Gelde nöthig ! ging sie hinaus und stieg die Treppe hinauf , die zu der Hausthürflur führte . Wie unangenehm überrascht war aber Herr Mullrich , als er sich eben im Bett behäbig dehnte und seine Rühreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte , als seine Ehehälfte nach einigen Augenblicken rasch die Thür aufriß und mit erschrockener Hast und Eile und höchst ehrerbietig ihm zurief : Mullrich ! Mullrich ! Es ist der Herr Oberkommissär ! Fünftes Capitel Die Lauscherin O weh , dachte Mullrich , das raubt dir die Nachtruhe . Da soll etwas ausgeführt werden ! Indem hörte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner Frau gegen den Herrn Oberkommissär Pax , den sie zu unterhalten suchte , bis Mullrich sich leidlich angezogen hatte , eintrat und kleinlaut grüßte : Guten Abend , Herr Oberkommissär . Guten Abend Mullrich ! Es gibt wol noch etwas ? Der Oberkommissär Pax , ein militairisch sicher auftretender Mann , mit starker Baßstimme , sagte : Mullrich , ja ! Aber Sie können ein paar Stunden schlafen . Herr Pax , morgen früh um fünf Uhr hab ' ich schon Was ... Mit Kümmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustraße ? Weiß ich schon . Aber es ist heute Nacht großes Gartenfest in der Fortuna . Da gibt ' s allerlei Leute zu beobachten , die mir soeben signalisirt sind . Es hilft nichts . Sie können zwei Stunden schlafen . Um zwölf müssen Sie aber in die Fortuna , wo ' s bis zum Morgen hergeht . Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann können Sie sich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen . Hier sind ein paar Signalements , auf die in der Fortuna gepaßt werden soll . Ich werde selbst in der Nähe sein , aber incognito ... Mullrich nickte etwas verdrießlich und nahm einige dargebotene Papiere an sich , während seine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommissärs mit den ergebensten Interjectionen als : Schön ! Sehr schön ! Sehr wohl ! angenehm ausschmückte . Der Oberkommissär Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein seltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktischen Polizei . In jüngern Jahren Wachtmeister der Cavalerie , dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen , hatte er Veranlassung gehabt , der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen , die Heinrichson jetzt ihrer Gebieterin widmete . Aus ihrem Pflegling und Schützling war Pax eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden ; jetzt galt der vierzigjährige , sehr stattliche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben . Ihr verdankte er seine Anstellung , ihr eine sehr behagliche Existenz , die ihn jedoch nicht hinderte , seinen Obliegenheiten mit seltener Pünktlichkeit nachzukommen . Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhänglich und treu . Die Aussicht , einmal die aufgehäuften Ersparnisse der gefährlichen Matrone zu erben , spornte seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimräthin unterrichtet , wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte . Aber es gab noch manche andere Gelegenheit , sich seinen Gönnern dienstwillig zu erweisen . Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage , die er an Frau Mullrich richtete : Also die Maler-Guste ist ausgeflogen ? Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissär ? fragte die Alte . Auguste Ludmer ... Richtig ! Ha ! Ha ! Die Maler-Guste ! Hat sie den Namen ? Hier nannten sie die Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte . Ja , Herr Oberkommissär , vier Thaler , zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen ... Sie ist aber nicht nach Hamburg , sie ist hier ... Mullrich ... Mullrich war etwas schläfrig im Zuhören . Ja , Herr Oberkommissär , sagte er apathisch ... Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf . Ja ? sagte sie . Die Maler-Guste ? Nummer 17 ? Hörst du denn nicht ? Passen Sie in der Fortuna auch auf die Maler-Guste ... Sie soll auf ganz neue Sprünge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax . Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müssen ! meinte Mullrich , nun sich sammelnd . Seine Gemahlin schwieg jetzt . Sie kannte den Haß des Oberkommissärs gegen ein Mädchen , das mit vollem Rechte behaupten konnte , die Nichte der Madame Ludmer zu sein , während der Herr Oberkommissär , der sich den Neffen derselben nannte , nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden Maler-Guste in Anspruch nehmen durfte . Früher , als dies bildschöne Mädchen den Künstlern Modell stand und sich eines » soliden « Rufes erfreute , konnte ihr der Oberkommissär wenig anhaben ; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr gesunken war , hatte er Grund , eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen , wodurch sie zuletzt veranlaßt wurde , in diese dunkle , abgelegene Brandgasse , in diese armseligen Familienhäuser zu ziehen , wo es ihr schlecht genug ergangen sein mußte , trotzdem , daß sich Bartusch für ihre noch immer nicht ganz zu Grunde gerichtete Schönheit interessirte . Auguste Ludmer war durch eigenthümliche Schicksale , die wir noch näher werden kennen lernen , ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden , in die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrängnisse ein ursprünglich nicht schlechtes weibliches Wesen führen kann ... Der Oberkommissär schärfte Mullrich ein , ein » fixes « Auge auf die Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen , obgleich sie schon seit langer Zeit der Künstlerwelt entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen Bildern angehörte , zu denen sie früher die Anschauung ihrer schönen Formen geliefert hatte ... Es war schon völlig dunkel geworden , aber das scharfe Auge des Oberkommissärs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes , mit dem er in ziemlich naher Verbindung stand ... Ist Das nicht ? ... sagte er . Herr Schmelzing ! Soll ich