Meinung . Ich habe ihr zu erklären versucht , daß ein Stipendium nur geliehenes Geld und kein Almosen sei , aber sie verstand davon nichts . Sie sagte immer wieder : » Und doch wird ' s dafür angesehen , und wer almosengenössig ist , - oh weh , den achtet man nimmer ! « Als ich ihr sagte , es sei aber ein Menschenrecht , Hülfe von andern in Anspruch zu nehmen , um dann später wieder zu helfen , schüttelte sie den Kopf und sagte : » Wir Arbeiter kommen nicht auf solche Gedanken ; - die Leut ' , wo Geld haben , oder gehabt haben , die meinen immer , sie hätten ein Recht in der Welt , - wir wissen ' s gut : wer almosengenössig ist , den verachtet die ganze Gemeinde , vom ersten bis zum letzten , - das wär ' mir das Aergste , die Gemeinde in Anspruch zu nehmen . « Noch seh ' ich vor mir ihr erschrockenes Gesicht und höre sie ausrufen : » Hätten Sie mich gefragt ! Ich hätt ' Ihnen entschieden abgeraten . « Hat sie Recht ? Hab ' ich Recht ? Mir ist so schwer und müde , zum Sterben . Ganz wie im Traum , wo ich mich durch das Wattenmeer geschleppt habe , heut Nacht . Der weiche , nachgiebige Boden , aus dem das Wasser springt , die zahllosen Rinnsale , verwirrend wie Wege , die nirgend hinführen , und so fern , so fern das feste Land , wo der Leuchtturm steht ! Und schneller , immer schneller wächst und steigt um mich die Flut ! Sie gurgelt und rauscht heran , sie hebt meine Füße vom Boden auf , sie wird mich mitreißen , - - Also , almosengenössig nennt man das ? 25. November . Zum vierten Mal umgezogen . Jetzt sitz ' ich im Vogelsangweg . Aber kein Vogel singt . Es ist alles im Eisreif erstarrt . Auf meinem Tische flattern die Papiere , so undicht ist das Fenster . Die Frau sieht gutartig aus , die Kinder haben mir schon die Händchen gegeben . Ach , ein Gefühl der Verzweiflung hat sich meiner bemächtigt , seit ich in diese kalte Kammer eingezogen bin ! Mit ihren weißen Wänden starrt sie mich an wie eine Totenkammer . Ist dies die letzte Station meines Leidens , oder ist dies meine letzte Leidensstation ? Mir ist , als müßt ich mich hinlegen , langausgestreckt und still , die Hände gekreuzt , die Augen geschlossen , und einschlafen , einschlafen für immer . Der Brief kommt nicht , sie haben mir nichts zu antworten . - - - 10. Dezember . Ich habe meine Landsmännin wieder getroffen , auf der Straße , - sie hat mich oft so freundlich angesehen , als wir noch am gleichen Tische speisten . Doch bin ich geschwind weggerannt ; ich fürchtete , schwach zu werden , ihr von meiner Lage sprechen zu müssen . Wie von einem innern Zwange bin ich geflohn . - - Aber einmal , wenn ich ganz am Ende mit allem bin , am allerletzten Ende , und so schwach und mürb , daß ich nach einer menschlichen Hand fassen muß , dann ist sie die Einzige , zu der ich Vertrauen haben werde . Ach , bin ich nicht schon am Ende ? Wozu die lange Qual ? Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land ? - 22. Dezember . Sie reist fort ! Ich bin fast umgefallen , als sie es mir sagte . So ruhig sagte sie ' s , so ganz nur mit der eigenen Absicht , dem eigenen Plan beschäftigt . - - Wie sollte sie auch anders gegen mich sein ? Stecken wir nicht alle tief in der Konvention , die - - Oh , was soll ich anfangen ? Was soll ich thun ! ? Hier die Hände im Schoß , die Augen verbrannt von Thränen , abgeschnitten , allein , so sitzen und auf mein Schicksal warten ? Unerträglich ! Ich habe keine Gedanken mehr , nur Visionen kommen mir noch , um mich zu verspotten ! Einen schwarzen Himmel sah ich , darunter wehende Weiden ; - plötzlich zerriß der Wolkenvorhang , und Sterne drängten hervor , zahllose , leuchtende Sterne . » Ein neuer Morgen für die Menschheit , herausgeboren aus dem Herzen der begeisterten Frau ! « so tönte Engelssang ! Ach , ihr süßen hohen Träume , kommt ihr noch wieder ? sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung ? Seht , hier lieg ' ich am Boden , wund und einsam und schwach geworden , - - nichts werd ' ich erreichen , nichts kann ich thun , euch wahr zu machen , ihr meine stolzen , hohen Träume ! Wund und einsam und schwach geworden - aber nicht untreu . Das kann ich nicht , auch wenn ich ' s wollte . Ich kann das Boot nehmen , - - aber ich kann nicht zurückkehren und mich selbst verleugnen . Lieber noch langsam verhungern . - - 2. Januar 89. Der Brief ist da . Für studierende Frauen giebt es weder private noch staatliche Stipendien in Hamburg . Wir Frauen haben kein Vaterland . Im Februar . Frau Laubi hat mir geholfen , die Sachen sind verkauft . Brechen mit allem und mit allen : Hinunter in das Namenlose , zu den Rechtlosen , zu den Enterbten . Dorthin gehör ' ich ja , ich und alle Frauen , Heimatlose , Vaterlandslose . - - - Warum hab ' ich mich so spät darauf besonnen , daß ich zwei Arme habe ? Anerzogner , angeerbter Hochmut . Man muß sehn , ob in dieser Kartonnagenfabrik , - - die Kleine sagt bestimmt , daß dort fortwährend Arbeiterinnen gesucht werden ...... Bei den Rechtlosen , bei den Heimatlosen , bei den Vaterlandslosen - - sei es drum . -