nur ihre Prinzipienreitereien . « » So wollen Sie uns patriotische Ziele und ehrliche Bemühungen absprechen ? « » Keineswegs ; aber ihr alle , von welcher Farbe ihr auch sein mögt , ihr kommt mir oft vor wie Menschen , die einer Kugel nachschieben , die ohnehin schon rollt . Viel unnützer Aufwand ist dabei , « sagte Fanny . » So haben Sie gar keine politische Ueberzeugung ? So ist Ihnen die innere und äußere Entwicklung des Vaterlandes gleichgiltig ? So wollen Sie , eine Frau von hervorragender Intelligenz , teilnahmslos zusehen ? Was soll man dann von den minder Begabten , den minder Selbständigen erwarten ? Und überall sieht man doch die Frauen aus den bisherigen Grenzen hinausstreben , « sprach Graf Taiß lebhaft . » Das sind viele Fragen auf einmal , « sagte Fanny ruhig , » aber ich will sie Ihnen kurz beantworten . Ob die Kürze auch Bündigkeit ist , bleibe dahingestellt . Ich halte mich gern an den Ursprung der Dinge , um sie recht zu verstehen . Da die Natur nun einmal von Anfang an die große Teilung der Daseinsaufgaben vorgenommen und Mann und Weib je eine besondere Hälfte zugewiesen , so beuge ich mich kritik- und willenlos vor der großen Meisterin . Gewiß ist , daß im Laufe der Kulturentwicklung die Grenzen erweitert worden sind , die Wirkungs- und Ideenkreis der Frau einschlossen - er ist gewachsen mit dem des Mannes , der seinerseits , als die Frau sich mit Linnenweben und Kindertränken begnügte , auch bloß der Jagd und den primitivsten Staatsgeschäften , dem brutalsten Verteidigungskrieg oblag . Heute nimmt er an den grandiosen Formen des Weltverkehrs , des politischen Lebens , der wunderbarsten Erfindungen , der tausendfältigen Erwerbsthätigkeit als Mitwirkender oder Nutznießer oder wenigstens als kritischer Zuschauer teil . Soll das Weib ihm wie einst Gefährtin sein , so muß auch sie die Vorgänge der Zeit verstehen , wie sie ohne Zweifel damals verstehend zuhörte , wenn der Gatte vom Bärenfang , von wilder Schlacht erzählte . Die Mehranforderung verführt nun viele , die natürlichen Grenzen zu vergessen , und die Pflicht , zu begreifen , mit der Pflicht , zuzugreifen , zu verwechseln . Das heißt aber gegen ewige Gesetze sündigen . « Lanzenau nickte , er kannte Fannys Glaubensbekenntnis wohl . Die Pastorin nickte auch , dachte aber , daß Fanny nur einfach hätte sagen sollen , es stehe schon in der Bibel , und alles andere sei Teufelsversuchung . » So ordnen Sie das Weib dem Manne unter ? « fragte Magnus , in der Hoffnung , ein Ja zu hören . » Keineswegs , « sprach Fanny , ungestört an ihrem Jäckchen weiternähend ; » das ist , wenn es geschieht , eine ebenso große Lächerlichkeit , als wollte man beispielsweise sagen : Der Kaufmann ist wichtiger als der Landwirt , die Bildhauerei höher als die Musik , die Luft nötiger als Wasser . Die Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung . Jeder steht vollfähig und unentbehrlich an seinem Platz . Aber daß nur nicht die Plätze verwechselt werden ! Daraus entsteht Unheil . « Joachim , der mit wachsendem Staunen den Aeußerungen der Frau zuhörte , die er für emanzipirt gehalten , rief hier : » Aber Sie , verehrte Frau , Sie beweisen doch durch Ihr eigenes Leben , daß eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfüllen kann ! « Fanny , die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich , sah auf und über den Tisch zu ihm hin . » Beweisen ? Ich ? « sagte sie . » Gott bewahre , ich will nichts beweisen . Ich lebe so , wie meine Individualität es heischt , ich erfülle meine Pflichten , zwischen denen freilich manche sind , die sonst der Hausherr trägt ; aber meine Kräfte reichen . « » Aber wenn Förster lebte , was hätten Sie dann bei minderer Beschäftigung mit dem Ueberschuß Ihrer Fähigkeiten angefangen ? « fragte Graf Taiß , der im Grunde von Fannys Ansichten entzückt war und nur für seine augenblicklichen Zwecke gern ein teilweises Zugeständnis vernommen hätte . » Ich weiß nicht . Hoffentlich wäre ich so gescheit gewesen , mir in der Armenpflege und in der Ausübung meines bißchen Maltalentes Beschäftigung zu machen . Sicherlich ist das Leben von Frauen , die mehr Leistungsfähigkeit haben , als ihre Stellung in ihrem besondern Dasein von ihnen fordert , immer ein gefahrvolles . Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten dahin geleitet werden , ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern , sind sie gerettet , andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen und somit auf abschüssigen Pfaden wandelnden Frauen . Gehen die Fähigkeiten aber sehr weit ins Männliche hinüber - die Natur liebte zu allen Zeiten solche Spielarten - so muß die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen . Aber glauben Sie mir , die George Elliot , die Angelika Kauffmann , George Sand , Maria Theresia , und wie die großen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heißen , entbehrten das stille , reine Glück des Weibes . Sie hatten auch das Glück , aber es trug das Antlitz einer Sphinx , es hatte glühende , drohende Augen und ein bitteres Lächeln um den Mund . « Fanny war erregt geworden , und eine leichte Blässe lag über ihrem Gesicht . » Das rechte Glück kommt nur durch Glauben und Demut , « murmelte die Pastorin , auf Severina blickend , die mit großen Augen und gespannten Mienen zuhörte . » Auch wird jede Frau , « fuhr Fanny , zum Ausgangspunkt des Gesprächs zurückkehrend , fort , » wenn sie durch Verhältnisse gezwungen und durch Anlage befähigt ist , aus der Stille des Hauses herauszutreten , immer zuletzt irgendwo scheitern , und zwar nicht an Mangel von Verstand , sondern an Ueberschuß von Gefühl . Es kommt immer einmal eine Stunde , wo das Herz sie blind und ungerecht macht . « »