. Der Kammerherr war viel sittsamer . Sein Vater gab ihm das Zeugniß , daß der » alte Schafskopf « , wie er ihn nannte , immer nur Hunde und seine sogenannten guten Freunde geliebt , immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuser gestanden hätte und zu seinem höchlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der Erkenntniß beißen wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte , lachte er sich selbst Beifall , und Lucinde wußte schon , wie gern er sah , wenn sie darüber auch den Mund in Lächeln verzog . Sie erntete dafür über ihren Verstand und ihre Zähne Schmeicheleien so derber Art , wie sie der Kammerherr nie auszusprechen gewagt hatte . Diese Reise währte eine halbe Nacht und einen halben Tag . Man fuhr mit vier Pferden Extrapost . Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder . Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter Confession . Bei der Frage nach Lucindens Herkunft , sonderbarem Vornamen , religiösem Bekenntniß kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt , aus der sie entflohen war . Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst , ob Lucinde dort nichts von einer gewissen Gülpen oder Buschbeck , wie sie sich nenne , gehört hätte . Und trotzdem , daß sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen ausgesprochen hatte , antwortete sie : Nein ! Sie fürchtete weitere Fragen über ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau . Der Kammerherr hätte sich der frühern Frage Lucindens nicht erinnert , aber er war auch in dem Augenblick gerade beschäftigt , mit einem Perspectiv die Fenster eines Herrensitzes zu fixiren , an dem sie in einiger Entfernung vorüberfuhren . Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund , den Grafen Zeesen , der trotzdem , daß es erst April war , schon Fliegen zu jagen schien . Lucinde brauchte das Glas nicht , um zu sehen , daß der Graf alle Fenster im ersten Stock seines » Hofes « offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte ... Der Kronsyndikus war offenbar über seine eigene Frage nach der » Hauptmännin « in Gedanken verloren , sonst hätte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen von einer jungen Dame gesprochen , die sie auf den Wiesenwegen , die einen kleinen Edelhof umgaben , einsam und , wie es schien , tief nachdenklich spazieren gehen sahen . Es war dies Therese von Seefelden , die Verlobte jenes Grafen Zeesen ... Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines Freundes , des Grafen , und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem » Verräther « , dem Doctor Klingsohr , zu ziehen angefangen , als der Kronsyndikus mit dem Fuß aufstampfend rief : Schweig ! Nenne mir den hundsföttischen Namen nicht ! Man erfuhr jetzt , daß der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht nur von der Zukunft seines Sohnes , sondern von vielen andern Dingen , vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr , seinem Generalpachter , auf das heftigste gereizt war . 10. Immer und immer schon war ein gewisser » Deichgraf « genannt worden , ein Titel , nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte . Wie sicher sie zwar in allem , was zur Bildung gehörte , jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach , ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten , was sie weniger verstünde als französisch , so hütete sie sich doch , auf Gebiete einzugehen , wo sie in keiner Weise heimisch war . Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnißvolle Schweigen aus , das bei Leuten , denen Bildung überhaupt zugestanden werden muß , immer annehmen läßt , daß sie über jeden vorliegenden Fall , und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide , vollkommen au fait sind . Bald merkte Lucinde aus den Drohworten , die der Kronsyndikus ausstieß , daß es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniß hatte . Dieser » Graf « schien nur ein Bürgerlicher zu sein . Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind . Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund , bald einen Schurken ; ja , er erklärte , daß er ihm bei erster Gelegenheit und , wie er sagte , » stanta pe « eine Kugel vor den Kopf brennen würde . Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen , aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein , daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte ... Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen . Auf den Gütern des Freiherrn , die von der Straße ostwärts lagen , wurde es wieder von Anhöhen unterbrochen , und auf der höchsten Höhe lag Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün , Wald und Wiese prangenden Gegend . Diesem Schloß , diesen reichen Fluren nach zu schließen , mußte der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen , womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand . Lucinde hatte den Muth , ihn seines Geizes wegen aufzuziehen , wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten , daß er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen . Ehe man auf die bedeutende , aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte , von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloß herniederleuchtete , hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte , die neuen Wegebauten , die Kirchen und Klöster , die man in der Ferne aufragen sah , über einen oft citirten Landrath von Enckefuß , den sein Auge da und dort zu erspähen glaubte , dann wieder über den Reichthum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz