äußern Aussehen vorgegangen sein mußte , und er fühlte die Flucht und das Gewicht dieser sieben Jahre tief mit für die alternde Mutter . Seit seine erste Heimreise so romantisch unterbrochen worden und er in dem Hause des Gastfreundes gelebt , hatte er erst das Schreiben an sie immer aufgeschoben , weil er dachte , so bald als möglich selbst hinzukommen und mit seiner wohlhergestellten Person Ende gut , alles gut zu spielen . Dann , als er in die Liebeskrankheit verfiel , vergaß er sie zeitweise ganz , und wenn er an sie dachte , wäre es ihm nicht möglich gewesen , auch nur eine Zeile zu schreiben , sowenig als etwas anderes zu beginnen , und am wenigsten hätte er gewußt , in welchem Tone er an die Mutter schreiben sollte , ohne sie zu täuschen , da er selbst nicht wußte , ob er den Tod oder das Leben im Herzen trage . Er ließ daher die Dinge gehen , wie sie gingen , vertraute auf die gute Natur der Mutter und setzte ihre Ruhe mit seiner Ruhe auf die gleiche Karte . Jetzt aber befiel ihn , der noch vor kurzem einen so großen Respekt und eine gewisse Furcht vor dem jungen schönen Weibe gehegt , das er liebte , jetzt befiel ihn dieses Gefühl , wie eine Art Scheu , in verdoppeltem Maße vor der alten schwachen , lange nicht gesehenen Mutter , und es war ihm zu Mute , wie wenn er einer strengen Richterin entgegenginge , die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung zöge . Zugleich bemerkte er , sobald er einen Tag lang wieder ganz allein gewesen , daß unversehens der heillose Druck von Dortchens Bild , der , solange er mit dem Grafen noch fröhlich beisammen war , sich nicht hatte verspüren lassen , wieder in seiner Brust saß , und er mußte nun fürchten , daß dies nie wieder wegginge , ohne daß er etwas dazu tun konnte . Und zwar war es nun diesmal so , da er sonst ganz gefaßt und ruhig war , daß es ihm das Herz zusammenschnürte , ohne daß er besonders an sie dachte , und wenn er ganz beschäftigt mit anderen Dingen war , so wartete der verborgene Herzdrücker und harrte freundschaftlich aus , bis Heinrich sich an die Ursache erinnerte und über sie seufzte . Um dieser Dinge willen war er froh , einen mäßigen Umweg zu machen , um sich nur erst ein wenig zurechtzufinden , da ihm nun das Wiedersehen der Mutter wichtiger war , als wenn er vor eine Königin hätte treten müssen , und er doch mit Ruhe und Unbefangenheit ankommen wollte . So gelangte er an einem schönen Junimorgen in die alte schöne Stadt Basel und sah den Rhein wieder fließen , vorüber an dem alten Münster . Schon alle Straßen , die nach der Stadt führten , waren mit Tausenden von Fuhrwerken und Wagen bedeckt , welche eine unzählige Menschenmenge aus allen Gauen sowie aus dem Französischen und Deutschen nach Basel trugen ; die Stadt selbst aber war ganz mit Grün bedeckt und mit rot und weißen Tüchern , Flaggen und Fahnen , die von allen Türmen wehten . Denn es wurde heute die vierhundertjährige Jubelfeier der Schlacht bei St. Jakob an der Birs begangen , wo tausend Eidgenossen zehntausend Feinde totschlugen und deren vierzigtausend von den Landesgrenzen abhielten durch den eigenen Opfertod , während im Schoße des Vaterlandes der Bürgerkrieg wütete . Am gleichen Tage ward auch das große eidgenössische Schützenfest eröffnet , welches alle zwei Jahre wiederkehrt und dazumal in Basel den höchsten bisherigen Glanz und Gehalt erreichte , da es gegenüber der alten kraftlosen Tagsatzung das politische Rendezvous des Volkslebens war in einer gärenden Umwandlungszeit . So stieß Heinrich gleich beim Eintritt ins Land mitten auf seine rauschende und grollende Bewegung , und ohne auszuruhen , ging er mit den hunderttausend Zuschauern auf das Schlachtfeld hinaus und wieder zurück in die reiche Stadt , welche mit ihren zahlreichen silbernen und goldenen Ehrengefäßen den Wirt machte . Doch mit dem Mittage räumte die geschichtliche Feier der Vergangenheit der treibenden Gegenwart den Platz ein , und unter der großen Speisehütte des Schießplatzes aßen schon an diesem ersten Mittag fünftausend waffenkundige Männer zusammen , indessen am andern Ende des Platzes auf eine unabsehbare Scheibenreihe ein Rottenfeuer eröffnet wurde , welches acht Tage lang anhielt , ohne einen Augenblick aufzuhören . Dies war kein blindes Knattern wie von einem Regiment Soldaten , sondern zu jedem Schusse gehörte ein wohlzielender Mann mit hellen Augen , der in einem guten Rocke steckte , seiner Glieder mächtig war und wußte , was er wollte . Inmitten der hölzernen Feststadt , deren Ordnung , Gebrauch und Art trotz aller Luftigkeit herkömmlich und festgestellt war und ihre eigene Architektur erzeugt hatte , ragten drei monumentale Zeichen aus dem Wogen der Völkerschaft , die das große Viereck ausfüllte . Ganz in der Mitte die ungeheure grüne Tanne , aus deren Stamm ein vielröhriger Brunnen sein lebendiges Wasser in eine weite Schale goß . In einiger Entfernung davon stand die Fahnenburg , auf welche die Fahnen der stündlich ankommenden Schützengesellschaften gesteckt und unter deren Bogen dieselben begrüßt und verabschiedet und die letzten Handschläge , Vorsätze und Hoffnungen getauscht wurden . Auf der anderen Seite der Tanne war der Gabensaal , welcher die Preise und Geschenke enthielt aus dem ganzen Lande sowie von allen Orten diesseits und jenseits des Ozeans , vom Gestade des Mittelmeeres , von überall , wo nur eine kleine Zahl wanderlustiger , erwerbsfroher Schweizer sich aufhielt oder die Jugend auf fernen Schulen weilte . Der Gesamtwert erreichte diesmal eine größere Höhe als früher je , und das Silbergerät , die Waffen und andere gute Dinge waren massenhaft aufgetürmt . Während nun in den Stuben der Doktrinäre , in den Sälen der Staatsleute vom alten Metier und in der Halle des Bundes von Anno funfzehn das politische Fortgedeihen stockte und nichts anzufangen war , trieb und schoß dasselbe in mächtigen