wirklich nicht weiß , ob nicht manche Lilienwange über meine Schilderung leise erröten und manche kleine Hand diese Blätter zornig zerreißen wird in tausend Stücke . - Was soll ich tun ? Bin ich nicht bisher immer höflich gegen die Frauen gewesen ? Suchte ich nicht die Ehre der trefflichen Gräfin S. , jener schönen , edlen Frau , in jeder Weise zu wahren ? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G. ? Habe ich nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt ? Nahm ich nicht die Tänzerin in Schutz , und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen Hoheit ? - Ach , und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzählen , deren Reize so unendlich zweideutig sind , daß ich durch meine Schilderung beim besten Willen und bei der äußersten Zartheit doch mitunter gegen das Gefühl des Anstandes und der Galanterie aufs gröbste verstoßen muß , wenn ich nur einigermaßen der Wahrheit getreu bleiben will , der Göttin der Wahrheit , die bisher meine Feder führte mit unerbittlicher Strenge . Doch wage ich es ! Es sei ! Möge der Stil meinen Gegenstand retten ! Die Form ist alles ! Die Dame , auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet , ist die achtundfünfzigjährige Herzogin - - meine Leser müssen verzeihen ; ich werde dies später erzählen . Die Herzogin ist achtundfünfzig Jahre alt - also fast zweimal » schier dreißig « . Man muß gestehen , unser Ritter hatte plötzlich sehr seltsame Gelüste bekommen . » Unser Leben währet kurze Zeit ; siebenzig Jahre , wenn ' s hoch kommt : achtzig - « , meint der Psalmist ; achtundfünfzig Jahre ist schon ein hübsches Alter ; ohne unhöflich zu sein , darf man von einer Achtundfünfzigjährigen sagen : » c ' est une dame d ' un certain âge . « - Die Herzogin ist klein . Sie ist äußerst zart gebaut ; ja , man könnte sie - mager nennen , wenn dieser Ausdruck nicht gar zu unangenehm wäre . Unter vier Augen würde man sich sogar gestehen , daß die Herzogin mager wie ein Skelett ist . Ich bitte sehr um Entschuldigung ! Die Herzogin trägt falsche Waden - ich stoße immer wieder auf Schwierigkeiten . Falsche Hüften - ich verwickle mich immer mehr . Einen falschen Cul - aber jetzt höre ich auf . Mit der Toilette einer Dame ist nicht zu spaßen . Die Toilette ist etwas sehr Ernstes . Die Toilette ist alles ! Namentlich bei der Herzogin . » Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel . « Ich wasche meine Hände in Unschuld . Ich habe dies nicht gesagt . Es steht wörtlich so in meinen Manuskripten . Die Herzogin gehört also nach dieser Aussage in das Britische oder in das Leydener Museum . » Die Herzogin trägt auch die Physiognomie desselben , nämlich des Raubvogels : enorme geierartige Nase , Geieraugen , groß wie ein Teller - in früheren Zeiten von hoher Schönheit . « - Die holde Persönlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher . » Sehn Sie hier , meine Herren und Damen « , würde etwa ein Wärter des Britischen oder des Leydener Museums sagen , » hier sehen Sie den großen Raubvogel ( jetzt käme irgendein lateinischer Name ) , jenes berühmte Tier , das auf den höchsten Höhen der menschlichen Gesellschaft nistet . Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem Vogel gerupft . Trotzdem werden Sie aber an der großen gebogenen Nase und an den grimmigen Augen dieses Tieres bemerken können , daß er von außerordentlich rein adeliger Rasse ist . In seiner Jugend machte dieser Vogel die kühnsten Flüge ; er horstete mit den männlichen Raubvögeln des Jahrhunderts in der Nähe aller europäischen Throne , auf allen Ambassaden moderner Völker . Er lebte mit Adlern , mit Steinadlern , mit Geiern , mit Lämmergeiern , mit Falken und Kranichen ; ja , er ließ sich später sogar zu Raben und Elstern herab , zu gewöhnlichen Haushähnen und ähnlichem gemeinbürgerlichem Geflügel . In jüngster Zeit assoziierte sich unser Vogel aber noch einmal mit einem Männchen aus dem berühmten Geschlechte der Schnapphahnski , und Gott weiß , welch ein naturhistorischer Druckfehler aus dieser Liaison hervorgegangen wäre , wenn nicht ein naseweiser weiser Schriftsteller das alte Tier plötzlich mit seinem Geschosse erlegt hätte , so daß es nun hier in dem Kasten des Museums prangt , ein wahres Kabinettstück , bewundert von allen reisenden Engländern und vielfach besucht von allen wißbegierigen Bürgerschulen . « Die Herzogin ist also eine geiernasige und geieräugige , aus Kunst und Natur zusammengesetzte achtundfünfzigjährige kleine Dame . Wir wünschen Herrn von Schnapphahnski von ganzem Herzen Glück . » Der Teint der Herzogin ist gelb verwittert « , setzt das Manuskript hinzu , » die Herzogin hat höchst scharfe Züge . Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandstätte der Leidenschaften . « Brandstätte der Leidenschaften ! Seit wir diesen Vergleich haben , brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht mehr zu schildern . Es ist unnötig , wenn wir noch hinzusetzen , daß unsere Heldin sich stets sehr jugendlich kleidet , daß sie eine zweireihige Garnitur falscher Zähne besitzt und daß sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon seit undenklichen Zeiten eine vollständige Perücke trägt ... Die kahlen Köpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue . Die älteste Schwester unserer Heldin , eine ausgezeichnete Dame , die sich von vier Männern scheiden ließ und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht dasteht , beschäftigte sich während der zweiten Hälfte ihres schönen Lebens fast ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels , das die letzten Reste des herzoglichen Familienhaares konservieren könne . Pythagoras entdeckte seinen Lehrsatz ; Kolumbus entdeckte Amerika , und die Herzogin von ... entdeckte die berühmte schwarze Haartinktur . Ich weiß nicht , ob die Herzogin den Göttern Hekatomben schlachtete , nachdem sie die Tinktur erfunden hatte ; jedenfalls ist es aber für gewiß