werfe den ersten Stein auf sie , « dieser Spruch des Heilands , in welchem die letzten Schranken durchbrochen werden , hatte Eduard natürlich besonders imponirt . Und wie bequem läßt sich der Sinn des leicht mißzuverstehenden Spruches zurechtstutzen : » Ihr sei viel vergeben , denn sie hat viel geliebt « ! ! Nachdem sie also in erhabenen Gefühlen geschwelgt , endeten sie logisch und naturgemäß mit dem schönen Triebe , einige Maria Magdalenen zu trösten . Eine blaue Laterne , als sie ziellos über die Straße schlenderten und sich in dem übelriechenden Gehege der weiblichen Asphaltblumen fortschoben , leuchtete ihnen freundlich zur gastlichen Herberge . Das » Café Calcutta « strahlte in seiner ganzen Pracht . An den Decken der Wein-Stuben tanzten indische Bajaderen in schreiend grellen Farben und beträchtlicher . » Märchen « -Nacktheit . Vorn in der Hauptschenkstube hingen zwo herrliche Gemälde : » Nena Sahib der große Nabob « und » Lord Clive , Eroberer von Indien « . Der Wirth , eine pikante Persönlichkeit mit aufgedunsenem Gesicht , gierigen Augen , lüsternen Lippen , schnüffelnder Fuchsnase , » aber immer elejant « mit Kneifer , schwarzem Leibrock und tadelloser Blondin-Frisur - der berühmte Anekdotenerzähler Herr Strieseke , bot mit freundlichem Grinsen seine Schnupftabacksdose den Ankömmlingen dar indem er zugleich mit würdevollem Bückling den Herren die Weinstuben empfahl . Die weibliche Bedienung , welche angeblich französisch , englisch , russisch , magyarisch , chinesisch , ostafrikanisch und - indisch sprach , erschien auf der Bildfläche in bengalischer Beleuchtung und Bekleidung . Letztere etwas kärglich zugeschnitten . Doch wenn sie auch unten und oben ausreichender Gewandung entbehrten , so schien dieses Armuthszeichen doch auf ihre sonstige Ernährung nicht von Einfluß gewesen zu sein . Ihr offenbar ergiebiger Futterkorb hatte sie meist so dickgemästet , wie eine deutsche Schriftstellerin in ausgeschnittener Schriftstellertag-Tournüre . Spanische Seidenmantillen und Spitzenschleier sowie rothe Fez mit blauer Troddel auf dem Chignon sollten augenscheinlich das indische Lokalkolorit veranschaulichen . Annesley schnitt eine dämonische Grimasse , strich genialisch einen Haarbüschel in die Stirn und pflanzte sich in einer malerischen Pose auf , als wolle er eine Arie singen . Offenbar erwartete er , daß sämmtliche Weiber sofort bei seinem Anblick auf den Rücken fallen würden , mit dem schmachtenden Aufschrei : » Dieses blasse Gesicht ist mein Schicksal ! « Da jedoch nichts Aehnliches eintrat und sein pantomimisches Ballet nur mit der zarten Aufforderung belohnt wurde : » Na , Blondchen , setze Dir man ! Ist Dir unwohl ? « , warf er sich mißmuthig auf ein Kanapee , nachdem er seinen Schlapphut in die Luft geschleudert und wieder aufgefangen . » Ich werde mir ein Weib erkiesen , « meinte er großartig . - » Um Gotteswillen nicht hier ! Denken Sie doch , noch neulich der Heilgehülfe - « » Was geht das Sie an ? « Das Zukunftsgenie bäumte sich auf , in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt . » Uebrigens pumpen Sie mir bis übermorgen 10 Mark . Ich habe mein Portemonaie vergessen . « Das Lokal duftete nach abgestandener Lüderlichkeit und Eau de mille fleurs , wie gewöhnlich . Die Schenkheben - verkommen , aber nicht zu sehr - producirten alsbald die berüchtigten Porterflaschen à 1 Mark , woran der Wirth 90 Pfennige zu verdienen beliebt . » Darf ich mir auch eins holen ? « Diese stereotype Frage hatte Eduard als ausgepichter Mann der Erfahrung mit einem abwehrenden Grunzen beantwortet . Da fiel sein Blick auf eine Jungfrau am Nebentische , die mit einem Kneifer auf der Nase , einen keck überlegenen Ausdruck im Gesicht , ihn anstierte . » Die da soll herkommen ! « - Mit einer graziösen Verengung huschte sie heran , jedoch an Henry Francis Annesleys Seite , der sie gleichgültig musterte . Nachdem sie erst Annesleys , dann Eduards Hut aufgestülpt und sich in allerlei niedlichen Koketterieen geübt hatte , eröffnete der nachlässig hintenüber lehnende Maler in schläfrigem Ton ein Wortgeplänkel . Annesley hatte sich mit der ihm eigenen nervösen Unruhe in das Nebenzimmer geflüchtet , wo er plötzlich dem üblichen Klavierspieler eine seiner Lieder-Compositionen mit Stentorstimme vortrug . Als sie nun zum Aufbruch rüsteten und Eduard in einer Auswallung ungesunder Generosität eine Mark Trinkgeld spendirte , fühlte sich Fräulein Mary - so nannte sich die Kneiferbehaftete - innig zu ihm hingezogen und bat ihn mit ihren holdesten Schmeicheltönen , eine Flasche Wein mit ihr zu trinken . Halb zog sie ihn , halb sank er hin . Annesley wünschte gute Verrichtung . Eine Collegin band Eduardo die Mary dringend auf die Seele , da diese gerade kein » Verhältniß « habe , und die zärtlichste Schwärmerei à 16 Mark ( Zwei Flaschen Gift à 6 Mark 50 Pfennige und drei Portionen Oelsardinen , welche die » gute Freundin « so gerne aß , à 1 Mark ) entwickelte sich . Was thut man nicht , um in diesen distinguirten Kreisen populär zu werden ! Als Eduard sein Portemonnaie musterte , fand er leider nur 15 Mark darin und wollte doch wenigstens 5 Mark für weitere Auslagen behalten . Also deponirte er , 10 Mark zahlend , die Uhr . Fräulein Mary erschien , nachdem er eine Viertelstunde in gräulichem Zug vor der Hausthür gewartet , mit einem wundersamen Strohhut , dessen Krempe phantastische Blumen garnirten . Seltsame Menschennatur ! Trotz seiner alles beherrschenden Liebe für Kathi wußte ihn Mary derartig durch ihre stille Gluth zu bezaubern , daß er in ihren Armen sein Liebesweh gerne vergaß . Sie erzählte ihm eilig ihr ganzes Leben ( die übliche Wahrheit und Dichtung ) und betete ihn augenscheinlich an , wie dies bei dem ersten Eindruck gegenseitiger Neigung so häufig ein freundlicher Selbstbetrug gestattet . Als sie ihm eine Rührgeschichte von ihren Augen erzählte , wie sie am Staar erblindet gewesen und dabei von dem Mitleid eines Biedermannes unterstützt worden sei , der auch in der Blindheit ihr treuer Freund blieb - da trug sie das Alles so reizend vor , daß Eduard nicht umhin