nicht höher auf , als er aufgenommen seyn will , « setzte er leiser , fast bittend , hinzu . Alles schwamm vor meinen Augen bei dem unerwarteten Glück , einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfüllen zu können . Ich hätte Aurelien , auf die ich eben erst zürnte , jetzt mit Freuden an mein Herz gedrückt , weil sie die Veranlassung dazu lieh , und ich hoffe , daß jede Spur des Unmuths in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem Herzen . Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen , sammelte Ernesto die Zeichnungen alle sorgfältig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel , mit der Erklärung , daß er sie als das gelungenste Werk seiner Schülerin aufbewahren wolle , und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zürnen konnten ihn bewegen , sie wieder herauszugeben . Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen , aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprächs , die Tante unterstützte sie auf das kräftigste , und so nahm es bald eine für mich erfreulichere Wendung , die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte . Ottokars Blick gleitete wärend dem Gespräch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab , ich sah es nicht , denn meine Augen senken sich immer vor den seinen , aber ich fühlte seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern . Jetzt bin ich allein , und das durch Ottokars Nähe unterdrückte bittre Gefühl regt sich von neuem in meiner Brust . Ach ich fürchte die Spottsucht , die flache Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen . Am besten wär es wohl für mich , ich ginge . Aber wohin ? Arme Gabriele , wohin ? Wo er nicht ist ? Freilich werden Tage kommen , an denen ich ihn nicht sehe , vielleicht ein Tag , der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet , aber soll ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn , weil vielleicht bald die Nacht herein brechen wird ? Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen , der eine gänzliche Umänderung in Gabrielens , ihr allmählich lieb gewordnen Lebensweise hervorbrachte . Von nun an ward sie die beständige Begleiterin ihrer Tante durch die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten , welche das Karneval in der großen , lebenslustigen Stadt herbeiführte . Bälle , Soirees , Schauspiele aller Art raubten ihr jeden Abend , und die Zurüstungen zu diesen verkümmerten ihr manche Morgenstunde , die sie sonst andern Beschäftigungen zu widmen gewohnt war . Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ängstliche Blödigkeit zu überwinden , welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht hatte . Es gelang ihr nach und nach . Das Blendende der Erscheinungen , das betäubende Geräusch verloren allmählich die Gewalt , ihr zu imponiren , ihre Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft nach den stillen , genußreichen Abenden sehnte , welche sie sonst bei Frau von Willnangen zu verleben gewohnt war , so gab es doch auch oft Stunden , in denen sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergötzte . Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant . Als eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Gräfin Rosenberg , in deren Begleitung sie überall erschien , verfehlte man zwar nicht , ihr die Aufmerksamkeit zu erzeigen , zu welcher dieses Verhältniß sie berechtigte ; aber eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind , und sie hätte gewiß an manchem Abend die Reihe der ungestört gähnenden Opfer der Sozietät vermehrt , welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht , wäre nicht Ernesto ihr treuer Beschützer geblieben , und hätte nicht Frau von Willnangen diesen Winter der gewohnten Ruhe weit öftrer als sonst entsagt , um ihren Liebling in so ungewohnten Verhältnissen nicht ganz verlassen zu wissen . Ottokar sah Gabrielen jetzt täglich , ohne daß beide einander deswegen viel näher gekommen wären . Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus , durch tausend kleine Aufmerksamkeiten , die er , als der Gast der Gräfin , ihnen vor andern schuldig zu seyn glaubte , übrigens aber blieb ihr gegenseitiges Verhältniß fremd und abgemessen wie zuvor . Nur selten , besonders aber am Neujahrsabende , bei ihrem Eintritt in die große Welt , hatte er ihr einige Theilnahme gezeigt . Die Gräfin feierte den Schluß des festlichen Tages mit einem Ball , den sie den jüngern Bekannten Aureliens gab . Einsam und vergessen saß Gabriele lange in einer Ecke des Tanzsaales . Sie gedachte der Neujahrsabende , welche sie als fröhliches Kind an der Hand der Mutter in den hohen , düstern Sälen von Schloß Aarheim verlebt hatte . Die Tanzmusik tönte nur wie aus weiter Ferne in ihre Träume , als Ottokar plötzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot , um auch sie den fröhlichen Reihen zuzuführen . Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens , ihr schwindelte , noch ehe sie den Tanzplatz betrat . Ottokar merkte ihr Schwanken , schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu , und umfaßte sie nur um so fester , um sie vor jedem möglichen Zufall zu sichern . Gabriele fühlte den Druck seines Arms , das Säuseln feines Athems in ihren Locken , sie sah sein freundliches Auge ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte , an ihn gelehnt , wie auf geflügelten Sohlen durch den weiten Saal , so leicht , so anmuthig , daß selbst die Tante ihr freundlich Beifall zunickte . Mit ihm so durch das Leben ! Der Gedanke flog zum ersten Mal wie ein Pfeil , in stechendem Schmerz , durch ihr Innres ; ein unendlich betrübendes Gefühl bewegte sie fast bis zum Weinen , und noch nie hatte sie sich so vereinzelt , so ganz verlassen gefühlt , als da Ottokar nach beendigtem Walzer sie zu einem Sitz führte und