ihr Bild herrsche , unwillkührlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Würde veredlen müsse . Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg . Ihm genügte es , sich stumm der Gewißheit zu überlassen , daß sie es sei , die er fuhr , und dies Gefühl , verbunden mit der eigenen Blödigkeit , die ihn in ihrer Nähe zu befallen pflegte , verschloß seine Lippen . Es schien ihm unbescheiden , hier , wo sie ihm nicht entrinnen konnte , die Rechte einer älteren Bekanntschaft geltend zu machen , und ihr irgend etwas zu sagen , was sie an die Vergangenheit erinnern , und so in Verlegenheit setzen , oder ihren Unwillen reizen könnte . Er wagte es daher nur , von der Schönheit des Abends zu reden , der , trotz der Kälte , aus dem tiefen Blau des sternbesäeten Himmels , und aus dem blitzenden Schneegewand der Erde , durch den Fackelglanz röthlich erhellt , mit streng nordischer Anmuth sie ansprach . Erna erwiederte einiges auf seine Bemerkungen . Der Ton ihrer Stimme war sanft und milde , und sie schien sich allmählig zu einer freiwilligeren Mittheilung zu bequemen , wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken fremdartiger Zurückgezogenheit sich erhielt . So sprach und fragte sie manches , unter andern wollte sie wissen , wem das Landhaus gehöre , das , als sie den Weg zurückgelegt hatten , aus einer entblätterten Baumgruppe heiter mit seinen hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhöhe dicht am Wege ihnen entgegen schaute . Er antwortete ihr , daß der Besitzer einer seiner Jugendfreunde sei , der früher bei seinem Regiment gestanden , seit Jahr und Tag aber seinen Abschied genommen , sich verheirathet , und diesen kleinen halb ländlichen halb städtischen Besitz , den er Sorgenfrei nenne , zu seinem beständigen Aufenthalt gewählt habe . Sie versetzte hierauf , daß schon beim früheren Vorüberfahren die simple Eleganz der Bauart und die schöne Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei , und daß sie begreife , wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens ansiedlen möge . Unter diesem Gespräch hatten sie die Thore der Residenz erreicht , und nach wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still . XVIII Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle , die zu der Wohnung der Geliebten führte . Zwar konnte er sich denken , daß das Allerheiligste derselben , ihr Zimmer , ihm verschlossen bleiben werde ; aber es waren doch dieselben Wände , die sie täglich umgaben , die er sehen , es war ihr häusliches Leben , das er beobachten sollte , und um keinen Preis der Welt hätte er das Recht vertauscht , sich nun mit eigenen Augen überzeugen zu dürfen , wie sie im engeren Kreise des heimathlichen Thuns und Wirkens sich bewege . Ohne Pracht , aber in einem edlen , gefälligen Styl war die Wohnung des Gesandten eingerichtet , und man athmete bald unwillkührlich einen Theil des Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein , welche nicht allein innerhalb der einfach geschmückten Räume , sondern auch in den Gemüthern ihrer Bewohner herrschte . Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin . Erna hatte sich einen Moment entfernt , um ihren Pelz abzustreifen , und erschien nun in einer zierlichen Hauskleidung , sich , - als sei hier ihre eigentliche Sphäre , - mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschäfte annehmend , die sonst der Wirthin obliegen . Als der Thee gebracht wurde , trat auch Linovsky herein , und mit ihm eine alte Bekanntschaft Alexanders , Auguste nämlich , vor deren strengem , kalt ihn messenden Blick sein der unbefangenen Freude geöffnetes Herz , gleichsam krampfhaft erstarrend , sich wieder zusammen zog . Sie schien nicht überrascht , ihn hier zu finden . - Dies war ihm ein Zeichen , daß Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte , da sie voraus wußte , er werde an der Gesellschaft Theil nehmen . Ohne Befremden , wohl aber mit einer gewissen frostigen Geringschätzung und mit jener Art von Scheu , mit welcher der Gesunde sich von dem Pestkranken abwenden würde , setzte sie sich neben ihn , und wurde ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer höchst drückenden , widerlichen Erscheinung . Ganz sicher hätte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen , wenn seiner Politik nicht die Nothwendigkeit eingeleuchtet wäre , sie als Erna ' s Freundin , die von je her einen fast mütterlichen Einfluß auf sie hatte , schonen zu müssen . Er stellte sich also , als übersähe er ihr unverbindliches Betragen , und - ohne die allgemeine Höflichkeit zu vernachläßigen , setzte er sich wohlweislich durch keine Annäherung der Gefahr aus , ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen . Eine Beobachtung , die er im Stillen machte , gab ihm indessen von der einen Seite das Wohlbehagen wieder , das von der andern ihm geraubt worden war . Denn er glaubte nämlich zu bemerken , daß zwischen Linovsky und Augusten ein Verhältnis existire , dessen Eigenthümlichkeit ihnen wenig Rücksicht auf Erna zu nehmen gestattete . Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller , inniger und zutraulicher Ton , daß man sie leicht hätte für ein Paar Verlobte halten können , die - nicht aus Leidenschaft , sondern aus Vernunft , ruhiger Ueberlegung und ächtem Wohlwollen sich gegenseitig fürs ganze Leben erkoren haben . Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit , faßte jede ihrer Aeußerungen auch in der leisesten Beziehung auf , richtete hauptsächlich an sie alles , was er sprach , und schien , sie nie aus den Augen verlierend , ihrem Urtheil stets das seinige zu unterwerfen . Sie hingegen nahm , als gebühre es ihr so , seine freundliche Beflissenheit um sie wie ein Recht auf , an das ein engeres Verhältnis ihr Ansprüche gegeben .