seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt , sie hatte ihn undankbar genannt . Er hatte ihr vorgeworfen , daß sie nie empfunden habe , was Liebe sei ; sie hatte ihn daran erinnert , daß es dem Sohne seines Vaters übel anstehe , es ihr in das Gedächtniß zu rufen , was ihre Ehe ihr versagt habe ; und bei jedem Tadel , bei jedem Vorwurfe , mit dem sie einander entgegentraten , schärfte der Gedanke , daß es eben Vittoria , daß es eben Renatus sei , der sich also ausspreche , den Stachel , mit dem sie einander verwundeten . Denn Niemand kann uns so tief verletzen , als die Hand eines sehr Geliebten . Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung über sein Wollen hinausgetrieben wird , bis man endlich , gewaltsam einhaltend , mit Erschrecken wahrnimmt , daß man hart am Rande eines Abgrundes steht , so saßen Renatus und Vittoria einander gegenüber . Das Herz war beiden schwer , beiden that die Bitterkeit wehe , die sie gegen den Andern empfanden , Jeder von ihnen hätte einlenken mögen , aber sie konnten den Weg dazu nicht finden , und selbst die urprüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderniß zwischen ihnen , obschon beide des Französischen völlig mächtig waren , das ihnen von jeher zur Vermittlerin gedient hatte . Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe , wie regungslos Vittoria zu Boden blickte , mit welch maschinenmäßiger Sicherheit sie ihren Fächer handhabte . Er hoffte , sie werde ihn einmal fallen lassen , er wünschte ihn aufheben , ihn ihr reichen , irgend eine Veranlassung finden zu können , die es ihm nöthig oder auch nur möglich machte , ein Wort zu ihr zu sprechen , einen Blick von ihr zu erhaschen , ihren Dank zu vernehmen . Es war ihm zu Muthe , als habe man ihm ein lang besessenes Gut entrissen , als habe man ihm mit einer theuren Erinnerung ein Stück seines Lebens genommen , als habe er etwas Unschätzbares vergessen , als habe auch Vittoria ihn vergessen . Er lebte wie unter einem Zauberbanne , und er meinte , Ein Wort , das erste , beste , gleichgültige Wort , müsse diese unselige Verzauberung lösen , müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtniß wiedergeben können , das Gedächtniß all der langen Freundschaft , all der heiteren , überströmenden Neigung , die sie für einander in der Brust getragen bis auf diese Stunde . Er wollte immer sagen : Besinne Dich , Vittoria , ich bin ' s ! Er sagte sich innerlich fortwährend : Es ist ja Vittoria ! - Aber der Bann der harten , unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer und machte ihn immer unfähiger , sich zu befreien . Und dazwischen dachte er mit Mißmuth und mit Sorge an Hildegard , welche die unschuldige Ursache all seines Schmerzes war . Endlich erhob Vittoria das Haupt . Renatus hätte ihr schon dafür danken mögen . Sie sah ihn an , flüchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorüberstreifend , sah in die Flammen , als gewahre sie erst jetzt , daß diese im Erlöschen seien , blickte dann in das Freie hinaus , wie wenn sie den langsamen Fall der feinen , dichten Regentropfen betrachtete , und sprach zusammenschauernd die Worte , mit denen Dante seinen Eintritt in den dritten Höllenkreis bezeichnet : I ' sono al terzo cerchio della piova Eterna , maledetta , fredda e greve ! 1 O , mag es regnen ! rief Renatus , indem er sich , schon durch den Klang ihrer Stimme erfreut , zu ihr hinüberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte , mag es doch regnen , wenn Du nur wieder mit mir sprichst ! - Aber sie nahm seine dargebotene Rechte nicht an . Er hatte also die Kränkung , sie zurückziehen zu müssen , und doch ließ er sich dadurch nicht entmuthigen . Mit ihr von dem Gegenstande zu reden , der sie so weit von einander entfernt hatte , noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung zurückzuwenden , konnte und mochte er nicht wagen , da ihm an einer Versöhnung mit Vittoria gelegen war , und sich selbst verleugnend , indem er zu dem Aeußerlichsten , zu dem Gleichgültigsten seine Zuflucht nahm , bat er : Habe Geduld mit diesem Wetter , Geduld mit unserem Klima ! Aber er konnte nicht von sich selber los , und mit bewegter Stimme fügte er hinzu : Muß ich doch jetzt mich auch gedulden , bis Du mich ruhiger hören , bis Du wieder die rechte Vittoria , meine Vittoria sein willst ! Nur ein paar Tage noch , und die Sonne und der Frühling sind wieder einmal da ! Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen , was wir den größten Theil des Jahres hindurch entbehren müssen ! entgegnete sie ihm , sich nur an seine letzten Worte haltend . Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an eines der Fenster heran . Renatus folgte ihr dahin nach . Sie stützte die Stirn gegen die Scheiben , schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park hinunter , dessen kahle Bäume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen , während der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben anfing . Heute feiern sie in unserem Kloster , hob sie dann mit einem Male wie aus langem Rückerinnern an , den Namenstag unserer Aebtissin , der guten Mutter Benedicta . Wie blühte da Alles in unserem Lande , wie schwamm der Klostergarten in Licht und Duft ! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste , welche kamen , der Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen ! Hätte der Himmel mir statt meines Valerio eine Tochter beschieden , ich hätte sie in das Kloster gesendet ! Ich war sehr glücklich in dem Kloster ! Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich