Ueberhaupt war die Mahlzeit , die aus Fisch und aus Rebhühnern bestand , welche der » Wilde « heute auf der Jagd geschossen hatte , eigentlich für diesen allein , der einen mächtigen Waidmannshunger entwickelte . Dazu trank er übermäßig von dem vortrefflichen Rothwein und forderte mich wiederholt auf , ihm Bescheid zu thun , wie er denn seine oft von Geist sprühende Unterhaltung fast ausschließlich an mich wandte . Ich war durch ein solches Flackerfeuer wie geblendet , und da ich Vieles nur halb , Manches gar nicht verstand , so war die Folge , daß ich einige Male an der unrechten Stelle lachte , was dann wieder eine spottende Heiterkeit meines Wirthes hervorrief . Eins aber verstand ich im Laufe dieser nicht eben langen Mahlzeit sehr wohl : das gespannte , um nicht zu sagen , feindliche Verhältniß , welches zwischen Vater und Tochter walten mußte . Dergleichen fühlt sich bald heraus , zumal wenn man , wie ich , so gut vorbereitet war , die Bedeutung der scheinbaren Gleichgültigkeit in einer hastig hingeworfenen Frage zu verstehen und der unnöthig langen Pause , bis die Antwort erfolgt , und des gereizten Tones , in welchem dieselbe endlich gegeben wird ! Wie lange war es denn her , daß mein Vater und ich uns so gegenüber gesessen hatten und ich Gott in der Stille meines Herzens dankte , wenn das peinliche Beisammensein durch einen glücklichen Zufall früher , als zu erwarten war , aufgehoben wurde ! Hier hätte ich mich nun unbetheiligt fühlen dürfen , wäre ich nicht bereits in die Tochter verliebt gewesen , wie es , glaube ich , nur eben ein so junger kopfloser Bursch sein kann , das heißt über alle Maßen , und hätte mich nicht der Vater mit seinem Geist und seiner Liebenswürdigkeit vollständig beherrscht . So aber wurde mein Herz , wie es zwiefach getheilt war , zwiefach zerrissen , und wenn ich ein paar Stunden vorher den heroischen Entschluß gefaßt hatte , die schöne , unglückliche Tochter vor dem entsetzlichen Vater zu beschützen , so war ich jetzt felsenfest überzeugt , daß mir die erhabene Mission geworden , diese beiden herrlichen Menschen mit einem festen Liebesbande wieder aneinander zu knüpfen . Daß es mir besser angestanden hätte , vor der Thür eines gewissen kleinen Hauses in der Hafengasse in Uselin zu kehren , wo ein alter Mann wohnte , den ich so schwer gekränkt - daran dachte meine Seele nicht . Aber hoch athmete ich auf , als jetzt ein Wagen schnell über das holperige Pflaster des Hofes gerollt kam und vor der Thür still hielt . Es war der von Herrn von Zehren angekündigte Besuch zweier Gutsnachbarn und Jagdgenossen . Konstanze hatte sich sofort erhoben und war , trotz des Vaters in fast befehlendem Tone ausgesprochenem Wunsch : » Ich bitte , daß Du bleibst ! « im Begriff , das Zimmer zu verlassen , als die Herren eintraten . Der Eine war ein großer , breitschulteriger , blonder , junger Mann mit einem hübschen , regelmäßigen Gesicht , aus dem ein paar runde , vorstehende , blaue Augen mit einer Art von gutmüthiger Verwunderung in die Welt starrten ; mein Wirth stellte ihn mir als Herrn Hans von Trantow vor . Der Andere , eine kleine drollige Persönlichkeit , dessen Kopf mit der zurückfliegenden Stirn und dem fast fehlenden Hinterhaupt so winzig war , daß für das kurzgeschorene , starre , braune Haar kaum eine Hand breit blieb und dem die aufgeworfene Stumpfnase und der große , mit großen weißen Zähnen reichlich ausgestattete , stets offene Mund eine mehr als flüchtige Aehnlichkeit mit einer Bulldogge gab - hieß Herr Joachim von Granow . Er war Offizier gewesen und hatte sich , nachdem ihm eine bedeutende Erbschaft zugefallen , erst vor wenigen Monaten in der Gegend angekauft . Konstanze hatte nothgedrungen bleiben müssen , denn der kleine Herr von Granow war sofort mit einem , wie es schien , unerschöpflichen Redeschwall auf sie eingedrungen , und der große Herr von Trantow so nahe bei der offenen Thür unbeweglich stehen geblieben , daß man nicht wohl an ihm vorbei konnte . Ich hatte vom ersten Moment an ein feindschaftliches Gefühl gegen die Beiden , gegen den Kleinen , weil er es wagte , so nahe an das schöne Mädchen heranzutreten und so viel zu sprechen ; gegen den Großen , der freilich nicht sprach , dafür aber sie immerfort mit seinen gläsernen Augen anstarrte , was mir noch viel beleidigender schien . » Wir haben heute eine schlechte Jagd gehabt , mein gnädiges Fräulein , « schrie der Kleine mit quäkender Stimme ; » aber vorgestern beim Grafen Griebenow war es ganz ungewöhnlich famos . Wo ein Volk aufging , ich stand mitten drin ; drei Doubletten an einem Tage , das will etwas sagen . Aber auch diese Eifersucht ! dieser Neid ! Sie haben mich fast in Stücke gerissen . Der Fürst war ganz außer sich . Sie sind des Teufels , Granow , sagte er einmal über das andere . Ein junger Mensch muß Glück haben , sagte ich . Ich bin jünger als Sie , sagte er . Durchlaucht brauchen kein Glück zu haben , sagte ich . Warum nicht ? sagte er . Ein Fürst von Prora-Wiek zu sein , ist Glück genug , sagte ich . War das nicht famos ? « Und Herr von Granow schüttelte sich vor Lachen und zog seinen kleinen Kopf so tief zwischen die runden Schultern , daß er so gut wie keinen Kopf mehr hatte . » Der junge Fürst war auch da ? « sagte Konstanze . Es war das erste Wort , das sie auf das Geschwätz des kleinen Mannes erwiederte . Vielleicht war es deshalb , daß ich der ich theilnahmlos dabei gestanden - Herr von Zehren war in sein Zimmer gegangen , Herr von Trantow hatte seinen Posten an der Thür noch nicht verlassen , plötzlich aufhorchte . » Ja , das wissen Sie nicht