einer Weise sterben machte , welche ihrem Leben erst die volle Weihe verlieh , dieser Glaube hatte Sie verlassen , und so nahe wir beide durch alle die Jahre neben einander lebten , Herr Baron : wir standen einander ferner , als es zwischen so alten Lebensgenossen hätte sein sollen ! Aber glauben Sie mir , mein Freund , wie gering der Antheil auch gewesen ist , den Sie mir bisher an Ihrem Seelenleben gönnten , ich habe nicht aufgehört , um dasselbe zu sorgen ; ich habe nicht aufgehört , zu hoffen , daß der Erlöser Sie zu finden wissen werde ! Und nun , da das Entsetzliche hereinbrach , habe ich mit Ihnen gelitten Tag für Tag , ich habe für Sie gedacht , für Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu blicken gestrebt , nach Beruhigung für Sie ! Da ist mir der Gedanke an die wunderbaren Wege und Fügungen des Himmels tröstlich zu Hülfe gekommen ! Wer von uns will es ermessen , ob Gott nicht das junge Weib , ob er nicht Pauline , die das Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war , sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu Ihrer Bekehrung ? Ob nicht Pauline sterben mußte , das eigene Vergehen zu büßen und Sie hinzuführen an die Gnadenquelle , aus der das Geschlecht , welches fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schließen , sich erquicken und erstarken soll zu neuem Glauben , zu neuem Wandel auf dem rechten Wege ? Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschütterung zugehört . Weichherzig wie er war , hatten schon die tiefe und ernste Bewegung , die fromme Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerührt und aufgerichtet , aber bei des Caplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich wundersam . Der zuversichtliche Glaube an die räthselhaften Wege einer allweisen Vorsehung , welcher dem Caplan den Gedanken eingegeben hatte , daß Pauline nach Gottes Rathschluß habe sterben müssen , um den Freiherrn und sein Haus dem Glauben wiederzugeben , trug für den Letzteren schon eine halbe Erlösung in sich und leuchtete ihm ein , da er seiner persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf sein Geschlecht plötzlich in der erwünschtesten Weise entgegenkam . Er war , nach solcher Annahme von den Fügungen des Himmels , nicht mehr völlig und ausschließlich verantwortlich für seine That und ihre schwere Folge . Er war nicht mehr der allein Schuldige , der Frevler , welcher Pauline in den Tod gestürzt . Nur ein Werkzeug war er gewesen , wie sie , in der starken Hand des Herrn . Nicht mehr ein Sünder war er , der sich demüthigen mußte , um die Verdammung von sich abzuwenden , er war ein Auserwählter , ein Begnadigter ; denn Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer für ihn und sein Geschlecht , und erleichterten Herzens und nach Beruhigung dürstend , fragte er : Und hegen Sie den Glauben , daß Reue ganz versöhnt ? Ja , ich hege diese Zuversicht ! rief der Caplan mit festem , innig vertrauendem Glauben . Ja , ich hege die Zuversicht , daß Reue , daß büßende und zugleich fruchtbar thätige Reue eine Erlösung in sich verbürgt ! Wollten Sie sich in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglück überlassen , so würde damit sicher Nichts geholfen , Nichts gebessert sein . Aber wenn Sie die Möglichkeit der erlösenden Versöhnung nicht nur auf sich selbst beziehen , wenn Sie dieselbe zugleich als eine Aussöhnung mit dem eigenen Bewußtsein betrachten ; wenn Sie sich sagten , ein Mädchen , das mich liebte , ist untergegangen durch mich , dafür soll das Weib , das ich mir erwählte , um so glücklicher werden ; wenn Sie mit Selbstvergessenheit für die Frau , für die Familie zu leben versuchten , welche sich um Sie her bilden wird , wenn Sie die Seelen , welche die Vorsehung Ihnen anvertraut , im Glauben und in Heiligung erziehen - mich dünkt , mein Freund , das würde so viel Licht über Ihr Dasein ausbreiten , daß davor die Schatten , welche jetzt Ihr Leben umdüstern , allmählich weichen können . Gebet und Reue sind erlösend , wenn sie eine Selbsterkenntniß und ein Gelöbniß , zugleich demüthig und muthig sind . Der Caplan hielt inne , denn der Baron hatte sonst immer eine große Ungeduld bewiesen , wenn sein geistlicher Freund ähnliche Gespräche oder ähnliche Erörterungen herbeizuführen gesucht hatte . Heute war das anders . Es that ihm wohl , die Stimme des Freundes und seinen ermuthigenden Zuspruch zu hören , denn sie waren milder , als sein eigenes Gewissen , und fast bittend sagte er : Sie sind nicht zu Ende , enthalten Sie mir Nichts vor , mein Freund ! Was könnte ich noch hinzufügen , entgegnete der Caplan , das nicht in dem Gesagten schon enthalten wäre , das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund giebt ? Jede Sünde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht ! Machen Sie sich von diesen Verfehlungen frei , stellen Sie sich als Sünder Ihrem Schöpfer , als tadelloses Familienoberhaupt , als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenüber , und ich zweifle nicht , daß sich zwischen diesen beiden Polen für Sie der Weg und die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen werden , daß Sie eines Glückes theilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit fähig werden können , von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben hat ! Der Freiherr athmete auf . Er richtete sich empor , er sah die Möglichkeit vor sich , wieder erhobenen Hauptes zu leben , da er den Vorsatz hegte , sein Haus im Geiste des Christenthumes aufzubauen . Er konnte in diesem Augenblicke selbst an Pauline wieder denken , ohne die herzzerreißenden Gewissensbisse zu empfinden , welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten . Er versank noch einmal in ein tiefes Sinnen . Der Caplan