Fußtritte erschallten auf der Freitreppe vor dem Hause , und ich glaubte die Seufzer meiner Mutter zu vernehmen . Mit weit aufgerissenen Augen blickte ich um mich her , ich suchte eine Waffe ; ich wollte Mutter und Schwester , ich wollte mich vertheidigen . Ah ! neben meinem Bette befand sich eine Trophäe von Dolchen und Messern aller Art ; er hatte mich gestoßen , er hatte mich eine Schlange genannt , ich wollte es sein , - ich wollte ihn stechen . Ich kroch auf mein Lager zurück , ich faßte nach einer der Waffen - es war ein schuhlanges Messer , zweischneidig , oben breit , unten spitz , das mir am nächsten hing , es ging leicht aus der Scheide , ich hielt es in meiner Hand , und verbarg es hinter dem Rücken . - Ah ! da vernahm ich abermals die Stimme meiner Mutter ; in herzzerreißendem Tone rief sie vom Hofe zu den Fenstern hinauf : Meine Kinder ! laßt mir meine Kinder ! Der alte Mann beugte sich hinaus und rief hinab : Nur fort ! Nur fort ! werft sie in den Wagen und macht , daß ihr von dannen kommt . - Darauf hörte ich noch einen einzigen Schrei drunten , aber einen Schrei , dessen gräßlichen Ton ich nie vergessen werde . Man hörte den Wagen schließen , Peitschen knallen , dann knirrschten die Räder auf dem Sande . - Ich faßte das Messer fest in die Rechte , er am Fenster verschloß die Scheiben wieder und trat in das Zimmer zurück . Jetzt zu dir , Bürschlein , sagte er , und ging direkt auf mein Lager zu . In dem Augenblick war ich kein Kind mehr , ich fühlte nichts Menschliches in mir , ich war ein reißendes Thier , eine Schlange , eine wilde Katze . - Komm nur ! rief ich ihm entgegen , ich bin keine wehrlose Frau ; komm nur , ich will mich vertheidigen . Damit sprang ich in die Höhe , so daß ich auf meinem Bette stand . Die rechte Hand mit dem Messer hielt ich hinter meinem Rücken verborgen ; er ahnete davon nichts , sondern sprach lachend : die Peitsche wird dich geschmeidig machen . - - Das waren auf dieser Welt seine letzten Worte ; er war mir ganz nah , ich streckte plötzlich meine rechte Hand vor , und klug berechnend , daß mir zu einem Stoße die nöthige Kraft fehle , hielt ich den Arm steif und warf mich vom Bette herab ihm entgegen . Die Wucht meines kleinen aber doch schon schweren Körpers trieb ihm das zweischneidige Messer in die Brust , - ja in die Brust , und zwar tief hinein bis an ' s Heft . « » Gott , im Himmel ! « rief Herr Beil entsetzt , » das war ja ein Mord . « Der Baron hatte das Letzte mit steigender Heftigkeit erzählt ; sein Arm zuckte , seine Augen flammten , er warf sich mit dem Oberkörper vorwärts wie damals , als er jenen Stoß gethan ; dann flogen seine Finger weit aus einander , als lasse er das Heft des zweischneidigen Messers fahren ; doch versuchte er hierauf zu lächeln , strich sich mit der Hand über das Gesicht und sagte nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich wieder vollkommen gesammelt : » Eigentlich war es kein Mord , es war eine Nothwehr ; auch rächte ich meine Mutter . - Ich versichere Sie , bester Beil , eine höhere Macht hatte die Hand des Knaben gelenkt ; jener alte Mann war der Vertraute und schlechte Rathgeber des Lord K. , er hatte zu allem Dem beigetragen , was gegen die Mutter und uns unternommen wurde . « - Hier schwieg der Erzähler , ein finsteres Lächeln flog über seine Züge , während er die Glieder seiner goldenen Uhrkette langsam durch die Finger gleiten ließ . Vierundsechzigstes Kapitel . Ein wildes Leben . » Ah ! « fuhr nach einer Weile der Baron fort , » es ist ein eigenthümliches Gefühl , eines Menschen Blut zu vergießen . Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen ? « » Gott soll mich in Gnaden bewahren ! « erwiderte entsetzt der Andere . » Und wollten sich doch das Leben nehmen ! - Sehen Sie , wie vernünftig das Gespenst für Sie dachte . « » Meines Nächsten Blut ! Mich schaudert ' s , wenn ich daran denke . « » Ja , ja , « erwiderte nachsinnend der Baron , » den Nächsten trifft es meistens , denn bis weithin reicht die Schneide eines Dolches nicht . - Aber keine Wortklaubereien ; - in einem ähnlichen Falle wie dem eben erzählten kann man in späteren Jahren Alles vergessen , den Anblick dessen , der von unserer Hand fiel , sein Blut , das wir sahen ; nur etwas nicht , das ist das schreckliche Gefühl des Eindringens der Waffe . Ah ! das ist unvergeßlich ! « » Nun , es muß Sie trösten , « meinte gutmüthig Herr Beil , » daß Sie damals eigentlich noch unzurechnungsfähig waren - ein Kind . « » O sagen Sie das nicht , ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren , und war nachher so bedacht und entschlossen , daß man mir jetzt die Mutter nicht mehr geraubt hätte . - Doch das war vorbei . - Genug also , er fiel nieder , ich ließ natürlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett zurück . Die Thüren wurden hastig geöffnet , die Dienerschaft lief zusammen , ich hoffte immer , mein Vater werde auch erscheinen . Aber statt seiner erschien ein ältlicher Herr , mühsam am Stocke gehend , - mein Großvater ; ich sah das an der Ähnlichkeit mit meinem Vater , ich habe sein Bild nie vergessen . - Das da hat gute Geschichten gemacht , rief er