entfesseln ... noch einmal inbrünstig , leidenschaftlich an die Brust reißen ... wie ein weiches , saftiges , halb durchgebratenes Stück Filetfleisch zwischen die Zähne schieben und tüchtig draufloskauen ... Das muß doch ganz köstlich sein ! . Reisen ... abenteuern , sich neuen Eindrücken überlassen ... von neuen Erlebnissen ganz hingenommen , ganz eingepökelt werden ... in eine neue Umgebung ... in neue Verhältnisse kommen ... gegen den Strom jedweder Gewohnheit schwimmen ... natürlich schwimmen ... der Nüchternheit durch feinstes , epicureisches Lebensraffinement den Kopf zertreten ... Talent und Glück besitzen , um große , tiefe , volle Stimmungen provociren , genießen , festhalten zu können - : ich denke mir , wenn man das so könnte , wie man das so wollte , es müßte diesem sogenannten Dasein doch Reiz , Gestalt , Werth verleihen ... Ich glaube : so blasirt - oder wenn nicht im Weltmannssinne des Wortes blasirt , so doch : so gleichgültig ich gegen das Alles auch bin , was ich jetzt besitzen , genießen ... oder mit forcirter Resignation verschmähen darf - ich glaube : käme ich in eine Sphäre hinein , wo ich allen meinen Launen und Bedürfnissen fröhnen , wo ich mir Natur- und Kunstgenüsse ... wo ich mir Frauen , Wein , Spiel Sport , Luxus , kurz ein im großen Stile gehaltenes , im großen Stile ausgegebenes , ästhetisch feingeistig bestimmtes , reich nuancirtes Leben gestatten dürfte - ich würde mit beiden Händen zugreifen und mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit vergessen , daß ich einmal in Schopenhauer ' schem Panillusionismus gemacht habe - das Märchen von den Trauben , die man sauer findet , weil sie zu hoch hängen , Herr Doctor - nicht ? Und mir scheint zudem auch : die individuelle Seelendisposition läßt sich in jungen Jahren noch ganz gehörig von den Verhältnissen , also auch von eventuell neuen Einflüssen , die wirkend werden , durchcorrigiren ... Man verbeißt sich nun so oft in sich , weil - nun , weil es Einem unbequem - ja ! eben unbequem ist , mit der größten Freundin der Menschheit , mit der dreimal heiligen , dreimal gebenedeiten Gewohnheit zu rechnen , die Alles ebnet , Alles siebt , Alles schlichtet , Alles glättet und versöhnt .... Das ist gewißlich wahr ! . « Irmer lächelte , halb gutmüthig-belustigt , halb ironisch . » Ich habe das Gefühl , Herr Doctor , « begann er sodann , nachdem er eine kleine Pause nach der buntscheckigen Rede Adams hatte verstreichen lassen , - » daß das Alles gar nicht Ihr Ernst ist ... Ich höre nicht gut ... und Sie sprechen auch nicht sehr laut , aber mir kommt es vor , als ob Ihre Stimme etwas spöttisch geklungen hätte vorhin . Nun ... ich habe eine andere Art ... wenn ich damit auch nicht gesagt haben will , daß ich nicht auch einmal so wie Sie gedacht , gewollt und gewünscht hätte ... das ist aber schon ein Weilchen her ... so ein paar Jahrzehnte . Gehen Sie hinaus in die Welt , lieber Doctor ! Sie sind noch jung ... Und wenn Sie älter ... alt - älter ist manchmal weniger , als alt - geworden sind , auf ganz gewöhnliche , hergebrachte Weise alt ... physiologisch kühler und enger ... dann kommen Sie wieder ... und Sie sind wieder Pessimist , wie es Kant , Schopenhauer , Goethe , Humboldt und die ganze Gesellschaft von Kerlen , die Etwas bedeutet haben , gewesen sind ... On revient toujours ... Sie verstehen - das ist auch in der philosophischen Weltanschauung nicht anders . Der Pessimismus des Alters unterscheidet sich von dem der Jugend nur dadurch ... oder wenigstens in der Hauptsache nur dadurch , daß ihm auch starke ethische Elemente legirt sind ... « » Hm ! Ich muß allerdings gestehen , daß es mit meinen ethischen Principien ziemlich schlecht bestellt ist ... Aber ... verzeihen Sie , Herr Doctor ... da kommt mir eine Frage - ich will im Himmelswillen nicht indiscret sein - nun - also : finden Sie es mit Ihren ethischen Normen vereinbar , daß Sie Ihr Fräulein Tochter , die jung ist , wie ich , und gewiß Stimmungen , Bedürfnisse , Wünsche hat , wie ich - ich schließe einzig und allein per Analogie - daß Sie Ihr Fräulein Tochter also ganz in die Hände Ihrer Entsagungsphilosophie liefern ? - Halten Sie diese Praxis für absolut richtig - ? « Adam sah bei diesen , nicht ganz sicher und unbefangen gesprochenen Worten auf die Fingernägel seiner rechten , nach innen gekrümmten , in Schrittweite dem Gesicht genäherten Hand - er hatte die Glacés , die ihm nicht besonders zu der schlichten Umgebung zu passen schienen , schon vorher abgezogen - er sah auf die Fingernägel seiner rechten Hand , als wollte er sich in den kleinen , glänzenden Flächen spiegeln . » Ah ... Hedwig ! ... Nun ... Nun ... ich ... ich - meine Tochter hat schon viel durchgemacht , Herr Doctor ... sehr viel . Ich glaube , es ist Zeit , daß sie zum Frieden kommt . Und dann ... warum soll ich ' s nicht gestehen ? ... etwas Egoismus ist meinerseits dabei wohl auch im Spiele . Ich bin , wie schon bemerkt , gänzlich abhängig von meiner Tochter ... Wir arbeiten zusammen , sie liest mir vor ... ich dictire ihr ... wenn sie mich verließe - ich könnte nicht weiterleben ... Wenn sie der Welt noch einmal zum Opfer fiele - sie müßte erst mich ... erst meinen Sarg bei Seite schieben ... er würde ihr den Weg versperren ... « Das war noch leiser , noch unverständlicher , undeutlicher gesprochen , als gewöhnlich . Irmer hatte das Haupt schwer , tiefgebeugt auf die Brust fallen lassen ... als würde es von den Henkersknechten des Schicksals niedergedrückt . Der Mann schaute starr vor sich hin . Adam erhob sich und griff nach seinem Hute . » Ich