« » Kein Scherz , Ini ! Du weißt ja noch gar nicht , was Du Alles vergessen kannst . « » O Alles , Herz , Alles , nur aber Dich nicht ! « sie umfaßte ihn mit stürmischem Schmerz , und als er gegangen , und die Thür hinter ihm zugefallen war , da meinte sie , ihr Schutzgeist habe sie verlassen , da sank sie auf die Knie und rief : » Er ist fort ! er ist fort ! o mein Gott , bleibe du nun bei mir ! « Sie fühlte sich unaussprechlich einsam , obgleich ihre Freunde und Bekannten sie sogleich aufsuchten , sie einluden , auf jede Weise suchten sie zu zerstreuen . » Andlau ist fort , ich langweile mich überall « - sagte sie ebenso aufrichtig als unverbindlich zu Frau von Eilau , mit der sie sehr liirt war . » Eben darum werden Sie sich nicht mehr bei mir langweilen , als hier in Ihrer Einsamkeit ; « entgegnete diese liebreich . » Sie werden ganz hypochonder zwischen Ihren vier Wänden , unter Menschen müssen Sie sich ein wenig Gewalt anthun , und Selbstüberwindung ist für uns Alle eine gute Schule . « » Meinen Sie ? nun , so will ich heute Abend zu Ihnen kommen - wenn ich es über mich gewinne . Es werden doch nicht viel Leute bei Ihnen sein ? « » Das weiß ich nicht ! Da ich nie Jemand einlade , können eben so gut zwanzig Personen mich am Abend besuchen , als zwei . Aber seit wann sind Sie denn menschenscheu ? « fügte sie lächelnd hinzu . » Seit Andlau fort ist « - sagte Faustine melancholisch . Sie hatte keinen andern Gedanken . Mitten im Salon der Frau von Eilau stand ein großer runder Tisch und Fauteuils rings umher , worauf die Damen saßen , Tapisserie nähten , plauderten . Die Herren schoben Stühle und Tabourets dazwischen - Worte weniger . Rechts daneben stand Frau von Eilaus Theetisch , woran sie so saß , daß sie zugleich das Theegeschäft besorgen und an den Gesprächen des runden Tisches Theil nehmen konnte . Links war eine Schachpartie etablirt . Dies Alles in der Mitte des Zimmers , damit jede einzelne Person zugänglich und uneingesperrt sei . Hinten an der Sophawand ward eine solide Bostonpartie gemacht , und die Spielenden bekümmerten sich nicht um das Vordertreffen . Frau von Eilau sagte zu Feldern : » Es ist über neun Uhr ; die Obernau kommt schwerlich mehr . Gehen Sie doch morgen früh gleich zu ihr und machen Sie ihr in meinem Namen ernste Vorwürfe . « » Aber sie mag krank sein « - sagte Feldern . » Keineswegs ! nur verdrießlich , nur eigensinnig . « » Auf jeden Fall gehe ich morgen früh zu ihr , und hätte nicht so lange gezögert , wenn ich nicht diese letzten acht Tage draußen gewesen und erst vor einigen Stunden heimgekehrt wäre . « » Und wie geht es Cunigunden jetzt ? « » Besser ! sie erholt sich langsam . « » Bleibt es bei dem festgesetzten Vermählungstage ? « » Ich darf es nicht hoffen , kaum wünschen ! sie ist von einer ängstigenden Nervenschwäche . « » Das schöne , kräftige Mädchen ! welch ein Jammer ! wie kann denn eine armselige Erkältung solche Umwandlung bewerkstelligen ? « » Die Aerzte wissen keinen andern Grund , als Erkältung bei der Weinlese . « » Die Schröder-Devrient verliert ganz ihre Stimme , « hieß es am runden Tisch , » sie wurde auch eiskalt als Norma aufgenommen . « » Schade um sie , sie war eine pompöse Norma . « » Diese Gleichgültigkeit wird ihr sehr wehe thun ! wer auf den Triumph des Augenblicks angewiesen ist , will in jedem Augenblick Triumphe . « » Natürlich ! wie sollen diese Künstler denn wissen , ob ihnen Auffassung und Darstellung gelungen , wenn das Publikum kein Zeichen des Beifalls giebt ? Die Malibran , von der man doch hätte glauben können , daß sie zum Voraus des tobendsten Beifalls gewiß sei , hörte und sah nichts vor Befangenheit , bis jubelnder Applaus ihre erste Scene belohnt hatte . Dann war sie sicher . « » Gott , welche traurige Existenz , trotz eines weltberühmten Talents so abhängig von der Laune des Publikums zu sein ! Jeder andre Künstler darf an die Nachwelt appelliren ; der Schauspieler hat es nur mit seinen Zeitgenossen zu thun . Wer ihn nicht sah , nicht hörte , weiß nichts von ihm . « Die Thür öffnete sich . Faustine trat ein . Frau von Eilau rief : » Je später der Abend , je schöner die Leute ! « ging ihr entgegen und umarmte sie herzlich . Faustine legte beide Hände auf ihre Schultern , und sagte eben so herzlich : » Liebe , Sie sind eine so kluge Frau ! sprechen Sie doch , bitte , mit Ihren eigenen Gedanken und nicht mit denen eines ganzen Volks . - Bon soir ! wie geht ' s ? charmirt Sie wiederzusehen ! « - wurde mit den Uebrigen gewechselt . Als Faustine eintrat , schlug der Mann , welcher ganz mit der Schachpartie und mit einer schönen Gegnerin beschäftigt war , die Augen auf und erkannte sie . Es war Graf Mengen . Sie sieht aber doch aus wie eine schöne Statue , dachte er , den ersten Eindruck festhaltend . Faustine war wieder ganz weiß gekleidet , und dann stand sie so graziös ! Schön tanzen können manche Frauen , schön gehen - wenige , schön stehen - die allerwenigsten . Woran es liegt , weiß ich nicht , vielleicht an der Ungewohnheit , vielleicht an zu engen Schuhen , vielleicht an einem Mangel an Selbständigkeit . Die meisten wackeln . Ruhig zu stehen , ist die Hauptsache beim Stehen ; aber darum darf es doch nicht schwerfällig , nicht bewegungslos , nicht plump