische aufstand , sah Delnitzky auf die Uhr : » Gleich sieben - ich bitte um Verzeihung - auf den Kaffee will ich verzichten , sonst komm ich wirklich zu spät ... Ich lasse die Herrschaften ja beide in guter Gesellschaft ... Jugendfreunde ... Also , ich empfehl ' mich ... hat mich sehr gefreut ... Sie bleiben doch noch eine Zeit in Wien ? ... Schön - also auf Wiedersehen . Adieu . « Und fort war er . Sylvia ging mit Hugo in den Salon zurück . » Störe ich nicht , Gräfin ? Sie wollten vielleicht auch ins Theater - « » Nein , nein , ich bleibe zu Hause - ich muß sogar - meine Freunde wissen , daß ich an Donnerstagabenden zu treffen bin . « Sie schenkte den schwarzen Kaffee ein und reichte ihm eine Schale . Zugleich deutete sie auf einen mit Zigaretten gefüllten Becher . » Wenn Sie rauchen wollen - es ist erlaubt . « Das Tete-a-tete hatte etwas Schwüles , Beengendes für sie . Sie fürchtete , Hugo könnte von seinem Briefe sprechen , den sie an ihrem Hochzeitstag verbrannt . Sie empfand etwas von Beschämung , denn der junge Mann mußte durchschaut haben , daß ihr eheliches Verhältnis nicht war , was es sein sollte . In Bresser loderte die alte Leidenschaft wieder hell auf . In den Schatten gestellt war das Bild einer jungen Berliner Schauspielerin , die seine Geliebte war ; es war ihm , als hätte er nie an eine andere gedacht - als wäre Sylvia wieder das einzige Weib , das die Welt für ihn enthielt . Aber er wagte es nicht , sich zu verraten . Er versuchte , die Unterhaltung in demselben banalen Ton fortzusetzen , wie sie bei Tisch geführt worden war . Sylvia ging darauf ein , doch es verletzte sie , daß Bresser nicht , wie er es vor Delnitzkys Ankunft getan , sein Gespräch jetzt wieder auf einen höheren Ton stimmte . Sollte er glauben , daß sie nicht auf seinem geistigen Niveau sei , daß sie sich nur behaglich fühle in den schalen Alltäglichkeiten , welche den Stoff zu Delnitzkys Unterhaltung abgegeben hatten ? So sollte ein Dichter - und ein Mann , der sie einst geliebt hatte , nicht von ihr denken . Und als er wieder irgend eine nichtssagende Bemerkung vorbrachte - ein Vergleich zwischen den Bauten von Wien und Berlin , zwischen den Kältegraden von dort und hier - da machte sie eine ungeduldige Bewegung und sagte : » Ach , das interessiert mich nicht ... reden Sie doch nicht so mit mir ... Wie sagte doch Toni ? Wir seien ein paar Jugendfreunde ... Freunde haben sich doch Besseres mitzuteilen als architektonische und meteorologische Beobachtungen . « » Wir waren aber nicht Jugendfreunde , Frau Gräfin . Zwischen uns beiden gähnte ein gesellschaftlicher Abgrund - ich blickte zu Ihnen auf wie zu einem Stern ... Nur einmal - ein paar Stunden , ein paar Tage vergaß ich diese Entfernung - aber davon soll und darf ich doch nicht reden ? « » Nein , davon nicht . « Sie schwiegen eine Weile - eigentlich hatten sie beide doch davon geredet . » Lassen Sie uns auf Ihre literarische Laufbahn zurückkommen - das fesselt mich wirklich lebhaft . Ich sehe , daß Sie eine Lebensaufgabe haben , daß Sie großen Zeiten zustreben ... wie mein Bruder . Wie schade , daß er nicht gekommen ist ; Sie hätten miteinander vielleicht wieder jenen Streit aufgenommen - über den Vorrang des Gedankens oder der Tat ... « » Wie ! Sie erinnern sich noch ? Wie Sie sehen , bin ich meiner Ansicht treu geblieben - ich habe mich einzig in den Dienst des Gedankens gestellt . Und da nicht einmal des grübelnden , oder auf irgend welche praktische Ziele gerichteten , sondern des frei über allen Wolken schwebenden Gedankens . Rudolf hat wohl noch immer politische und weltverbessernde Pläne ? Ach , ich fürchte , verbessern läßt sich nicht viel an unserem kleinen Stückchen Umwelt ... Ich wenigstens könnte es nicht - höchstens ein klein wenig verschönern , sei es durch ein bißchen Kunst , oder ein bißchen - Liebe . « Das Wort Liebe , in der Betonung , in der Hugo es gesprochen , verursachte der jungen Frau eine Sekunde der Beklemmung . Sie wußte selbst nicht , was diese Beklemmung eigentlich war ... Sehnsucht ? Eifersucht ? Sie holte einen tiefen Atemzug : » Was schreiben Sie jetzt ? « fragte sie . Er hatte nicht Zeit zu antworten . Der Bediente meldete Besuch . Bald war der Salon mit einem Dutzend Leute gefüllt und Bresser empfahl sich von der Hausfrau . » Wann sieht man Sie wieder ? « fragte sie , ihm die Hand zum Kusse reichend . » Sobald Sie befehlen . « XI Rudolf Dotzky war bei den Reichsratswahlen durchgefallen . Er hatte es verschmäht , sich vom Großgrundbesitz aufstellen zu lassen , weil er sich da einer der bestehenden Parteien hätte anschließen müssen , und hatte sich um ein Mandat in Wien beworben . In den Wahlversammlungen hatte er sein Programm mit beredten Worten entwickelt und viel Beifall gefunden - die Stimmenmehrheit fand er aber nicht . Sein Gegenkandidat hatte ein so bewährtes altes Programm entworfen , mit allen üblichen Versprechungen gespickt , daß ihm die Stimmen nur so zuflogen . Alles geht ja - das ist naturgesetzmäßig - auf der Bahn des geringsten Widerstandes