wußte nicht , was er ihr sagen oder was er thun solle , ihre Aufregung zu besänftigen . Er dachte gar nicht mehr an sich . Jetzt erfuhr er , was Vittoria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm bisweilen so fremd und unbegreiflich erschienen war . Sie war ihm auch fremd in ihrer Leidenschaft . Es kam mit einer heißen Angst der Gedanke über ihn , daß es seine Stiefmutter , daß es die Gattin seines Vaters sei , die also zu ihm spreche ; aber er hatte das Herz nicht , sie zu verdammen . Er fühlte ein unaussprechliches Mitleiden mit ihr , indeß er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts weiter . Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen , sie schien ihn fast vergessen zu haben . Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken . Sieh ' , sprach sie , wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so leer war und ich mir sagte , daß ich jung sei und noch lange leben müsse und daß ich Niemanden hätte , Niemanden , der mich liebte .... Vittoria , sagte Renatus schüchtern , mein Vater liebt Dich ! - Wie den Vogel , den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Käfig nährt , damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache , daß es Frühling sei ! Ist das Liebe ? Aber Du nahmst seine Hand an , obschon Du es sehen mußtest , daß sein Lebenswinter nahe sei ! Singe ich denn nicht , sieht er mich traurig , glaubt er mich nicht glücklich ? gab sie ihm zur Antwort . Du hast auch Valerio ! erinnerte er sie . Sie sah ihn an und schwieg . Ja , sagte sie danach , ich bin Deines Vaters Frau und ich habe einen Sohn ! Ich lebe für sie . Wer aber lebt für mich ? Valerio ist ein Kind , und mein Gatte ist ein Greis ! - Und wieder schwieg sie . Bin ich Dir denn nichts , nichts mehr , Vittoria ? fragte er , wie am Anfange ihrer Unterredung . Sie schüttelte verneinend das Haupt . Hildegard liebt nicht zu theilen , sprach sie , und Hildegard hat Recht ! Es wohnen nicht zwei Gefühle verträglich in einem Herzen bei einander ! Sie und Du - Du und sie , das ist Deine Zukunft ! Was kümmert Dich die meine ? Renatus verstummte . Er hatte , seit er sich ein selbständiges Urtheil über seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war , ihre Neigung zur Eifersucht gekannt und sie als einen Zug ihres National-Charakters angesehen ; aber daß dieselbe sich auch auf ihn erstrecken könne , hatte er nicht erwartet , und doch war es nicht diese Erfahrung , die ihn rathlos machte . Wer war der Mann , den Vittoria geliebt hatte ? Wann hatte sie ihn gekannt ? Wußte sein Vater davon , und was sollte er selber gegenüber den Geständnissen thun , die ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreißen lassen ? Er erschrak , als sein Vater eintrat , und doch war es ihm sehr willkommen , als derselbe ihn aufforderte , ihn auf einer Fahrt zu begleiten , die er unternehmen wollte , um sich zu überzeugen , wie man in Rothenfeld und in Neudorf die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe . Vittoria war aufgestanden , als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen , und hatte sich an das Fenster gestellt . Als sie den Kopf zurückwendete , war jede Spur der Leidenschaft , der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden , das dunkle Auge glänzte , als hätte es nie eine Thräne gekannt , der schöne Mund lächelte , als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglücks ausgesprochen . Sie verlangte mitzufahren . Der Freiherr , der nicht gewohnt war , ihr etwas abzuschlagen , machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam ; aber sie bestand auf ihrem Sinne , und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie , wenn auch vergebens , die Weigerung ihres Gatten zu bekämpfen und ihren Willen durchzusetzen . Renatus war dabei nicht wohl zu Muthe . Die Zärtlichkeit , welche sein Vater dieser Frau bewies , die Freude , mit der er sie betrachtete , die Befriedigung , mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte , thaten dem Sohne eben so wehe , als die Heiterkeit Vittoria ' s. Er glaubte zu bemerken , daß sie ihn ängstlich beobachte , und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der Lippe : Sprich nicht mit ihr , mein Vater , denn sie liebt Dich nicht ! Sprich nicht mit ihr , denn sie hat Dich verrathen ! - Aber durfte er dem Vater , dessen veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem verwichenen Abende , den Glauben an Vittoria rauben , ihm das Glück zerstören , das er in ihr besaß ? Hatte er ein Recht , ihr unseliges Geheimniß zu verrathen ? Durfte er vergessen , daß er sie selbst beklagenswerth gefunden hatte und daß sie ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag ? Was er erlebte , kam ihm fast unmöglich vor . Es waren die Gestalten , die er kannte , und sie waren es auch wieder nicht . Er liebte sie und hatte doch das alte Verhältniß nicht mehr zu ihnen . Er wollte sprechen und mußte schweigen . Er sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden . Nie im Leben hatte er eine größere Qual empfunden ! Er glaubte zu bemerken , daß Vittoria ' s Augen ihm mit Sorge folgten , daß sie ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wünsche ; er selber hätte sich der Nothwendigkeit , eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein , entziehen mögen , und doch