sorgsamen Herrn des Hauses nach Rang und Würden auf das gewissenhafteste geordnet . Dieser sowohl , als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus , die einer an sich ehrenvollen , aber doch nicht ganz leichten Pflicht sich so gut als möglich zu entledigen suchen , und auch die Gesichter der Gäste zeigten im Ganzen mehr den Ausdruck einer höflichen Resignazion , als den des Vergnügens ; denn an einer dreistündigen Sitzung an der Tafel vermochten doch nur sehr wenige sich wirklich zu erfreuen . Eigentlich war aber auch von geselligen Vergnügungen bei einer solchen formellen Abspeisung nie sonderlich die Rede ; niemand machte Ansprüche daran und im Ganzen gieng es sehr still dabei her . Die Frauen beobachteten alles , zählten Schüsseln und Assietten , und überlegten , wie sie bei ihrem eignen nächsten Gastmahle deren noch ein paar mehr anbringen könnten ; die Männer assen , tranken , und liessen gegen das Ende der Mahlzeit ihren Witz in Ausbringung schalkhafter Gesundheiten leuchten . Alle aber , die Wirthe wie die Gäste , dankten Gott , wenn wieder einmal ein solches Vergnügen überstanden war . So sah es zu jener Zeit mit dem geselligen Vergnügen bei uns aus . Freilich hatte mein Vater im Auslande , besonders in Frankreich , eine leichtere und genusreichere Lebensweise kennen gelernt , doch er fühlte die Verpflichtung , sich nach den Gebräuchen des Ortes zu richten , in welchem er eine gastlich-freundliche Aufnahme fand ; überdem war er auch zu vernünftig , um gegen den Strom schwimmen zu wollen , was damals noch mit ganz besonderer Schwierigkeit verbunden war . Die Welt war gegen Sonderlinge und Neuerungssüchtige bei weitem nicht so tolerant als jezt , wo in jedem Winkel und auf jeder Schulbank Weltverbesserer mit grandiosen Ansichten sitzen , die alle ihr gläubiges Publikum finden . Jener Ausspruch : » Du Narr willst klüger sein als wir ! « mit welchem die ungebildeten Brüder von Gellerts tanzenden Bären diesen aus ihrer Mitte vertrieben , war damals noch in voller Kraft und ganz an der Tagesordnung . Mein Vater ließ es sich also gar nicht beikommen , an der Lebensweise seiner Freunde und Bekannten das mindeste abändern zu wollen ; er nahm an ihren Festen willigen Antheil , aber er hüthete sich zugleich gar sehr davor , sich mit den reichen Handelsherren , in deren Mitte er lebte , in einen Wettstreit einzulassen , bei dem er entweder mit Schande bestehen , oder sich und die Seinen zu Grunde richten mußte . Daher versammelte er in seinem Hause und an seinem mit anständiger Mässigkeit besezten Tische nur immer eine kleine Anzahl mit Auswahl zusammengebetener Gäste und das seltne Talent meiner Mutter , mit sehr Wenigem viel hervorzubringen , machte es uns leicht , diese kleinen Gastmahle ziemlich oft zu wiederholen . Die Ordnungsliebe der theuren Frau , der Scharfblick mit dem sie Alles von ihr mit Sorgfalt Aufbewahrte stets am rechten Orte zu benutzen verstand , gaben bei möglichster Ersparniß unserem Haushalte das Ansehen einer damals hier noch unbekannten Eleganz . Zwar nannte man unsre Lebensweise wohl zuweilen vornehm , aber man verzieh sie uns doch , weil man das Bewußtsein dabei behielt , uns an Reichthum und Pracht zu übertreffen . Man lebte sogar recht gern mit uns , weil meine Eltern mit dem Ausdrucke des herzlichsten Wohlwollens ächte Höflichkeit und jenen feinen geselligen Tackt verbanden , der uns lehrt , alles zu meiden , was auch den Geringsten in der Gesellschaft verletzen könnte und jedes so zu verstehen wie es gemeint ward . Mein Vater hatte sich diese Eigenschaften früher im Leben mit der Welt erworben , meiner wahrhaft liebenswürdigen anspruchslosen Mutter waren sie angeboren , und so erfreuten sich beide lange Jahre hindurch der Achtung und Liebe eines , aus ziemlich heterogenen Gestalten zusammengesetzten Kreises , dessen Mittelpunct sie waren , ohne je nach dieser Ehre gestrebt zu haben . Zwölf Jahre hindurch blieb ich das einzige Kind meiner Eltern , und genoß im Uebermaaße alles Glück und Unglück eines solchen , bis deine Mutter , liebe Vicktorine , geboren ward . Ich war von der Natur , sowohl geistig als körperlich mit den glücklichsten Anlagen ausgestattet , und meine Eltern sorgten auf das angelegentlichste für die fernere Ausbildung derselben ; ja ich darf wohl sagen , daß mein Vater , ganz gegen seine sonstige Art , verschwenderisch wurde , sobald es darauf ankam , irgend ein in mir schlummerndes Talent an das Licht zu rufen . So sorgsam er sonst alle neue fortlaufende Ausgaben vorher berechnete , so ernstlich er jede nicht durchaus nothwendige vermied , so sparte er doch nichts , um mir die ersten Lehrer in allem zu verschaffen wozu ich Lust oder Anlagen zeigte . Man hielt mir ganz gegen die damalige Gewohnheit , keine französische Gouvernante , ich ward auch in keiner Pensionsanstalt erzogen , denn meine Mutter hatte gegen beide Erziehungsmethoden einen unüberwindlichen Widerwillen , doch meine Eltern ersetzten dies überschwenglich durch die treue Aufmerksamkeit , mit der sie selbst über den Unterricht ihres Lieblings wachten . So machte ich denn in früher Jugend nicht ganz unbedeutende Fortschritte in der Musick , im Zeichnen und Miniaturmalen , in allem , worin nach der Meinung der jetzigen Zeit ein Mädchen unterrichtet werden muß , und schritt damit weit über die Gränze der damals gewöhnlichen Begriffe von weiblicher Erziehung hinaus . Diese drehte sich in einem weit engern Kreise herum , und die Kunstübungen eines Mädchens jener Zeit beschränkten sich gewöhnlich auf ein paar leidlich hergeklimperte Polonaisen , ein paar mühseelig durchgezeichnete Stickmuster höchstens auf ein ängstlich getuschtes Landschäftchen nach irgend einem Kupferstiche . Die mir angeborne Leichtigkeit , mit der ich fremde Sprachen erlernte , bewog unter andern meinen Vater , mir auch in der englischen und italienischen Sprache selbst Unterricht zu ertheilen . Französisch war ohnehin unsre tägliche Haussprache ; sobald wir unter uns allein waren , sprachen wir keine andere , denn dies war damals fast in allen adlichen Familien so