wir noch hier ? Wir nehmen Plätze und steigen ein . Zurück geht ' s nun nach der großen Stadt , die staubige Landstraße hinunter . Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten Wagen ! Wie die Sonne so prächtig untergeht ! Ade , du schöner Wald ! Ade , du alter Freund Wimmer ! Da sind wir schon in den Anlagen . Welche sonntäglich geputzte Menge noch ein- und ausströmt ! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor ; den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu Fuße machen . Da sind wir , als es eben dämmerig wird . Sieh , dort steht die alte Martha strickend in der Tür ; sie erblickt uns und ruft : » Guten Abend , guten Abend ! « » Ach , Martha , das war schön - und - der Onkel Doktor ist fort ! « sagt die kleine müde Elise . Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in sein einsames Stübchen , eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich . Das war ein Sommertag im Walde , den ich hier aufzeichne in einer öden kalten Winternacht . Am 25. Januar Die Kälte ist aufs höchste gestiegen . Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt , und die es werden , laufen rot und blau an . Welch ein Künstler der Winter ist ! Die Spatzen fährt er gelb und den freien Deutschen macht er ausrufen : Mein Haus ist meine Burg ! Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen Besseres tun , als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die große Welt draußen , die allgemeine Gassengeschichte , gehen zu lassen , wie sie will ? Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner , genannt Julius Cäsar Vanini , der hob , auf seinem Scheiterhaufen stehend , einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd : » Wenn ich auch das Dasein Gottes leugnen würde , dieser Halm würde es beweisen ! « - Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner , die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit , in welcher sie lebten und leben , die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit , und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte - Gottes ! Wohin führt uns das ? Kehren wir schnell um und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk . Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weißhaarige , gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen , spinnend vom Morgen bis zum Abend . Das ist die alte Mutter , der Hausfrau , die Tochter des Erbauers des Hauses , welche , den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch . Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen : ihre Eltern und alle ihre Geschwister , ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins , die Anna , die Frau des jetzigen Besitzers . Sie hat den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens ; sie hat ihre Freundin , meine alte Martha , mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof , wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin , und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung . Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse - wie sie jetzt noch die schönste alte Frau ist - , und als der Hausknopf geschlossen werden sollte und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat , legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu , welches aus fernem Land gekommen war und die Überschrift trug : » Dieses kleine Briefelein kommt an die Herzallerliebste in Herz und Liebe . « und schloß : » ... meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß , und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinen Schatz , den grüßt und küßt in Gedankensinn sein herzlieber Gottfried Karsten Tischlergeselle . « Oft , wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt , mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den , der ' s schrieb und der nun auch schon so lange tot und begraben ist . An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen , und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr. sieben in der Sperlingsgasse ! Wer weiß soviel Wiegenlieder wie sie ? Wer weiß soviel Märchen , die alle anfangen : » Es war einmal « und damit enden daß jemand in ein Faß mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird ? Wer im Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich , die den Geschichten lauschen , dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter an den großen Lehnstuhl sich drängen ? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden , andächtig lauschend , und wie oft , wenn ich mit der besten Absicht kam , sie heraufzuholen zu Bett bin ich selbst sitzen geblieben , den Schluß einer Historie ab wartend , bis endlich auch noch Martha herabkam und es uns fast ging wie dem Herrn , welcher den Jochen ausschickte , den Pudel zu holen . Heute freilich treffe ich die kleine Liese nicht auf der Fußbank am Lehnstuhl sitzend , auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter , uns beide abzuholen ; aber einen anderen treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes , und dieser andere ist kein Geringerer als unser Freund und Nachbar , der Karikaturenzeichner Strobel . In der Werkstatt bei Meister und Gesellen , in der Küche bei der Hausmutter , überall ist der Zeichner ein willkommener Gast