mit seiner Sehnsucht absolut nichts drein zu reden ... Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und Portieren für die » guten Stuben « durchaus nötig , und Tante Sophiens Pelzmantel verlor , trotz Steinklee und Pfeffer , seit Jahren die Haare - er mußte pensioniert werden . Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stück , das konnte man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen , ebensowenig wie die kostbaren Teppiche und Portieren ; da hieß es gleich vor die rechte Schmiede gehen , und deswegen dampfte Tante Sophie - viel eiliger , als es nötig , aber doch nur » aus wirtschaftlichen Rücksichten « - eines Tages nach Berlin und stand plötzlich unter strömenden Freudenthränen in Margaretens Mädchenstübchen . Und was alle bittenden , süßen und strengen Worte der Frau Amtsrätin nicht vermocht , das that der Anblick der unvergessenen mütterlichen Pflegerin ; eine heiße Sehnsucht wallte in dem jungen Mädchen auf - sie wollte heim auf einige Zeit , heim , um über Weihnachten zu bleiben ; Tante Sophie sollte ihr , wie einst dem Kinde , den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen . Und so wurde verabredet , daß sie in der Kürze der heimkehrenden Tante folgen solle , aber ganz im stillen , niemand durfte es wissen , Papa und Großpapa sollten überrascht werden . - So geschah es an einem stillen , milden Abend zu Ende des Septembers , daß die junge Dame , zu Fuße von der Bahn kommend , den Thürflügel des Packhauses hinter sich schloß und einen Augenblick lächelnd unter dem dunklen Thorweg stehen blieb - sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefüges zu horchen , obschon es sofort verhallt war . Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben hineingeklungen , so weit sie zurückdenken konnte , in ihre Spiele im Hofe und oft noch aufschreckend in das süße Hindämmern des ersten Schlafes hinein . Und wie oft hatte Tante Sophie erzählt , daß gerade durch dieses Thor , Jahrhunderte hindurch , die Leinenfrachten , dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts , in die Welt hinausgegangen waren ! Das hatte die wilde Hummel damals nicht sonderlich interessiert ; jetzt aber flog ihr Blick unwillkürlich empor , als müsse er , trotz der Dunkelheit , an der Steinwölbung noch die Spuren der hochgetürmten Planwagen finden können . In welchem Lichte erschien ihr überhaupt jetzt der stille Hof des alten Patrizierhauses , seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges geworden war ! ... Wie festgebannt blieb sie stehen , nachdem sie mit erregt pochendem Herzen einige Schritte vorwärts gelaufen . Unter ihren Füßen raschelte dürres Laub ; die mächtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum größten Teil die Blätter abgeworfen , und hinter den Stämmen dunkelten die Mauern des uralten Weberhauses . Heute , wie an jedem Abend , kam der starke Lichtstrom der großen Wandlampe drüben aus den Küchenfenstern ; er legte sich breit über den Hof hin , beschien grell wie immer seitwärts ein ganzes Stück des anstoßenden spukhaften Flügels und hob das mächtige , steinerne Brunnenbecken inmitten des Hofes weiß aus dem Abenddunkel . Und jenes beleuchtete Stück Fassade des zwischen das Packhaus und das große nüchterne , stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues zeigte zur Ueberraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil , und die Steinfigur , die sich hoch über den vier wasserspendenden Brunnenröhren hell bestrahlt erhob , und nach welcher einst Herbert und später auch Reinhold mit Kieseln geworfen , sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schönsten Ebenmaße - jeder der vandalischen Steinwürfe von damals entrüstete in diesem Augenblick noch nachträglich die junge Kunstverständige ... » Die Thüringer Fugger « hatten die Kauf- und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes willen im Volksmund geheißen - in dem Erbauer des Seitenflügels mit dem dazu gehörigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berühmten Augsburger Leineweber gelebt , nur daß er seine Schöpfung , in herber , stolzer Verschmähung alles Rühmens und Preisens , der Oeffentlichkeit entzogen und sie lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit aufgerichtet hatte . So war es recht ! Die Tochter des alten Hauses hatte auch ihre Dosis Bürgerstolz im Blute mitbekommen - er trug in diesem Moment der Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens . O ja , so ein ganz klein wenig » hochmütig « war man ! ... Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick über die Küchenfenster und sie empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein - da war freilich von griechischen Linien nicht die Rede ; Bärbe tauchte aus der Tiefe der Küche auf und trat in den hellen Lampenschein . Sie war noch ebenso bärenhaft vierschrötig und ungeschlacht wie ehemals ; das dünne , graue , um den Kamm gewickelte Zöpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet konserviert , und das Mundwerk ging flott wie immer - einzelne Laute ihrer spröden Stimme kamen durch das offene Fenster . Es ging überhaupt sehr lebhaft zu in der Küche . Verschiedene Hände mußten beschäftigt sein , das Geschirr abzuwaschen , denn es klirrte und klapperte ohne Aufhören ; Bärbe und der Hausknecht trockneten die Teller , und ein hübscher junger Bursch in feiner Livree ging eilfertig ab und zu . Ohne Zweifel war Diner im Hause . Margarete hatte schon beim Heraustreten aus der finsteren Thorwölbung durch die Flurfenster gesehen , daß droben in der Bel-Etage , im großen Salon , der Kronleuchter brannte . Das überraschte sie nicht ; Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt , daß jetzt immer » etwas los sei « zu Hause ; zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei große » Herrlichkeit « , und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann - und die braunen Augen hatten dabei lustig gezwinkert ... Ei nun , da war ja die beste Gelegenheit , sich die Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen , ohne sich selbst sehen zu lassen ,