, daß ziemlich um eben diese Zeit bereits Entschlüsse gefaßt und Entscheidungen getroffen worden waren , die jeden weitern Klugheitsplan unnötig machten . Waldemar , als er den Onkel verlassen hatte , hatte seinen Weg erst bis Schloß Bellevue hin und von dort aus nach einem um ein paar hundert Schritte weiter flußabwärts gelegenen Sommerlokale genommen , das er für gewöhnlich an jedem Spätnachmittag , eh er zu Stine ging , aufzusuchen pflegte . Dort im Schatten alter Bäume niederzusitzen und zu sinnen und zu träumen war das , was er liebte . Wirt und Wirtin in diesem Lokale kannten ihn längst , ebenso war er Intimus der dort zahlreich ansässigen Spatzen , die , sobald er Platz genommen , den Tisch umhüpften und die Brocken und Krümel des eigens für sie bestellten Stück Kuchens aufzupicken pflegten . Das alles war heute geradeso wie sonst , und nur die ihre Köpfe neugierig zusammensteckenden Kellner beschäftigten sich augenscheinlich mit der Frage , was ihren regelmäßigen Spätnachmittagsgast heute schon zu so früher Stunde hierhergeführt haben könne . Denn es war erst zwei . Waldemar hatte seine Freude daran , diese kleine Neugier zu beobachten , und las aus den Mienen der Kellner den Gang ihrer Unterhaltung mit einer Sicherheit heraus , als ob er sie vom nächsten Baum her hätte belauschen können . Überhaupt entging ihm nichts , und wenn er eine Zeitlang die Qualmwolken aus dem gerade gegenüber gelegenen Borsigschen Eisenwerke hatte hervorquellen und nach der Jungfernheide hin abziehen sehen , so gab er seinem Blick mit einem Male wieder eine Seitwärtsrichtung und zählte dabei die Brückenpfeiler oder die Spreekähne , die von der Stadt her den Fluß herunterkamen . Er war ohne jede Spur besonderer Erregung und beschäftigte sich , was übrigens seinem Charakter entsprach , kaum noch mit dem Gespräche , das er eben erst mit dem Onkel gehabt hatte . Wenn er den Frieden nicht haben konnte , so war es schon viel für ihn , ihn seinerseits ehrlich und aufrichtig gewollt zu haben . Und das war ja der Fall . Aus diesem Bewußtsein erwuchs ihm etwas wie Trost und Ergebung , und wenn Ergebung auch nicht das absolut Beste , nicht der Friede selbst war , so war es doch das , was dem Frieden am nächsten kam . Er blieb wohl eine Stunde . Dann erst erhob er sich und ging auf den Ausgang zu . Von draußen her aber sah er noch einmal über den Staketzaun in den Garten zurück . Da war wieder die Musikestrade mit den wackeligen Notenpulten und gleich dahinter das primitive Büfett mit den eingeschnittenen Querhölzern , daran zahllose Weißbierdeckel wie kleine Schilde hingen . Und dicht daneben und halb überwachsen von einer Kugelakazie stand der eben von ihm verlassene Tisch , auf dessen grüner Platte jetzt die Lichter und Schatten tanzten . Er konnte sich nicht losreißen von dem allen und prägte sich ' s ein , als ob er ein bestimmtes Gefühl habe , daß er ' s nicht wiedersehen werde . » Glück , Glück . Wer will sagen , was du bist und wo du bist ! In Sorrent , mit dem Blick auf Capri , war ich elend und unglücklich , und hier bin ich glücklich gewesen . « Und nun ging er weiter flußabwärts bis an die Moabiter Brücke , weil er vorhatte , den Rückweg am anderen Ufer zu machen . Als er aber drüben war , nahm er langsam und unter gelegentlichem Verweilen seinen Weg auf den Humboldtshafen und zuletzt auf den Invalidenpark zu . Dort blieb er stehen und musterte das gegenübergelegene Haus . Stine stand oben am Fenster . Er grüßte mit der Hand und stieg dann in ihre Wohnung hinauf . Stine empfing ihn schon an der Tür , glücklich , ihn zu sehen , aber doch mit einem Anfluge von Sorge , weil er sonst nie vor Dämmerstunde kam . » Was ist ? « sagte sie , » du siehst so verändert aus . « » Möglich . Aber es ist nichts . Ich bin vollkommen ruhig . « » Ach sage nicht das . Wenn man sagt , man sei ruhig , ist man ' s nie . « » Woher weißt du das ? « » Ich glaube , das lernt jeder , dafür sorgt das Leben . Und dann weiß ich es von Pauline . Wenn die zu mir sagt : Stine , nun bin ich wieder ruhig , dann ist es immer noch schlimm genug . Aber nun sage , was ist ? « » Was ist ? Eine Kleinigkeit . Eigentlich nichts . Ich stand immer einsam unter den Meinigen , und nun soll ich noch etwas einsamer dastehn . Es wirkt einen Augenblick , aber nicht lange ... « » Du verschweigst mir etwas . Sprich ! « » Gewiß , deshalb bin ich hier . Und so höre denn . Ich war bei meinem Onkel , um ihm zu sagen ... ja , was , Stine ? um ihm zu sagen , daß ich dich liebhätte ... « Stine kam in ein Zittern . » ... Und daß ich dich heiraten wolle ... Ja , heiraten , nicht um eine Gräfin Haldern aus dir zu machen , sondern einfach eine Stine Haldern , eine mir liebe kleine Frau , und daß wir dann nach Amerika wollten . Und zu diesem Schritt erbät ich seine Zustimmung oder doch eine Fürsprache bei meinen Eltern . « » Und ? « » Und diese Fürsprache hat er mir verweigert . « » Ach , was hast du getan ? « » Sollt ich nicht ? « » Was hast du getan ? « wiederholte Stine , zugleich hinzusetzend : » Und ich Ärmste bin schuld daran . Bin schuld , weil ich ' s habe gehen lassen und mich nie recht gefragt habe : was wird ? Und wenn mir die Frage kam , so hab ich sie zurückgedrängt und nicht aufkommen lassen