. » Hörst du denn nicht , was sie reden ... « » Darum ? « » Ich meine , das Darum ist genug « , sagte er verwundert . » Und der Bub ? Du ? « » Wir zwei ? ... Frage nicht nach uns ... « , erwiderte der Mann traurig . » Na wird es ? « drängte die Alte . » Leopold ! Frau Mutter ! Ich bitt euch . « » Willst etwa dableiben bei dem verheirateten Mann , na so tu es nur « , höhnte die Frau ; gleichsam um ihr Kind zu erschrecken , setzte sie hinzu : » Es gibt genug wilde Ehen , bist nicht die erste und nicht die letzte . « Das Mädchen stand auf , wickelte ihre Arbeit zusammen , wischte mit einem Lederlappen die Maschine sorgfältig ab und wollte sie eben vom Boden aufheben , als sie sah , daß der Fenstervorhang , der neben ihrer Maschine niederhing , sich bewegte , als ob er geschüttelt würde , sie wollte nach den Vorhangstangen schauen , ob etwas losgemacht sei , und da begegnete sie plötzlich der Hand des Leopold , der verstohlen das weiße Zeug gepackt hatte und dastand , als ob er sich daran aufrecht hielte . Die zuckende Hand , sein bleiches , verzerrtes Gesicht , die zusammengekniffenen Lippen , die halb ohnmächtige Haltung erschütterten das junge Mädchen , sie streckte beide Hände nach dem Manne aus , als wollte sie ihn stützen und trösten , er aber schaute unverwandt auf das graue Steinpflaster des Hofes nieder . » Leopold ! « Der Vorhang schüttelte sich heftiger , und als sie fragend zu dem Manne trat , da sah sie , wie an den blonden Wimpern zwei schwere Tropfen hingen ... Sie schluckte und schluckte und wollte reden und fand kein einziges Wort . Sie hörte das ungeduldige Seufzen ihrer Mutter nicht mehr . Angst und Mitleid schnürten ihr das Herz zusammen . Sie , die Hanne , die zu ihm hielt , seit sie denken konnte , sie verlor jetzt , wo ihn alle verließen , den Mut und ging auch von dem Manne , der krank , hilflos und wehrlos dastand ... Ist es recht , was sie tut , darf sie so handeln wie die anderen ? Was fürchtet sie noch , das Schlimmste haben sie ja schon gesagt von ihr , verurteilt ist sie ohne Schuld . Noch immer steht sie vor ihm und sinnt und kriecht in sich zusammen und schämt sich , daß die alte Frau neben ihr wartet und ihr vom Gesichte ablesen kann , wie schwer ihr der Schritt über diese Türschwelle hinaus wird . Der Leopold kann es nicht sehen , denn er hat die Augen geschlossen und seinen Kopf an die Mauer gelehnt . » Du armer Mann « , sagte die Hanne leise , und langsam rückte sie ihre Maschine wieder an den alten Platz , rollte das Papier auseinander , legte ihr Arbeitszeug auf dem Fensterbrette zurecht und flüsterte , weil sie nicht laut reden konnte vor Zaghaftigkeit : » Behalt mich , Leopold , bis die Lene kommt . Die Leut sollen reden . « » Über meinen Türstaffel kommst du nimmer - nimmer - wenn du jetzt nicht mitgehst ! « stammelte die Frau Walter , als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte . Der Mann sprach nicht , er schüttelte der Hanne die Hand wie einem treuen Kameraden , und dann ging er hinter der Alten bis unter die Dachtraufe , dort schwenkte er um , ließ die Tür ins Schloß fallen , drehte den Schlüssel um und schob den Riegel vor , als ob er alles Leid dieser Stunde hinaussperren könne samt jener , die es gebracht hatte . Sie blieben also beisammen , der Leopold und die Hanne . In den ersten Wochen nach dieser Entscheidung stand die ganze Blaue Gans wie ein Mann da und erklärte dem Mädchen offenen Krieg ; von dem friedfertigsten ältesten Greis bis herab zu den Kindern , die noch nicht laufen konnten , schmähten sie alle und geiferten gegen das stille Geschöpf . Zuerst meinte der Leopold , das sei nicht zu ertragen , und er frug sich nur , ob er dreinschlagen solle oder mit seinem Buben und der Hanne aus dem Hause gehen und sich in einer anderen Gasse einmieten . Zum Raufen war er zu schwach , und davongehen ? Anderswo mochten sie wirklich für zusammengelaufenes Gesindel gelten , da in der Blauen Gans wußten die Leute doch wenigstens , wer sie seien , und allmählich werden sie doch begreifen , daß die Hanne nur ein seelengutes Mädel ist und nicht sein Schatz ... Nach der Lene ! Als ob irgendeine mit seinem Weibe einen Vergleich aushalten könnte , und endlich , die Lene wird ja doch wiederkommen , es ist ja nicht menschenmöglich , daß eine Frau Mann und Kind bei klarer Besinnung für immer im Stiche läßt . So beruhigte sich der Leopold , wenn er die Nachbarn schmähen hörte und die boshaften Gesichter sah , die ihm und der Hanne nachglotzten , wenn sie ihn durch den langen Hof auf die Trockenwiese führte , wo er mit seinem Buben die Hälfte des Tages hinbrachte . Luft und Sonnenschein taten dem schwachen Menschenleib so wohl , denn nur langsam kam seine Kraft wieder ; die stete Unruhe , der Schmerz um seines Weibes willen , die Sehnsucht nach ihr und endlich die Sorge , die jetzt , da er wieder denken konnte , breit vor ihm stand und sich nicht verjagen ließ , das war mehr als zuviel für den kranken Körper und für das weiche Herz des Mannes . Bis nun hatte er auch im guten Glauben dahingelebt , daß er von seinen eigenen Ersparnissen esse und trinke , aber ganz zufällig kam er darauf , daß die Hanne ihren Arbeitslohn in seine Wirtschaft schmuggelte ; das war auch so ein Spornstoß für ihn ,