mit immer größeren , schärferen und - ängstlicheren Augen auf den neuen Freund ihres Bruders , auf den närrischen Velten Andres . Daß es mir freilich damals aufgefallen wäre , kann ich nicht sagen : ich kann es eben nicht genug wiederholen , daß das meiste aus dieser Vergangenheit mir selber erst klar und deutlich wird und einen logischen Zusammenhang gewinnt , wie ich diese Blätter beschreibe und - paginiere . Ob er , der Junge aus dem Vogelsang , je in seinem Leben einen Begriff davon bekommen hat , was diese großen , anfangs so freudigen , dann mehr und mehr ernsten , traurigen Augen für ihn bedeuteten , weiß ich nicht . Wie viele treu besorgte Blicke aus lieben Augen gehen einem verloren , während man auf das Zwinkern , das Schielen und Blinzeln der Welt rundum nur zu genau achtet und sich sein Teil Ärger , Kummer , Sorgen , Verdruß und Verzweiflung draus holt ! Seltsamerweise hatte Leonie des Beaux das größeste Vertrauen zu mir , und durch mich wußte sie allgemach ebensogut als ich , wie es im Vogelsang aussah oder vielmehr ( schon damals ) ausgesehen hatte . Sie kannte nicht bloß die Familie Krumhardt , Vater , Mutter und Sohn , sondern sie kannte auch den alten Hartleben und Mistress Trotzendorff - letztere in ihrer Verdunkelung wie im blendendsten Glanze . Sie hatte an jeder grünen Hecke mitgelehnt , in jeder Gartenlaube mitgesessen ; sie kannte den Osterberg und die zierlichen Promenadenwege und Bänke am Rande des Waldes und die Aussicht auf die kleine , zierliche Residenz drunten im Tal . Wovon sie aber am genauesten Bescheid wußte , das war - seine Mutter , die Frau Doktorin Andres und ihr Häuschen - neben uns an , hinter dem nächsten nachbarschaftlichen , lebendigen Liguster- , Stachel- und Johannisbeerzaun zwischen Mein und Dein im Hypothekenbuch . Ja , wie ich das jetzt schreibe , erfahre ich es erst , wie gut sie bei seiner Mutter Bescheid wußte - damals - und wie sie vom Keller bis zum Dache sich in dem kleinen Hause unter dem Osterberge zurechtgefunden haben würde , wenn man ihr den Türgriff in die Hand gegeben hätte . Ach , wie häufig geschieht das , daß wir seufzen » Ja , wenn das und das gewesen wäre , so hätte sich alles so leicht zum Bessern - zum Besten wenden können ! Es war ja so einfach , es lag ja so vor der Hand ! Man brauchte in der und der Stunde , in dem und dem Augenblick nur zuzugreifen , um das Richtige für einen ganzen langen guten , glückseligen Lebensweg zu treffen . Eine Wendung von der Rechten nach der Linken , oder umgekehrt , genügte vollständig , wenn wir nicht so blind , so dumm gewesen wären ! « - Was wissen wir aber eigentlich hierüber ? - - - - - Das Verhältnis zwischen Velten und Leon , dem besten , klarsten Kopfe des Vogelsangs und dem besten , harmlosesten und verworrensten der Stadt Berlin , vertiefte sich ebenfalls immer mehr . Für dieses weiß ich kein edleres und schöneres Gleichnis als das sehr edle und sehr schöne : die Freundschaft zwischen einem lieben , klugen , bis in den Tod und das Lächerlichwerden getreuen Hunde und seinem Herrn , Eigentümer und - besten Freunde . Damals ! In Velten Andres hatte der arme , glückliche , reiche Haussohn aus dem Schneiderladen alles gefunden , was er bis dahin in Berlin und der weiten Welt außerhalb des Familienzauberturms vergeblich gesucht hatte - einen von der allgemeinen Heerstraße gleich ihm verlaufenen Genossen , der in der rechten Weise über ihn lachte und ihm mit jedem Lachen und Lächeln und durch jeden kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter , jedes Zupfen am Ohr das Herz mit in seine Höhe hinaufnahm . Nein , das Herz nicht ; nur den Kopf . - Kein Hund und keine Liebende konnten um diese Lebensstunde auf den Geliebten , den Herrn und den Freund genauer achtgeben , besorgt-freudiger auf jedes Wort , jeden Wink , jede Bewegung beim stillen Nebeneinander und im menschenvollen Gesellschaftszimmer , kurz , bei jeder Lebenskomödienszene passen als Leon und Leonie des Beaux auf alles , was Velten Andres sagte und tat oder - nicht sagte und nicht tat . Daß er das so deutlich wußte wie ich , glaube ich nicht : sein späterer Lebensweg spricht dagegen . Er war es eben zu sehr gewohnt , daß die Leute ihm nachsahen und er nicht über sie hinweg , sondern durch sie durch in seine Welt hinein auf seine Weise , die nur sehr selten mit der - unsrigen übereinstimmte . Mit der unsrigen ! Denn wie oft habe ich schon zu Hause , im Vogelsang , den Vernünftigen dort recht gehen müssen , wenn sie meinten : » Der Junge ist rein verrückt ! « - Es war ein wunderlich behagliches Leben dort bei der Frau Fechtmeisterin Feucht in Veltens erstem Studentenstübchen und in des alten deutsch-französischen Schneidermeisters und seiner Kinder Zaubererinnerungsraum . Von außen sah man es dem Hause in der Dorotheenstraße wahrhaftig nicht an , was es in seinem innersten Innern barg . Daß ich , ein deutscher Studiosus der Jurisprudenz , nach Berlin gekommen sei , um mich in meiner Wissenschaft daselbst noch mehr zu vervollkommnen , ging mir von Tag zu Tage mehr aus dem Begriff verloren . In dieser Beziehung war es ein Glück zu nennen , daß mein Aufenthalt mir nur kurz von meinem Vater bemessen worden war . Die einzige , der ich zu Hause dieses Semester hätte begreiflich machen können , war die Frau Doktorin Andres . Die aber wußte natürlich schon sehr Bescheid , wies auf einen Haufen Briefe aus der Reichshauptstadt und lächelte trübe : » Ja , ich weiß schon . Daß sich das Kind drüben in Amerika wieder zu den Seinen finden würde , wußte ich . « Mit einem leisen Seufzer und seinem Blick über