trat für ihn in den Hintergrund . Er gab seine Laufbahn und das Leben in England ohne Bedenken auf , obwol er seit zehn Jahren sich gewöhnt hatte es als das einzig ihm zusagende zu betrachten . Er entschloß sich das einsame und ein bischen langweilige norddeutsche Landleben zu führen . » Denn , sagte er lächelnd , hier fehlen uns die Verlockungen zur Verschwendung , denen wir nun einmal in London nicht widerstehen können , und die nicht unser Vermögen sondern das unsers Kindes zerrütten würden . « Es war sehr großmüthig daß er » wir « sagte ! - - Sein Vater sah ihn ungern seine Carriere verlassen , und meinte da ich unverständig genug sei um mich nicht mit meinem so reichlichen Einkommen in London einrichten zu können , so müsse Paul etwa sechs Monate des Jahres als Junggesell allein dort leben und ich mit dem Kinde in Engelau ; die andern sechs Monate dürfe er dann bei mir zubringen . Er unterstützte diesen Vorschlag mit verschiedenen theils scherzhaften theils cynischen Gründen , welche beweisen sollten daß eine solche Trennung für das gute Vernehmen in der Ehe höchst vortheilhaft - und für die Vergrößerung der Familie äußerst zweckmäßig sei - so daß zu gleicher Zeit die Ansprüche der Liebe und die Interessen der Carriere bei dieser Einrichtung berücksichtigt würden . Aber Paul ging nicht darauf ein . » Können Mann und Frau sechs Monate ganz heiter und wolgemuth von einander getrennt leben , so können sie es auch sechs Jahr und sechszig Jahr . - Man muß sich den Glauben zu bewahren suchen , daß man zu einem frohen und zufriedenen Leben einander nothwendig in der Häuslichkeit sei . « » Ich glaube Du bist noch verliebt , entgegnete mein Schwiegervater etwas geringschätzig ; das finde ich stark , Paul , und ich kann es nur mit Deiner ersten Vaterfreude entschuldigen . « Paul nahm scherzend den Vorwurf hin ohne sich in seinem Entschluß irre machen zu lassen . Er richtete seine ganze Zukunft für Engelau ein . Ich sah freudezitternd der nächsten entgegen . - - - Und wieder am Tage Aller Seelen gab es ein Geburtsfest . Ohne vorhergehende Furcht , ohne lange Qual gebar ich eine Tochter . Wir hatten aber Beide , und ich besonders , auf einen Sohn gerechnet . Hundertmal hatte ich gesagt zu Pauls höchstem Ergötzen : » Nur kein Mädchen ! kein Mädchen ! zwölf Knaben sind nicht so schwer durch die Welt zu bringen als ein einziges Mädchen ! « Der Name , die kleinen Anzüge , die Pathen - Alles war auf einen Knaben berechnet . Benvenuto sollte er heißen ; - und nun war es keiner ! Ich empfand im ersten Augenblick einen dummen unsinnigen Schmerz darüber , der erst dann wich als Paul das Kind auf den Armen hielt und es freudig : » Benvenuta ! « nannte . Ich nährte es selbst . Es war eben so frisch und gesund als ich . Ich befand mich leiblich und geistig in einem Normalzustand , ohne Excentricität oder Phantasterei irgend einer Art. Das Kind beschäftigte mich zu sehr , zu praktisch um nicht meine Grübeleien zu ersticken . Ich mußte sorgen , pflegen , nachdenken , überlegen . Das Alles hätte ich auch einigermaßen als Hausfrau und Gattin thun können ; aber Paul hatte mich nicht sowol als Frau , sondern mehr als Kind und Schmuck des Hauses behandelt und keine Sorge von mir begehrt . Das kleine hülflose Geschöpf war aber auf mich allein angewiesen , und meine Aufmerksamkeit mußte ersetzen , was mir an Erfahrung und Rathgebern fehlte . Dadurch war ich auf dem Wege mich an eine gewisse innere und äußere Disciplin und mein Gefühl an gesunde Nahrung zu gewöhnen . Jene hätte meinem Leben Haltung - dieses ihm Tüchtigkeit gegeben ; Beides meine Kraft geweckt , meine Schwäche überwinden helfen . Da trat die fürchterlichste Katastrophe ein ! - - Um Weihnachtseinkäufe zu machen fuhr Paul nach Kiel , erkältete sich bei der Heimkehr und starb binnen drei Tagen an einer Gehirnentzündung , die ihm Gottlob ! von Anbeginn seine Besinnung raubte . So war ihm wenigstens der Schmerz des Abschieds erspart . Er ging heim mit heitern Phantasien von Weihnachtsbäumen und Engelsgesichten ! - wahrscheinlich schwebte Benvenuta an dem verschleierten Spiegel seiner Seele vorüber . Er ging heim - ein Mann wie ich nie einen ehrenwertheren gekannt habe - so gut wie es der allgemeinmenschlichen Schwäche verstattet ist zu sein - bei fünfunddreißig Jahren ! und ich war Wittwe in einem Alter wo die meisten Frauen erst ihr Leben zu beginnen pflegen , und ein Kind von wenigen Wochen war meiner Unerfahrenheit einzig und allein anvertraut . Die arme Kleine mußte sogleich den übelsten Einfluß empfinden . Ich bekam heftige Nervenzufälle , konnte sie nicht mehr nähren ; sie hingegen sich nicht an ihre Amme gewöhnen , so daß sie während zwei Jahre einem welken Pflänzchen glich , das in der Erde nicht Wurzel schlagen kann . Mit ihr und meinen Dienern und Untergebenen blieb ich allein in Engelau , ohne Familie , Verwandte , Freunde , einzig auf mich beschränkt - denn auch Heinrichs alter Hofmeister starb in dieser Zeit , friedlich wie er gelebt hatte am Nervenschlag , zwischen getrockneten Blumen , gespießten Käfern und gemalten Schmetterlingen . Er war das letzte äußere Kettenglied zwischen mir und der Vergangenheit . Er hatte meine Kindertage gekannt und meine Todten . Diese wehmüthigen und melancholischen Capitel im Buch des Lebens konnte ich mit ihm allein durchblättern , - nun fehlte mir auch dieser Trost ! ich war auf mich selbst angewiesen . Ich lebte mit einem tiefen eisernen Ernst . Alle Geschäfte die Paul geführt , übernahm ich ; was er begonnen hatte wollte ich zu Ende bringen : die Ordnung meines Vermögens herstellen um es meiner Tochter zu überliefern wie ich es von meiner Mutter empfangen . Ich lebte mit der äußersten Einschränkung , versagte mir sogar Bücher und manche