auf das Neue , aber begütigend , wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war , sprach er : Vergiß nicht , Liebe , wie oft Du mir erzähltest , daß Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus gesehnt hast ! Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte , als ich mein Kloster zum ersten Male verließ . Was wußte ich von der Welt ? Ich war ein Kind ! Wie konnte ich begehren , was ich gar nicht kannte ? Und was hat sie mir geboten , diese Welt , in der ich lebe ? Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen . Es war das eine der Bewegungen , die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in einzelnen Augenblicken ähnlich machten , so wenig er ihm sonst auch glich . Er wollte seiner Stiefmutter verbergen , wie sie ihn verletzte , und sich zusammennehmend , fragte er sie mit sanfter Stimme : Und bin ich Dir denn nichts , Vittoria , gar nichts mehr ? Sie schüttelte das Haupt . Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man liebt nicht mit einem getheilten Herzen ! gab sie ihm abweisend zur Antwort , und wieder trat die frühere Stille ein , und wieder sahen sie beide schweigend in den kahlen , nassen Garten hinab und zu den schweren , grauen Wolken empor , die sich nicht zertheilen zu wollen schienen . Endlich raffte sich Renatus auf . Du bist sehr ungerecht , Vittoria ! sprach er , und er mußte innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben , welche er vor wenig Wochen mit Seba über seine Stiefmutter gepflogen , denn er wiederholte die Worte , deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte : Ich habe kein Glück mit meinen Müttern ! Kein Glück ? sprach Vittoria ihm nach , kein Glück ? Und wer hat denn Glück ? Habe ich es ? Habe ich es je gehabt ? - Sie wendete sich zu ihm , nahm ihn bei der Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder , auf dem sie vorhin gelegen hatte . Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke , in ihrer Stimme , selbst in der Kraft , mit welcher sie seine Hand ergriff und festhielt . Er hatte diese zarte Gestalt , er hatte die heitere Natur Vittoria ' s einer solchen Leidenschaft gar nicht für fähig gehalten , so gut er sie zu kennen gewähnt hatte . Weißt Du , was es heißt , fuhr sie in derselben Erregung fort , die um so heftiger erschien , als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte , weißt Du , was es heißt , wenn einem Menschen seine letzte Freude , seine letzte Zuversicht entrissen wird ? Weißt Du , was es heißt , keine Hoffnung mehr zu haben ? Vittoria , wie magst Du also reden ! mahnte der junge Mann , der sich nicht erklären konnte , was in ihrer Seele vorging . Sie lachte . Freilich , rief sie , schweigen , immerfort schweigen ; lachen , singen , immerfort lachen und singen und scherzen wäre besser gewesen ! Es ist ja so bequem , an das Glück der Menschen zu glauben , so angenehm , sich zu sagen , Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich ! Es ist ja so bequem , Dank zu ernten von einem Herzen , das zu großmüthig ist , sein Wehe laut auszuschreien und die Hand anzuklagen , die es aus dem Boden seines Vaterlandes riß , ohne ihm eine neue Heimath in der Fremde bereiten zu können ! Du sagst mir , ich hätte nie geliebt ! - Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen , das ihm in das Herz schnitt . - Und was ist ' s , fuhr sie fort , was Du von der Liebe weißt ? Glaubst Du , die blasse Empfindung , welche man seit Jahren in Dir großgezogen und die man zu benutzen verstanden hat , als man sie für reif hielt , das sei Liebe ? Ist diese blut-und phantasielose Hildegard , die älter ist , als Du , die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens , ist sie ein Weib , das lieben kann , das man lieben kann ? Ist sie in Dein Leben getreten so überraschend , so blendend , so überwältigend wie die Sonne , wenn sie plötzlich um Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen Augen und Du müßtest Dir sagen : Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde , nun bin ich erwacht und ich lebe ! ? Vittoria ! rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr , denn ihm bangte vor dem Geständnisse , das er zu hören fürchten mußte . Aber sie gab auf seine Mahnung nichts , und wie sich selber zur Genugthuung sprach sie : Hast Du es je empfunden , das Glück der Leidenschaft , das so groß ist , daß es kein Gestern hat und an kein Morgen denkt , weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt - das so groß ist , daß Recht und Unrecht , Tugend und Sünde davor wie leere Schemen in sich selbst zerfallen - so groß , daß nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt , ein einziger , der Schmerz der Endlichkeit ! Kennst Du solch ein Glück ? Er antwortete ihr nicht . - Und wenn sie nun kommt , die Trennungsstunde , wenn nun Alles vorüber ist und nichts mehr bleibt , als die Hoffnung eines Wiedersehens , und es kommt der Tag , der es verkündet : es gibt kein Wiedersehen , keines , keines ! Denn die Erde gibt nicht wieder , was sie verschlungen hat . Sie brach in lautes Weinen aus , Renatus lag zu ihren Füßen und preßte ihre Hände in die seinigen . Er