wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher herein ins Dorf ; Regen strömte herab , dann war es wieder still , dann kam ein summender Wind , dann trat wieder der Mond aus den Wolken , und seine Strahlen legten sich scheu auf die Dächer . Frau Jette sagte am Morgen , sie habe zweimal die Haustüre gehört , aber alle lachten sie aus . Frisches , warmes Brot stand auf dem Tisch und Kaffeedampf erfüllte die Stube . Die Männer kamen mit ihren Gebetsriemen , um das Morgengebet zu verrichten , denn sie konnten nicht zur Synagoge gehen , weil der alte Vorbeter durch Zwistigkeiten , wie sie stets unter den Juden des Dorfes herrschten , daran verhindert wurde , sein Amt auszuüben . Agathon rüstete sich zum Aufbruch ; er mußte um acht Uhr zum Schulbeginn in Fürth sein , und es war eine Stunde Wegs , die er täglich zweimal zurücklegen mußte . Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt . Er steckte die Bücher in seinen Träger und schien dabei weniger entschlossen und überlegt als sonst . Oft besann er sich lange , drückte die Augen zusammen , schaute fremd auf die Geschwister und die Mutter . Elkan Geyer war schon aufgebrochen ; er ging über Land , wie er sagte wegen der Geschäfte , in Wahrheit aus Angst vor Sürich Sperling . Während Frau Jette einen Scherz erzählte und Enoch mit großem Geräusch Kaffee schlürfte , erschallte auf der Straße ein gellender , durchdringender Schrei , wie wenn einer , die Finger zwischen den Zähnen , in der Art des Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe . Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein vorbei und überstürzte sich fast vor Eile . Dann kam Pavlowsky , der Gendarm ; er lief zwar nicht , aber er ging so schnell , wie noch niemand im Dorf ihn hatte gehen sehen . Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt . Agathon stand mitten im Zimmer , weiß wie ein Hemd , und ein irrsinniges oder triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen . Frau Jette hatte das Fenster aufgerissen und sich weit hinausgebeugt ; sie sah am Kirchenplatz viele Menschen stehen ; auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen Leute . Die Magd Kathrin stürzte herein . Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr Schrecken zu nennen ; es war ein Krampf . Sie ließ die Unterkiefer herabhängen , daß der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche , den Arm zu heben . » Was ist geschehen ? « fragte Frau Jette mit starrendem Herzen . Kathrin brachte kein Wort hervor . Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen : » Der Sebalderwirt ist tot ; sie hab ' n ihn umgebracht , heißt ' s. « Alle schwiegen . Joelsohn und Enoch Pohl murmelten ein Gebet . Die Kinder eilten auf die Straße und standen vor der Tür furchtsam still . Auf Agathons Antlitz malte sich von neuem jenes irre und frohlockende Lächeln und auch er legte wie die beiden Alten betend die Hände aneinander , doch was ihn erfüllte , war nicht Andacht , sondern unendliche Lust und grenzenlosglückselige Genugtuung . » Dank , Dank , Dank , « flüsterten seine Lippen , als er den Weg nach der Stadt antrat und er schritt dahin wie beflügelt . Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste , und von dort aus ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere Schlachthausbrücke . Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände ; überall rauschte und brandete das Wasser , und wenn sich die Morgennebel hoben , entstanden phantastische Städtebilder . Am Schlachthaus war der Anprall des Wassers gewaltig ; das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom Dröhnen der Brandung . Hier traf Agathon seit den acht Tagen , da er diesen Weg gehen mußte , jedesmal um dieselbe Zeit und an derselben Stelle eine Frau , die leise murmelnd daherkam , eigentlich mehr kroch , als ging . Erst hatte sie Agathon wenig beachtet , dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen , bösen und trotzigen Ausdruck , mit dem sie ihren Korb schleppte . Dann begann er sie aus einem geheimnisvollen Grund zu hassen ; wenn sie seinen Weg kreuzte , funkelten seine Augen ; als er ihr einmal ausweichen wollte , begann sein Herz zu klopfen und trieb ihn ihr entgegen und dann war ihm , als müsse alles , was er an diesem Tag unternahm , zerbrechen und fehlschlagen . Heute kam sie nicht . Er blieb am Brückenpfeiler stehen und sah sich um . Sie kam nicht . Er selbst , der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt , begann dadurch gleichsam aufzuwachen und er fuhr mit der Hand über die Augen . Sein Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels . Sonst wenig geneigt zu Gesprächen redete er am Obstmarkt einen Schulkameraden an , einen kleinen , unbeholfenen Jungen , der sehr jüdisch aussah . Die beiden gingen eine zeitlang wortlos , endlich sagte der Kleine , gedrückt von dem schweigenden Wesen Agathons : » Wie sonderbar es hier riecht ? « » Nach Kohl , « entgegnete Agathon sarkastisch . » Au ! « schrie der Kleine enthusiastisch . Er war wie erlöst durch diesen anscheinenden Witz . » Hast du die salischen Kaiser gelernt ? « fragte er dann . » Ich lerne nicht . Ich kann nicht lernen , « murmelte Agathon . » Ich kann nicht Zahlen einpauken und Namen und Regeln , was weiß ich . Das quält mich . Wenn Bojesen nicht wäre , ich könnte nichts arbeiten , nichts denken in all den Stunden . Das ist alles tot . « Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten . Agathon wurde immer bleicher , je näher sie dem Schulhaus kamen . In allen Gassen wurden die Läden geöffnet und die Kaufleute und Gehilfen , meist Juden , standen frisiert und frisch gewaschen vor