» So einem reichen Söhnlein « , erwiderte der Fischer , » hätt man Zuchthaus und alles verziehen . Ich möcht nur auch sehen , wie man selbigenfalls mit unsereinem umging ; da wär kein Aufkommen mehr . Wiewohl , der begehrt doch den Berg abe , er kann eben das Glück nicht vertragen . « Inzwischen waren Friedrichs Versuche , Christinen in den nächsten Tagen nach jener Begegnung im Bäckerhause wieder anzutreffen , vergeblich gewesen , und nach einem unangenehmen Auftritt mit dem obern Müller , der aus Groll , daß er ihn nicht unter seine schwiegerväterliche Aufsicht bekommen konnte , sich einige Anzüglichkeiten gegen ihn erlaubte , gab er diese Versuche völlig auf . Nicht daß er das Feld als Besiegter geräumt hätte , denn der Müller war sowohl mit der Zunge als mit der Faust zu kurz gekommen , aber er vermochte es nicht zu ertragen , seine Herzensangelegenheit zum Gegenstand roher Scherze gemacht zu sehen . Er hätte der ganzen Welt verbieten mögen , ein Wort davon zu reden ; wußte er doch nicht , daß es für die menschliche Zunge , wie sie nun einmal bei vielen seiner Nachbarn beschaffen war , keinen köstlicheren Genuß gab , als eine Liebschaft zu verarbeiten , und daß ihr solch ein Festmahl um so süßer schmeckte , je mehr Gift und Bitterkeit sie beimischen konnte . Da er Christinen nirgends zu Gesicht bekam und die Entfernung von ihr nicht länger aushalten zu können meinte , so beschloß er endlich , geradezu in die Familie seiner Geliebten einzudringen , ein Unternehmen , das auf dem Lande meist mit mehr Schwierigkeiten und Verlegenheiten verbunden ist als in der Stadt , weil der Bauer den Dingen ohne Umschweif auf den Grund geht und über den Zweck eines Besuches nicht in entfernten Anspielungen und Feinheiten , sondern ganz rund und glatt und grob belehrt sein will . Auch wird auf diesem Wege nicht leicht eine Liebschaft , sondern nur eine schon vorher abgemachte Werbung ins Werk gesetzt . Nun würde zwar der Eintritt in das Haus des Hirschbauern nicht so viel Kopfzerbrechens erfordert haben als anderwärts ein solcher Versuch , denn die Leute waren bitterlich arm und hatten sogar schon während einer Krankheit des Hausvaters Unterstützungen aus dem Kirchensäckel genossen , der in den Gemeinden für Kirchenzwecke und Armenfürsorge gestiftet ist und gewöhnlich » der Heilig « genannt wird . Man konnte deshalb ohne große Scheu voraussetzen , daß sie einen Zuspruch aus der Sonne wohl auch nicht verschmähen und die Überbringung desselben durch den Sohn des Hauses , statt durch einen Knecht , als eine besondere Ehre aufnehmen würden ; allein der junge Mensch war trotz der Roheit , in welcher ihn die herrschende Sitte seiner Umgebung erhielt , zumal wo es sich um das Betragen des Vermöglicheren gegen den Armen handelte , zartfühlend genug , sich die Türe zu dem Mädchen seines Herzens nicht mit einem unumwundenen Almosen eröffnen zu wollen . Er erdachte sich vielmehr einen anderen Weg , der ihn ohne Demütigung derselben , aber doch mit einer kleinen Strafe für ihre Zurückhaltung , zu dem ersehnten Ziele führen sollte . Neben einer Kuh und einer Ziege , die dem Hirschbauer als Überreste eines ohnehin geringen Viehstandes geblieben waren und so kümmerlichen Unterhalt gewährten , daß der Backofen am Hause nur noch wie ein Spott über die Nahrungslosigkeit aussah , besaß die Familie ein Lamm , das aber eigentlich Christinen gehörte , welche es einst als krank , aufgegeben und wertlos vom Schäfer zum Geschenk erhalten , durch ihre mitleidige Pflege jedoch sich selbst und ihrem kleinen Bruder zur Freude davongebracht hatte . Alles dieses war von Friedrich ausgekundschaftet worden , und so trat der junge Bewerber eines Tages mit dem gleichgültigsten Gesichte unter dem Vorwande eines Handels in das Haus . Christine , die ihn vom Fenster aus kommen sah , begab sich geschwind aus der Stube , um ihre Bestürzung nicht merken zu lassen ; aber sie müßte kein Mädchen gewesen sein , wenn sie nicht , nachdem der erste Schrecken vorüber war , das Herz in die Hände genommen und sich wieder an ihre Kunkel gesetzt hätte . Gleichwohl konnte sie es nicht wehren , daß , als sie eintrat und mit demütig leisem Gruße an dem Besuch vorüberging , eine helle Röte ihr ins Antlitz schoß . Dieselbe wich jedoch schnell , als das Mädchen gewahr wurde , daß ihr Schäflein dem jungen Metzger verkauft sei , daß sie es verlieren und an die Schlachtbank abgeben müsse . Das Geld lag schon blank auf dem Tische , ein lockender Preis , dem die Armut nicht wohl widerstehen konnte . Christine erblaßte und hob kindlich zu weinen an ; sie richtete ihre Augen mit einem so schmerzlichen Blick auf den Beschützer ihrer Kindheit , der ihr jetzt das antun konnte , daß dieser , dem der Stachel des stummen Vorwurfs durch das Herz ging , sein Spiel beinahe bereute und es schneller , als er sich vorgenommen hatte , zu Ende führte . » Es scheint « , sagte er , » der Jungfer tut es and nach dem Tierlein ; ich würd mich ja der Sünde fürchten , ihr so ins Herz zu schneiden ; nun ist ' s aber einmal gekauft und bezahlt , und da beißt die Maus keinen Faden davon ; also wird ' s , schätz ich , das beste sein , ich geb ' s ihr derweil in Verwahrung und lass ihr ' s anbefohlen sein , bis ich ' s einmal nötiger hab als just heut ; mir ist ' s nicht so eilig damit , und bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit , wo sie ihr Herz von dem Tierlein losmacht und an etwas anders hängt . « - Er blickte ihr dabei listig lächelnd ins Gesicht , wo durch die Regenschauer wieder ein Sonnenschein geschlichen kam , und da dem Hirschbauer die Sache weder lieb noch leid zu sein schien , die Mutter aber beifällig