Langhals sagte mir , Sie reisten heute ab . - Sie entschuldigen meinen Besuch « - setzte er alsbald mit einer so natürlichen Verwirrung über seine Hast hinzu , daß die Forsträthin unwillkührlich über den unbefangenen Ausdruck seiner Theilnahme , die sie darin zu erkennen glaubte , lächeln mußte . » Wir hatten allerdings die Absicht « - sagte sie - » aber theils Furcht für die noch immer angegriffene Gesundheit meiner Tochter - « » Sie sind unwohl , Fräulein ? « - unterbrach sie Landsfeld , indem er sich mit einer Mischung von herzlicher Theilnahme und ernster Zurückhaltung an Lydia wandte . Es waren die ersten Worte , welche er an sie richtete . So allgemein ihr Inhalt war , so vielbedeutend klangen sie ihr durch den Ton , mit dem sie gesprochen wurden . Sie erröthete sanft , indem sie erwiederte , daß sie sich bereits kräftig genug fühle , um ohne Gefahr in zwei Tagen die Reise antreten zu können . » Ueberdies « - setzte sie mit etwas mehr Lebhaftigkeit hinzu - » glaube ich , daß die schädliche Nachwirkung von Gemüthsleiden durch den Wechsel des Orts an Stärke verliere . Man sagt ja immer , daß das Reisen zerstreue , und verordnet es sogar als Heilmittel bei Gemüthsleiden . « Das Letztere sprach sie mit einem Anflug von Bitterkeit im Tone , die jetzt fast immer die wenigen Gedanken begleitete , welche sie äußerte . Landsfeld war überrascht von dem hellen Glanz , welcher in diesem Augenblick aus ihrem tiefblauen Auge strahlte , und ihrem reizenden Gesicht einen eigenthümlich fesselnden Ausdruck von geistiger Tiefe verlieh . Er dachte sich dieses liebliche Wesen als seine Gattin - und fragte sich , ob er im Stande sein würde , fest zu bleiben in dem Entschlusse , dem Scheine der Wahrheit zu trotzen und zu zweifeln - bis zur letzten unbezweifelbaren Ueberzeugung . Er fühlte die ganze Gefahr des Kampfes , den er mit sich selbst kämpfen werde . Einen Moment schwankte er . Die Süßigkeit gläubiger vertrauender Hingebung zog mit allen Wonneschauern durch seine Brust . Aber er dachte an Alice . - - Er wollte ja Wahrheit , nichts als Wahrheit . - Mit fester Hand riß er die jungen Wurzeln des Vertrauens , das sich in seinem Herzen zu regen begann , heraus , und wiederholte seinen Schwur der Entsagung . - Es war , wie gesagt , nur ein Augenblick , wo er von diesen hin und her wogenden Empfindungen durchströmt wurde , aber ein entscheidender . Sein großer feuriger Blick bohrte sich tief in den Lydiens ein , als wollte er ihre tiefsten Tiefen ausmessen . Es war derselbe Blick , dessen Gewalt sie bei seinem ersten Begegnen gefühlt hatte . Ihr Busen hob sich über den ungestümen Schlägen ihres Herzens und eine tiefe Angst durchzitterte ihre Seele . Dieser Mann erschien ihr wie ein Dämon , welcher mit eherner Faust ihren Geist umklammern wollte , und sie fühlte klar , daß sie ihn entweder lieben oder hassen müßte , vielleicht Beides . Landsfeld bemerkte die Wirkung , welche er diesmal wider seinen Willen hervorgebracht . Er wandte seinen Blick von Lydia ab und bemerkte , sich mehr zur Forsträthin wendend , in ruhigerem Ton : » Ich habe mich oft über die Ansicht gewundert , daß man reisen müsse , um sich von seinem Schmerze zu zerstreuen . Aber ist der nicht glücklicher , welcher bleibt , wenn der Geliebte scheidet ? gewiß , denn er hat zu Gefährten die mitfühlenden Plätze , die Denkmäler seiner Liebe . Unglücklicher der , welcher scheidet , um an fremdem Orte zu erwachen . Er hat nur sich und seinen Schmerz , in dem er sich ewig spiegelt , in den er , wenn fremde Mißtöne sein Herz zerreißen , zurückflieht , um ihn ewig wieder auf ' s Neue zu fühlen . « » Sie haben Recht « - erwiederte Frau von Dornthal - » wenn Sie von einer Trennung sprechen , die durch äußere Umstände oder durch die Gewalt eines Dritten herbeigeführt worden , ohne daß einer der Getrennten selbst daran Schuld ist . « Der Baron hatte geflissentlich jede Anspielung auf Berger vermieden , und Lydia wußte ihm Dank dafür . » Ich glaube « - fuhr er daher fort - » daß die Ursache des Schmerzes für die Wirkung mehr oder weniger gleichgültig ist . Denn die Erinnerung bleibt doch eine reine , oder ist sie nicht rein , so reinigt sie sich von selbst im reinen Herzen . Denn ein reines Herz ist ein Läuterungsfeuer , in dem sowohl der Schmerz , wie die Freude von allen Schlacken gereinigt werden . « » Jeder geistige Schmerz « - fragte Lydia - » wäre also nach Ihrer Ansicht etwas Edles ? « » Gewiß « - erwiederte Landsfeld . » Wenigstens wird er es mit der Zeit . Er trägt sogar immer einen größeren Adel in sich , als die Freude , möge diese noch so schuldlos und rein sein . Wohl Jeder macht wenigstens einmal in seinem Leben die Erfahrung an sich , daß das schmerzliche Gefühl ein wahres Element unserer geistigen Existenz ist und mit dem Edelsten in unserer Natur harmonirt . Es liegt ein Genuß darin , sich in den Schmerz zu versenken , davon die tiefste Tiefe zu erschöpfen und die bitteren Tropfen mit wehmüthiger Wollust zu schlürfen . Der Schmerz ist das eigentlich geistige Element der Hoffnung oder Erinnerung . Und jeder ideelle , inmaterielle Genuß ist entweder Hoffnung oder Erinnerung . Der Schmerz ist das Flügelschlagen unserer Seele an die Stäbe des Kerkers , die Klage des gefesselten Prometheus , an dessen Leber der Adler frißt ; die Rache des unendlichen Ideals an dem beschränkten Menschengeist . « Landsfeld hatte sich in einen Enthusiasmus hineingesprochen , der mehr eine Rückwirkung des überaus seelenvollen Ausdrucks in den Zügen der jüngern seiner Zuhörerinnen war , als aus seiner momentanen Stimmung hervorging . Mit ruhigerem Ton fuhr