erhebendsten Eindruck auf sie gemacht hatte . Die Predigt von einer letzten Gleichheit aller irdischen Dinge sprach das aus , was dunkel in ihr selber lebte . Dabei war sie ohne Anspruch und ohne Begehr . Alles Schöne zog sie an ; aber es drängte sie nur , daran teilzunehmen , nicht , es zu besitzen . Es war ihr wie der Sternenhimmel ; sie freute sich seines Glanzes , aber sie streckte nicht die Hände danach aus . Diese Unbegehrlichkeit hatte sich auch an ihrem sechzehnten Geburtstage gezeigt . Bei dieser Gelegenheit erhielt sie als großes Geschenk des Tages ihr eigenes Zimmer . Beide Kniehases führten sie , mit einer gewissen Feierlichkeit , in die nördliche Giebelstube , die geradeaus den Blick auf den Park , nach rechts hin auf die Kirche hatte , und sagten : » Marie , das ist nun dein ; schalte und walte hier ; erfülle dir jeden kleinen Wunsch ; uns soll es eine Freude sein . « Marie , im ersten Sturm des Glückes , hatte ein Hin-und Herschieben mit Schrank und Nähtisch , mit Bücherbord und Kleidertruhe begonnen , aber dabei war es geblieben . Es kam ihr nicht in den Sinn , ihrem alten , ihr liebgewordenen Besitz etwas Neues hinzuzufügen . Was sie hatte , freute sie , was sie nicht hatte , entbehrte sie nicht . » Sie hat Mut , und sie ist demütig « , hatte nach jener ersten Begegnung im Park Frau von Vitzewitz zu Pastor Seidentopf gesagt . Sie hätte hinzusetzen dürfen : » Vor allem ist sie wahr . « Jenes Wunder , das Gott oft in seiner Gnade tut , es hatte sich auch hier vollzogen : innerhalb einer Welt des Scheins war ein Menschenherz erblüht , über das die Lüge nie Macht gewonnen hatte . Noch weniger das Unlautere . Tante Schorlemmer sagte : » Unsere Marie sieht nur , was ihr frommt , für das , was schädigt , ist sie blind . « Und so war es . Phantasie und Leidenschaft , weil sie sie ganz erfüllten , schützten sie auch . Weil sie stark fühlte , fühlte sie rein . Im Hohen-Vietzer Herrenhause - es war im Winter vor Beginn unserer Erzählung - sang Renate ein Lied , dessen Refrain lautete : Sie ist am Wege geboren , Am Weg , wo die Rosen blühn ... Sie begleitete den Text am Klavier . » Weißt du , an wen ich denken muß , sooft ich diese Strophen singe « , fragte Renate den hinter ihrem Stuhl stehenden Lewin . » Ja « , antwortete dieser , » du gibst keine schweren Rätsel auf . « » Nun ? « » An Marie . « Renate nickte und schloß das Klavier . Elftes Kapitel Prediger Seidentopf In der Mitte des Dorfes , neben dem Schulzenhof , lag die Pfarre , ein über hundert Jahre altes , etwas zurückgebautes Giebelhaus , das an Stattlichkeit weit hinter den meisten Bauerhöfen zurückblieb . Es war das einzige größere Haus im Dorfe , das noch ein Strohdach hatte . Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen , dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen despektierlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen : unser Freund Seidentopf aber , der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefühl hatte , hatte beständig gegen solche Modernisierung protestiert . » Es sei gut so , wie es sei . « Und darin hatte er vollkommen recht . Es war eben ein Dorfidyll , das durch jede Änderung nur verlieren konnte . Der Giebel des Hauses stand nach vorn ; dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner , überaus freundlich blickender Fenster , während die Fachwerkwände bis hoch hinauf mit Brettern bekleidet und den ganzen Sommer über mit Wein , Pfeifenkraut und Spalierobst überdeckt waren . Neben der Haustüre stand ein Rosenbaum , der , bis an den First hinaufwachsend , im ganzen Oderbruche berühmt war wegen seines Alters und seiner Schönheit . Auch das winterliche Bild , das die Pfarre bot , war nicht ohne Reiz . Eine mächtige Schneehaube saß auf seinem Dache , während die niedergelegten , mit Stroh umwundenen Weinranken , dazu die Matten , die sich schützend über dem Spalierobst ausbreiteten , dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit wohnlich anheimelndes Ansehen gaben . Dem entsprach auch das Innere . Die Haustür , wie oft in den märkischen Pfarrhäusern , hatte eine Klingel , keine von den großen , lärmenden , die den Bewohnern zurufen : » Rettet euch , es kommt wer « , sondern eine von den kleinen , stillgestimmten , die dem Eintretenden zu sagen scheinen : » Bitte schön , ich habe Sie schon gemeldet . « Der Tür gegenüber , an der entgegengesetzten Seite des langen , fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs , befand sich die Küche , deren aufstehende Türe immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes Herdfeuer gönnte . Die Zimmer lagen nach rechts hin . An der linken Flurwand , die zugleich die Wetterwand des Hauses war , standen allerhand Schränke , breite und schmale , alte und neue , deren Simse mit zerbrochenen Urnen garniert waren ; dazwischen in den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfähle von versteinertem Holz , Walfischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden , während an den Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Tiere hingen , darunter ein junger Alligator mit bemerkenswertem Gebiß , der , sooft der Wind auf die Haustür stand , immer unheimlich zu schaukeln begann , als flöge er durch die Luft . Alles in allem eine Ausstaffierung , die keinen Zweifel darüber lassen konnte , daß das Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines leidenschaftlichen Sammlers sei . Machte schon der Flur diesen Eindruck , so steigerte sich derselbe beim Eintritt in das nächstgelegene Zimmer , das einem Antikencabinet ungleich ähnlicher sah als einer christlichen Predigerstube . Zwar war der Bewohner desselben ersichtlich bemüht gewesen