um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder niederzuschlagen , doch nicht aufhören konnte , mich durch immer wiederholtes Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen . Bei allem dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit , um , zu meinem Troste , wahrzunehmen , daß die andern Anwesenden ( den einzigen Eurybates vielleicht ausgenommen ) , jeder für sich zu stark mit unsrer schönen Wirthin beschäftigt waren , um sich viel um mich zu bekümmern . Auch blieb mir nicht unbemerkt , daß sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien , daß etwas Besonderes in mir vorgehe ; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verständiget hätten , würde die höfliche Kälte , womit sie sich gegen mich benahm , neue Zweifel haben erregen müssen . Diese nur mir verständlichen Blicke sagten mir so zuverlässig sie sey es , daß keine Möglichkeit zu zweifeln übrig blieb ; und nun war es auch um so viel leichter , die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft natürlich genug zu spielen , um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu täuschen , und den leisesten Verdacht eines frühern Verhältnisses zwischen uns unmöglich zu machen . Ich überließ mich jetzt mit meinem gewöhnlichen Frohsinn oder Leichtsinn , wenn du willst , dem heitern Genuß des schönsten Abends , den ich bisher erlebt hatte , und ich wollte alles in der Welt wetten , daß Tantalus an der Tafel Jupiters nicht halb so glücklich war , als ich im Speisesaal dieser irdischen Göttin , welche , nicht zufrieden , uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer Schönheit und ihres Witzes zu sättigen , außerdem noch allem aufgeboten hatte , was Land und Meer und die Kunst eines Korinthischen Kochs vermochte , um selbst den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen . Nimm es als einen Beweis der Stärke meiner Liebe zu dir auf , daß ich in diesen Stunden der süßesten Seelenberauschung , wo es so leicht war , ein letheisches Vergessen alles dessen , was man sonst liebte , aus den Augen dieser neuen Circe zu trinken , mehr als einmal herzlich wünschte : möchte doch mein Kleonidas hier seyn , wär ' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig ungetreu zu werden ! Es ist , denke ich , dem Menschen überhaupt , und vor allen dem Künstler , zuträglich , in allen Gattungen und Arten das Höchste gesehen zu haben . Eine vollkommene Schönheit ist in Griechenland und vermuthlich allenthalben etwas sehr Seltenes ; die Vereinigung einer solchen Schönheit mit geistigen Reizungen noch seltner . Dieß vorausgesetzt , ist die schöne Lais unter den Griechischen Weibern , was der Phönix unter den Vögeln ist . Ich habe die berühmte und von Sokrates selbst geschätzte Aspasia , wiewohl in einem schon ziemlich vorgerückten Alter , mehrmal gesehen und gesprochen ; sie kann selbst in der Blüthe ihrer Schönheit nie ein Recht gehabt haben , mit Lais um den goldnen Apfel zu streiten . An Stärke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der Vorzug bleiben ; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der Laune ist Lais vielleicht einzig . Die feinsten Wendungen der scherzenden oder nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so geläufig , als ob sie bei meinem alten Mentor in die Schule gegangen wäre . Sie spricht gern und viel , und findet immer den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen . Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu seyn , glaube ich voraus zu sehen , daß diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel Unheil unter den ohnehin so leicht entzündbaren Griechen unsrer Zeit anrichten wird , als die Tochter der Leda unter den Achäern und Trojanern des heroischen Zeitalters . Was sie in meinen Augen am gefährlichsten macht , ist ein gewisser unnennbarer Zauber , den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreißbaren Schlingen vergleichen würde , welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten um das Lager seiner treuen Gemahlin legte . Weil ich mich nicht gern mit unerklärbaren und nichts erklärenden Wörtern behelfe , so habe ich in aller Stille ausfindig zu machen gesucht , worin dieser magische Iynx77 ( mit Sokrates zu reden ) eigentlich bestehe , und , so viel ich jetzt davon sagen kann , dünkt mich , er liege darin , daß sie sich aller ihrer Reizungen immer bewußt ist , ohne daß es scheint , als ob sie ihrentwegen Anspruch an große Bewunderung mache , oder mit geheimen Anschlägen auf Eroberungen umgehe . Sie scheint in vollkommener Selbstgenügsamkeit sich mit der Gewißheit zu befriedigen , es hange nur von ihr ab , sobald sie Lust dazu habe , jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen - zum Narren zu machen ; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe , mehr über sie zu gewinnen , als sie ihm freiwillig einzuräumen geneigt sey . Sie bedient oder begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit , ohne Anschein einer besondern Absicht ; aber wenn sie sich dessen bedient , thut sie es öfters mit einem Muthwillen der an Grausamkeit gränzt , wiewohl es vielleicht bloßer Naturtrieb , ihre Macht zu versuchen , seyn mag . Sie schießt ihre Strahlen umher , wie die Sonne die ihrigen ergießt , unbekümmert wohin sie fallen und wie sie wirken , ob sie erwärmen und beleben , oder auftrocknen , versengen und zerstören . Daß die Sprache der Griechen keinen Namen für diesen gefährlichen Charakter hat , beweiset vermuthlich , daß die schöne Lais in ihrer Art die erste ist . Ich sehe dich für die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern ; aber sey unbesorgt , mein Freund ! Der Salamander , sagt man , befindet sich sehr wohl in eben dem Feuer , worin andre lebendige Wesen verzehrt werden . Ich schwöre dir , daß ich in meinem Leben nie freier , heitrer und aufgeräumter war als diesen Abend . Nicht als ob ich mich einer Gleichgültigkeit rühmen wolle , die