er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen könne , seitdem er , wie er glaubte , so unfreundlich behandelt worden war . Er seufzte tief , und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister , daß er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte , den der Arzt als so heilsam pries . Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager , und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob , sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thränen gebadet . Um Gottes Willen , rief er , was ist Ihnen begegnet ? Was kann Sie so erschüttern ? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben . St. Julien schämte sich seiner Schwäche und sagte , indem er die Thränen von den bleichen Wangen trocknete : Sie sehen , lieber Dübois , die lange entkräftende Krankheit macht mich so schwach , wie ein Kind . Ich weine , indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle , da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art , wie ich aus dem Regiment verschwunden bin , wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind , mich getödtet glauben muß . Dübois hatte schon einige Male versucht , das Gespräch darauf zu lenken , wie der junge Mann im Walde gefunden worden war , und hatte von ihm zu erfahren gewünscht , Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe , und weßhalb man ihn habe ermorden wollen ; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen , und der Haushofmeister war viel zu höflich , als daß er ihm eine Antwort hätte abdringen sollen . Auch dieß Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen Gegenstand zu erfahren . St. Julien wich nicht , wie gewöhnlich , dem Gespräch aus , sondern sagte mit milder , aber ernster Stimme : Sie haben mir so viel Gutes erwiesen , daß ich Ihnen undankbar erscheinen muß , wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche , aber selbst auf diese Gefahr hin muß ich über eine Sache schweigen , die nicht mich allein angeht , und ich bitte Sie , mich so wenig als möglich an diesen unglücklichen Tag zu erinnern . Diese wenigen Worte waren hinlänglich , um die Lippen des gutmüthigen , wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen , und er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen , als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat , einen Brief , den er ihm diktiren wollte , an seine Mutter zu schreiben . Ich kann nicht ruhig sein , sagte der Kranke , ehe sie nicht Nachricht von mir hat , und Sie wissen , in welchem Zustande mein Arm noch ist , ich darf noch nicht daran denken , selbst zu schreiben . Dübois setzte seine Brille auf , holte ein Schreibzeug herbei , legte Papier zurecht , und St. Julien diktirte ihm einen Brief , in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter aussprach . Er meldete ihr , daß ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe , durch den er von der Armee getrennt sei , er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrücken von der großen Hülfe , die er im Hause des Grafen gefunden , daß Thränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten , und er die Brille abnehmen mußte , um sich die Augen zu trocknen . Endlich , nachdem sich Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte , wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt , daß die Mutter des jungen Mannes Mittel finden möchte , ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen , damit er nicht länger gezwungen wäre , von den Wohlthaten Anderer zu leben , wie edelmüthig sie ihm auch erwiesen würden . Dübois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite ; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte , so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder , indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte . Als der Brief vollendet war , ließ der Kranke sich die Feder reichen , um mit höchster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben , und bat dann Dübois , den Brief dem Grafen offen zu überreichen , mit der Bitte , ihn an seine Mutter zu befördern ; denn gewiß , sagte er , kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen , ein Mittel zu finden , dieß Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befördern . Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen , und es schien , daß der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gäbe , denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gespräche , daß er entschlummert war . IX Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl , als eine Rolle mit hundert Dukaten an Dübois abgegegeben , um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das Schloß einzuhändigen , und der Haushofmeister saß deßwegen des andern Morgens am Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen , um seinen Auftrag auszurichten . Es war noch nich neun Uhr , als die kleine , leichte , aber nichts weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte , und er selbst mit der Pfeife im Munde abstieg und verdrießlich durch das offene Thor auf den Weg hinausschaute . Er hatte nicht lange wartend gestanden , als dieselbe Equipage , worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte , durch dasselbe lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde , gegen welche der Wagen des Geistlichen ein prächtiges Ansehen gewann , als nun beide neben einander hielten . Indeß Lorenz die Schnüre auflöste und so die Thüre seines Wagens öffnete , hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel , seinem Auftrag , gemäß , eingehändigt ; dieser steckte beides ein und befahl dann mit lauter Stimme , seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen , dagegen