in dem Liede , drin sich , wie du weißt , die Herzen finden - beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel - , in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag , ganz so , als sei nichts vorgefallen . Und am Ende , warum auch nicht ? Ich persönlich bin drüber weg , und Jenny Treibel hat ein Talent , alles zu vergessen , was sie vergessen will . Es ist eine gefährliche Person , und um so gefährlicher , als sie ' s selbst nicht recht weiß und sich aufrichtig einbildet , ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz für das Höhere zu haben . Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable , für alles , was ins Gewicht fällt und Zins trägt , und für viel weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort , die halbe Million mag herkommen , woher sie will . Und dieser arme Leopold selbst . Soviel weißt du doch , der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach Gretna Green . Ich sage dir , Marcell , unter Brückner tun es Treibels nicht , und Kögel ist ihnen noch lieber . Denn je mehr es nach Hof schmeckt , desto besser . Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig , aber das alles ist Farce ; wenn es gilt , Farbe zu bekennen , dann heißt es : Gold ist Trumpf und weiter nichts . « » Ich glaube , daß du Leopold unterschätzest . « » Ich fürchte , daß ich ihn noch überschätze . Ich kenn ihn noch aus der Untersekunda her . Weiter kam er nicht ; wozu auch ? Guter Mensch , Mittelgut , und als Charakter noch unter Mittel . « » Wenn du mit Corinna sprechen könntest . « » Nicht nötig , Marcell . Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang der Dinge . Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein , eines steht fest : der Charakter meiner Freundin Jenny . Da ruhen die Wurzeln deiner Kraft . Und wenn Corinna sich in Tollheiten überschlägt , laß sie ; den Ausgang der Sache kenn ich . Du sollst sie haben , und du wirst sie haben , und vielleicht eher , als du denkst . « Achtes Kapitel Treibel war ein Frühauf , wenigstens für einen Kommerzienrat , und trat nie später als acht Uhr in sein Arbeitszimmer , immer gestiefelt und gespornt , immer in sauberster Toilette . Er sah dann die Privatbriefe durch , tat einen Blick in die Zeitungen und wartete , bis seine Frau kam , um mit dieser gemeinschaftlich das erste Frühstück zu nehmen . In der Regel erschien die Rätin sehr bald nach ihm , heut aber verspätete sie sich , und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar waren , die Zeitungen aber , in denen schon der Sommer vorspukte , wenig Inhalt hatten , so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und durchmaß , nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben hatte , die beiden großen nebenan gelegenen Räume , darin sich die Gesellschaft vom Tage vorher abgespielt hatte . Das obere Schiebefenster des Garten- und Eßsaales war ganz heruntergelassen , so daß er , mit den Armen sich auflehnend , in bequemer Stellung in den unter ihm gelegenen Garten hinabsehen konnte . Die Szenerie war wie gestern , nur statt des Kakadu , der noch fehlte , sah man draußen die Honig , die , den Bologneser der Kommerzienrätin an einer Strippe führend , um das Bassin herumschritt . Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal für Mal , bis der Kakadu seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Käfig ins Freie gestellt wurde , worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser zurückzog , um einen Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden gleichmäßig verwöhnten Lieblingen des Hauses zu vermeiden . Das alles indessen stand heute noch aus . Treibel , immer artig , erkundigte sich , von seiner Fensterstellung aus , erst nach dem Befinden des Fräuleins - was die Kommerzienrätin , wenn sie ' s hörte , jedesmal sehr überflüssig fand - und fragte dann , als er beruhigende Versicherungen darüber entgegengenommen hatte , wie sie Mister Nelsons englische Aussprache gefunden habe , dabei von der mehr oder weniger überzeugten Ansicht ausgehend , daß es jeder von einem Berliner Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines sein müsse , dergleichen festzustellen . Die Honig , die diesen Glauben nicht gern zerstören wollte , beschränkte sich darauf , die Korrektheit von Mister Nelsons a anzuzweifeln und diesem seinem a eine nicht ganz statthafte Mittelstellung zwischen der englischen und schottischen Aussprache dieses Vokals zuzuerkennen , eine Bemerkung , die Treibel ganz ernsthaft hinnahm und weiter ausgesponnen haben würde , wenn er nicht im selben Moment ein leises Insschloßfallen einer der Vordertüren , also mutmaßlich das Eintreten der Kommerzienrätin , erlauscht hätte . Treibel hielt es auf diese Wahrnehmung hin für angezeigt , sich von der Honig zu verabschieden , und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu , in das in der Tat die Rätin eben eingetreten war . Das auf einem Tablett wohlarrangierte Frühstück stand schon da . » Guten Morgen , Jenny ... Wie geruht ? « » Doch nur passabel . Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir gelegen . « » Ich würde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden suchen . Aber wie du darüber denkst ... Im übrigen , wollen wir das Frühstück nicht lieber draußen nehmen ? « Und der Diener , nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf der Klingel gedrückt hatte , erschien wieder , um das Tablett auf einen der kleinen , in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen . » Es ist gut , Friedrich « , sagte Treibel und schob jetzt höchst eigenhändig eine Fußbank heran , um es dadurch zunächst seiner Frau , zugleich aber auch sich selber nach Möglichkeit bequem zu machen